Sechs Jahre nach seiner Haftentlassung

FCB erpresst: Diese Fehler überführten den Besenstielräuber

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Harald Zirngibl 2011 ganz privat am Kaffeetisch.

München - Sechs Jahre nach seiner Haftentlassung hat der berüchtigte Besenstielräuber Harald Zirngibl (16 Banküberfälle mit 73 Geiselnahmen und 4,7 Millionen D-Mark Beute) nun versucht, den FC Bayern zu erpressen!

Auf dem Parkplatz des Busbahnhofes im niederbayerischen Mainburg schrieb die Münchner Polizei am Montag Kriminalgeschichte. Dort wurde um Punkt 17.06 Uhr ein hochkrimineller Mann festgenommen, dessen sagenhafte Selbstüberschätzung bereits in den 1990er-Jahren die Schlagzeilen beherrschte: Sechs Jahre nach seiner Haftentlassung hat der berüchtigte Besenstielräuber Harald Zirngibl (16 vollendete Banküberfälle mit insgesamt 73 Geiselnahmen und 4,7 Millionen D-Mark Beute) nun versucht, den FC Bayern zu erpressen!

Zirngibl sitzt seit Dienstagmittag wegen des Verdachts der versuchten räuberischen Erpressung in U-Haft. Darauf stehen bis zu 15 Jahre Haft. Mit seiner kriminellen Vorgeschichte wird der einstige Lebemann (siehe Bericht unten) den Rest seines verpfuschten Lebens vermutlich in einem Gefängnis verbringen.

Der erste Brief kam am 9. Februar in der Zentrale des FC Bayern in der Säbener Straße an, der zweite folgte am 15. Februar.

Beim FC Bayern ging am Faschingsdienstag (9. Februar) ein Erpresserschreiben mit ziemlich diffusen (Terror)-Drohungen ein. „Die Gefahr lauert immer und überall“, war dort zu lesen und auch dieser Satz: „Vielleicht wird da auch mal eine ferngesteuerte Drohne über dem Parkplatz kreisen.“ Dem (offenbar mit Handschuhen geschriebenen) Brief lag nach Schilderung von Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch eine Prepaid-Karte bei, auf der sich der Erpresser zur gegebenen Zeit melden würde. Das war schon der erste einer ganzen Reihe von Fehlern, bei der Zirngibl die Polizei – wieder einmal – unterschätzte, Denn auch Handys mit Prepaid-Karten lassen sich orten. Als Lösegeld verlangte der Erpresser eine Million Euro in 500er-Scheinen, weitere 1,1 Millionen Schweizer Franken in 1000er-Scheinen sowie eine in Karat und Farbe genau definierte Zahl von Diamanten – alles zusammen drei Millionen Euro wert. Der Brief enthielt auch eine Warnung: „Keine Peilsender! Keine Polizei!“ Der FC Bayern schaltete sofort die Polizei ein. Am 15. Februar kam ein zweiter Brief. Zirngibl hatte offenbar gelesen, dass 500-Euro-Scheine eingestampft werden sollen und wollte nun eben 200-Euro-Scheine.

Kriminaldirektor Stefan Kastner leitete die Ermittlungsgruppe „Südstern“.

Mit der gut 150 Mann starken Ermittlungsgruppe „Südstern“ unter Kriminaldirektor Stefan Kastner ging die Polizei auf die Jagd. Polizeipsychologen erstellten ein Psychogramm des Täters. Auch die Cybercrime-Mannschaft heftete sich an seine Fersen. Andere Ermittler durchforsteten die Dateien nach in Frage kommenden Haftentlassenen. Am Montag meldete sich Zirngibl um 11 Uhr. Da hatte die Polizei bereits eine Ahnung von seiner Identität. Nach einer Cyber-Schnitzeljagd wurde Zirngibl in Begleitung seiner ahnungslosen Lebensgefährtin (63) gegen 17 Uhr in seinem VW Eos-Cabrio auf dem Parkplatz in Mainburg geortet. In Sekundenschnelle wurde der überraschte Zirngibl überwältigt. Und für Kriminaldirektor Kastner schloss sich ein Kreis: Der ehemalige SEK-Chef war schon 1998 als junger Beamter bei der Großfahndung nach dem Besenstielräuber eingesetzt worden.

Besenstielräuber: Seine Taten 

  • 24.02.1992: Volksbank Feldafing, Bankausspähung
  • 13.03.1992: wieder Volksbank Feldafing, Bankausspähung
  • 23.03.1992: Sparkasse Bernried, 122.000 Mark
  • 10.09.1992: Raiffeisenbank Feldafing, 61.000 Mark
  • 13.11.1992: Sparkasse Gelting, 82.310 Mark
  • 03.03.1993: Raiffeisenbank Wörthsee, 101.000 Mark
  • 08.06.1993: Sparkasse Viecht, 90.000 Mark
  • 03.09.1993: Raiffeisenbank Percha, 3500 Mark
  • 05.11.1993: Hypobank München, Mailänder Straße, 600.000 Mark
  • 01.07.1994: Vereinsbank München, Burgkmairstraße,345.000 Mark
  • 03.11.1994: Raiffeisenbank Feldafing, 204.000 Mark
  • 09.01.1995: Hypobank Fürstenried, 1.445.000 Mark
  • 20.12.1995: Raiffeisenbank Sauerlach, 68.000 Mark
  • 19.01.1996: Raiffeisenbank Straßlach, 64.000 Mark.
  • 26.02.1996: Hypobank München, Sendlinger Straße, 500.000 Mark.
  • 04.04.1996: Stadtsparkasse München, Gärtnerplatz, Versuch
  • 22.01.1997: Hypobank München, Orleansstraße, 273.000 Mark
  • 08.08.1997: Commerzbank München, Am Schützeneck, 360.000 Mark
  • 17.03.1998: Sparda Bank, München, Spiegelstraße, Versuch
  • 20.03.1998: Hausbank München, Schleißheimer Straße, 300.000 Mark
  • 03.11.1998: Raiffeisenbank Percha, Versuch
  • Fasching 2016: Erpresserbrief an den FC Bayern München, Säbener Straße

Gesamtbeute: 4.618.810 Mark.

Das fiese Spiel des Gentlemen-Räubers

Nicht kleckern, sondern klotzen – das war stets das Lebensmotto des kleinen Industriekaufmanns aus Niederbayern, der schon immer von einem Leben im Luxus träumte. Doch schon sein erster Ausflug in die Finanzwelt endete mit dem Ruin. Das war Ende 1991. Am 23. März 1992 überfällt Harald Zirngibl die Sparkasse Bernried – die erste von 16 in den nächsten sechs Jahren. Gleich beim ersten Mal erbeutet er 122.000 Euro – der Beginn des absoluten Größenwahns. Er fährt schöne Autos, mietet für horrendes Geld ein Büro in der Münchner Innenstadt, investiert in alle möglichen Projekte, wird betrogen und verliert des Rest bei einem angeblich todsicheren Roulette-System. Die erbeuteten Millionen steigen ihm zu Kopfe. Er lebt mittlerweile in Spanien, fliegt nur noch für seine Raubzüge ein. In immer neuen, irrwitzigen Verkleidungen spielt er Katz‘ und Maus mit der Polizei, die zuletzt zeitgleich bis zu 80 Banken überwacht. Seinen Spitznamen bekommt er, weil er seine Geiseln oft einschließt und die Tür von außen mit dem Besenstiel verkeilt. Als Waffe verwendet er eine echt wirkende Gaspistole. Er sagt oft „Bitte“ und „Danke“, bietet Schwangeren und älteren Geiseln zuweilen einen Stuhl an, was ihm den Beinamen „Gentleman“ einbringt. Kriminaldirektor Stefan Kastner findet das rückblickend unverschämt: „Dieser Mann hat 73 Geiseln zum Teil schwerst traumatisiert. Da kann man nicht von Höflichkeit sprechen.“ Am 3.November 1998 endet Zirngibls Raubzug. Bei seinem letzten Überfall in Percha wird er gefasst und 1999 zu 13,5 Jahren Haft verdonnert.

Der Richter lässt ihn nach zehn Jahren wieder laufen – in der Hoffnung, Zirngibl habe sich aufgrund seines Alters geläutert. Tatsächlich scheint sich Bayerns schlimmster Serienräuber zu fangen. Er zieht zu seinem betagten Vater und schreibt nicht ohne Stolz ein Buch. Darin kommt die Polizei nicht besonders gut weg, was ihm später leid tut: „Heute denke ich mir oft: ,Mein Gott, bist du blöd gewesen’“. Und er entschuldigt sich auch bei den Geiseln: „Ich habe viele Menschen zutiefst erschreckt. Das tut mir sehr leid.“ Mit 59 Jahren fällt es ihm schwer, in den Arbeitsalltag zurückzufinden. Er wird öfter erkannt, erlebt unverhohlenes Misstrauen und reagiert gekränkt: „Die wahre Strafe kommt erst nach der Entlassung,“ sagte er im Herbst 2011 frustriert. Er versucht sich als Erotik-Künstler. Doch das Geschäft kommt nicht in Gang.

Auch seine Beziehungen sind nicht von langer Dauer. Zuletzt hatte Harald Zirngibl eine Lebensgefährtin (63), wohnte aber allein in Olching. Als ihm die Arbeitslosenhilfe gestrichen wird, fällt er in alte Muster. Anfang Februar schreibt er seinen Erpresserbrief und verpfuscht sein Leben zum zweiten Mal – diesmal wohl für immer.

Dorita Plange

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