Das große Graben

So sah München Anfang der 70er-Jahre aus

München U-Bahn-Bau S-Bahn-Bau 70er Jahre
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11 Uhr auf dem Marienplatz ist Zeit fürs Glockenspiel – keine Absperrung, keine Schnur, kein Gitter, kein Zaun trennte die Touristen unter dem Neuen Rathaus von der 30 Meter tiefen Baugrube des U- und S-Bahnhofes. Wie durch ein Wunder ist niemand hineingefallen, obwohl alle eine Viertelstunde lang nur nach oben blickten.
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Die Baustelle auf dem Marienplatz.
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Unter dem Marienplatz, noch ohne Zwischengeschoss: Eine Mega-Halle.
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Ein Blick auf den Marienplatz. Bessergesagt Mariengrube.
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Offene Baugrube von Schwabing zum Odeonsplatz: Die Straßenbahn fuhr auf riesigen Stahlträgern über das U-Bahn-Bauloch von der Münchner Freiheit bis zum Odeonsplatz, Autos durften mal links, mal rechts, mal gar nicht dahinschleichen und Fußgänger suchten sich selbst irgendeinen Wanderweg durch das Baumaschinenparadies.
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Ohne Promis und Medienspektakel, dafür mit 1500 Dackeln und lustigen Münchnern feierte Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel das Ende der Baugrubenzeit und die Eröffnung der Fußgängerzone.
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Das erste moderne Hochhaus Münchens steht längst unter Denkmalschutz: 1974 begann der Bau des 113 Meter hohen Hypo-Towers. Ein Höhepunkt!
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Pünktlich zu Olympia wurde der 99,5 Meter hohe BMW-Vierzylinder fertiggestellt – hier ein Foto aus der Bauzeit. Während der Spiele musste er auf seinen Namen verzichten: Das BMW-Logo wurde abmontiert, weil die Olympiaveranstalter keine kostenlose Werbung duldeten …

München - München war in den 70er-Jahren eine einzige große Baustelle – die nicht mehr ganz jungen Semester werden sich noch gut daran erinnern. Die Innenstadt: eine chaotische Baggerlandschaft. Sehen Sie hier Bilder aus jener Zeit.

Kultig, kultiger, 70er! Manch einer mag zwar lächeln über riesige Sonnenbrillen und quietschbunte Tapeten – trotzdem hat keine Epoche der Nachkriegszeit das München von heute so geprägt und in aller Welt populär gemacht wie die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Generation 60 plus wird sich mit Wehmut an diese wilde Zeit erinnern – und die Jüngeren werden große Augen machen, wie narrisch, wie nackert und wie verrückt es damals in München zuging, wenn sie die große Serie der tz lesen. Denn: Im Verlauf dieser zwei Wochen wollen wir in Nostalgie schwelgen, wollen Ihnen täglich einen spannenden Aspekt der 70er zeigen. tz-Fotograf und -Autor Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf eine Zeitreise, zeigt Ihnen die besten Fotos und erzählt Ihnen die spannendsten Geschichten. Heute widmen wir uns dem Jahr 1 der Dekade – und die steht unter einem sehr lauten und geschäftigen Stern. Schließlich machte sich München fit für die Olympischen Spiele 1972. Und in der Stadt hieß es: Pack ma’s, bau ma!

Das große Graben

München war in den 70er-Jahren eine einzige große Baustelle – die nicht mehr ganz jungen Semester werden sich noch gut daran erinnern. Die Innenstadt: eine chaotische Baggerlandschaft. Klar, schließlich standen die Olympischen Spiele vor der Tür, die Stadt erwartete Gäste und Sportler aus aller Welt. Es musste schnell gehen – egal wie.

Wer etwas jünger ist, wird nur schwache Kindheitserinnerungen an diese Baugrubenzeit haben, und die noch Jüngeren wissen das gar nicht mehr. Doch Bilder sagen mehr als tausend Worte, darum erinnert die tz mit diesen Ansichten an das Baugruben-München dieser Zeit, aus der unsere heutige kultige Stadt hervorgegangen ist: die einmaligen Fußgängerzonen, die bequemen U-Bahn- und S-Bahn-Verbindungen, das Olympiagelände und die ersten spektakulären Hochhäuser Hypo-Tower und BMW-Vierylinder, die heute schon wieder unter Denkmalschutz stehen. Die einen nannten es „Münchens Goldene Jahre“, wie der damalige OB Hans-Jochen Vogel (90, SPD), weil alle Olympia-Baumaßnahmen die Stadt nur ein Drittel gekostet haben und der Rest vom Land Bayern und vom Bund getragen wurden. Die anderen sahen die „zweite Zerstörung Münchens“ – wie der Architekt Dr. Schleich: Vieles vom „alten München“ gehe unwiederbringlich verloren.

1970 war München zu einer Stadt voller Löcher geworden, mit unzähligen Trampelpfaden, Straßensperren, Kiesbergen, Umleitungen und Baugruben. Das größte Problem waren die Baukosten, besser gesagt die vorhergesagten Baukosten. Die hätten alle in ein Märchenbuch gepasst, weil sie allesamt märchenhaft falsch berechnet waren: Für die Stachus-Baugrube wurden 13,5 Millionen Mark geplant und endeten im „Stachus-Skandal“ mit über 100 Millionen Mark. Die Gesamtkosten für die Olympischen Spiele wurden zu Beginn der Planungen mit 500 Millionen Mark angesetzt, sauber gedrittelt von Stadt, Bayern und Bund zu bezahlen. Niemand hat an diese Summe geglaubt, nicht mal Bayerns Finanzminister Konrad Pöhner: „Franz Josef Strauß hat mir gesagt, rechnen wir im Stillen mit einer Milliarde Mark.“ Am Ende wurden es 1,972 Milliarden, die nur durch die Einnahmen der Glücksspirale gedeckt werden konnten. Als aber die Kräne abgebaut waren und München leuchtete wie noch nie, waren sich alle einig: Es hat sich gelohnt.

Heute würde der Abschluss einer so riesigen Bauunternehmung mit viel Prominenz, roten Teppichen, Gala-Events und glitzerndem Medienspektakel gefeiert werden. Nicht so in München am 10. Januar 1972: Als alle Baugruben verschwunden waren, spazierte Oberbürgermeister Vogel mit gut 1500 Münchner Dackeln sowie ihren Herrchen und Frauchen vom Stachus durch die nagelneue Fußgängerzone zum Marienplatz und feierte dort mit viel „Wauwau“, Leberkässemmeln und Freibier die neue fußgänger- und dackelfreundliche Münchner Innenstadt.

Das Jahr 1970 im Zeitraffer:

15.1. Der spätere US-Präsident Bill Clinton, damals noch Student, besucht einige Spezln in Schwabing – und feiert auch eine Faschingsparty mit.

Januar: Das Arabella-Hochhaus ist fertig und wird schon bald mit seinen 23 Stockwerken vom Hypo-Tower getoppt.

10.2.: Flughafen Riem: Drei arabische Terroristen greifen eine israelische Maschine an – ein Toter und mehrere Verletzte, die Täter werden gefasst.

20.2.: Die Bauarbeiten für die neue BMW-Zentrale ­beginnen – der Vierzylinder soll später ein Wahrzeichen werden.

6.3.: Der „König von Schwabing“, Anusch Samy, verunglückt tödlich bei einem Flugzeugabsturz. Der Gastronom führte das legendäre Citta 2000.

27.5.: Das Bayerische Landesamt für Statistik meldet, dass die Landeshauptstadt derzeit stolze 1.293.590 Einwohner ihr Eigen nennt.

Frühjahr: Filmemacher Rainer Werner Fassbinder (1945 – 1982) erhält den Bundesfilmpreis und auch die Goldene Leinwand.

12.6.: Kommunarde Fritz Teufel (1943 – 2010) wird wegen des Verdachts, an mehreren Brandstiftungen beteiligt gewesen zu sein, verhaftet.

Sommer: Das Derby gegen die Bayern haben sie zwar 2:1 gewonnen, aber es hilft nichts: Der TSV 1860 München steigt aus der Ersten Liga ab. 

5. Jahreszeit: Die Mass Bier auf dem Oktoberfest kostet 2,65 Mark. Durchschnitts-Jahreseinkommen: 13 500 DM. 

26.10.: München atmet auf: Der Marienplatz hat nun endlich sein fertiges Untergeschoss – und das wird mit einem Richtfest ordentlich gefeiert.

13.12.: Entsetzen in München und der Welt nach einem Brandanschlag auf das Jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße mit sieben Toten.

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