Historisches Kleinod

Die Sternwarte in Bogenhausen: Museum der Sterne

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Blick gen Firmament: Minutenlang muss Arno Riffeser kurbeln, ehe das Dach über dem Teleskop geöffnet ist. Hier wurde früher die Zeit gemessen.

München - In der Sternwarte Bogenhausen ist die Zeit stehengeblieben. Sie ist 200 Jahre ist sie alt und beherbergt so manche spannende Geschichte.

Unter der Kuppel kracht es, als würden sich die dunklen Balken spalten, dann öffnet sich das Dach einen kleinen Spalt und die Sonne bricht herein. Mit ganzer Kraft, seine Muskeln spannen unter dem dünnen T-Shirt-Stoff, schiebt Arno Riffeser die knarzende Holzkurbel nach vorne. Es ist helllichter Tag, doch eigentlich passiert das, was Riffeser da macht, nur nachts. Nach und nach öffnet er die Kuppel von Münchens ältester Sternwarte, durch das messingfarbene Teleskop wird er in ein paar Minuten freie Sicht auf den Himmel haben. Nur nicht mehr so, wie es einmal war.

Damals das Maß der Dinge: Joseph von Fraunhofer erbaute das Teleskop in Bogenhausen und forschte damit.

Es ist ein historischer Ort, für die Astrophysik von großer Bedeutung, wie er sich mitten in Bogenhausen hinter hohen Bäumen versteckt. Zwei kleine Gebäude, das eine in hellen Farben verputzt, das andere silber glänzend, beide haben eine metallisch schimmernde Kuppel, doch von innen sind sie noch viel imposanter. Alte Dielenböden, zwei vier Meter lange Teleskope, 100 und 180 Jahre alt. Schmuckstücke, wie sie in einem Museum stehen könnten, stattdessen ermöglichen sie nach wie vor einen stark vergrößerten Blick gen Himmel. Nach wie vor heißt: Wie schon vor 200 Jahren, als die Sternwarte in Bogenhausen, in der Scheinerstraße 1, gebaut wurde. Vor kurzem haben die Wissenschaftler den Geburtstag ihrer historischen Forschungsstätte gefeiert.

„Damals wurde hier mit weit weniger Wissen geforscht, ein ganz anderes Zeitalter“, sagt Arno Riffeser, 43, seit 20 Jahren als fester Wissenschaftler an der Universitäts-Sternwarte München. Riffeser wirkt in Gedanken versunken, immer wenn er an die Geschichte dieses Ortes denkt. Er dreht weiter, wieder knarzt es. Bis die Kuppel komplett ist, dauert es einige Minuten. Mit jeder Umdrehung scheint sich Riffeser einen Schritt weiter in die Vergangenheit zu bewegen. Mit jeder Drehung erzählt er einen neuen Teil der Geschichte.

Arno Riffeser kurbelt weiter am Dach.

1816, Bogenhausen wurde damals als „Dorf am Stadtrand von München bezeichnet“. Für die Astronomen war das der optimale Ort für eine Sternwarte: Weit weg von den Lichtern der Stadt, „eine kleine Anhöhe inmitten eines flachen, nur mit Wiesen und Feldern bestellten Geländes“ – so steht es in den Überlieferungen. Die Sicht zum Horizont war fast in alle Richtungen frei. Niemand konnte sich so recht vorstellen, dass sich all das bald schon drastisch ändern würde. München hatte damals gerade einmal 60 000 Einwohner, der erste Direktor der Sternwarte, Johann Gregor von Soldner, kam täglich mit seinem Dienstpferd angeritten – das Fahrrad, geschweige denn das Auto, waren noch gar nicht erfunden.

Arno Riffesser leitet die Sternwarte.

Heute laufen die Studenten mit Smartphones über das Gelände, und eigentlich wäre es nicht einmal unbedingt notwendig, durch das Teleskop zu schauen. „Wir können alles mit Computern generieren, ganze Universen können wir heute virtuell nachbauen“, erzählt Riffeser. Ernsthaft geforscht kann in der Sternwarte Bogenhausen heute ohnehin nicht mehr werden. Die freien Felder: verschwunden. Die Sicht zum Horizont: fast verschwunden. Das Licht der Stadt: heller denn je, viel zu hell. Studenten experimentieren heute in der Sternwarte, wagen erste Versuche und blicken in die Vergangenheit. Die wissenschaftliche Arbeit findet auf dem Wendelstein statt. Arno Riffeser verbringt dort mehrere Nächte im Monat, um schwarze Löcher ausfindig zu machen, Kollegen suchen nach entfernten Galaxien.

Arno Riffeser kurbelt weiter am Dach.

Vor 200 Jahren haben berühmte Forscher wie Joseph von Fraunhofer und Johann von Lamont noch an den Planeten unseres Sonnensystems geforscht, die Ringe des Saturn näher betrachtet und die Laufbahn des Neptun. Dass außerhalb andere Galaxien existieren, wusste niemand.

Die Teleskope, an denen sie damals ihre Nächte verbracht haben, sind genau die, die auch heute noch unter den zwei Kuppeln stehen. Das ältere, gebaut von Fraunhofer höchstpersönlich, galt als das beste der Welt. Für den gesamten Freistaat Bayern haben sie damals eine wichtige Rolle gespielt. „Nach ihnen wurden unsere Uhren gestellt“, erklärt Riffeser. Je nach Stand und Bewegung der Sterne, der guten Reaktion des Astronomen und mithilfe einer Stoppuhr wurde die aktuelle bayerische Uhrzeit sekundengenau festgelegt. Ein Forscher und sein Assistent lagen dazu in den hölzernen Liegen unter dem Sucherfenster des Teleskops, einer die Stoppuhr in der Hand, der andere schrie, wenn der Stern durch die Linse schoss. Eine Arbeit, die heute Satelliten über Funkuhren leisten. Bis 1930 hatte das System funktioniert.

Arno Riffeser kurbelt weiter am Dach.

Schmuckkästchen: Die Sternwarte Bogenhausen liegt eingebettet in einen kleinen Park.

Die Stadt wuchs schneller, als die Wissenschaftler es erwartet hatten, bereits um die Jahrhundertwende herum waren sie in ihren Forschungen eingeschränkt. Das Licht der Münchner wurde mehr und mehr zum Problem, außerdem die Gebäude. Ein Erlass sollte störende Bebauung oder Bepflanzung in der Umgebung zwar verhindern, verlor aber mit jedem Jahrzehnt an Wirksamkeit. Bogenhausen war längst kein Dorf abseits von Münchner mehr, sondern fester Stadtteil. Auf einen Kompromiss ließen sich die Städteplaner allerdings ein, als die Possartstraße gebaut wurde: Die Fahrbahn wurde kerzengerade nach Süden gezogen, damit den Astronomen immerhin in diese Richtung ein unverbauter Blick bleibt. Den Horizont konnten sie dort noch sehen, doch kurz darauf, 1927, wurden die Tramgleise in der Ismaninger Straße verlegt. Das Ende jeder erdmagnetischen Forschung.

Arno Riffeser kurbelt weiter am Dach.

Während des Ersten und Zweites Weltkrieges kam die Arbeit in der Sternwarte beinahe zum Erliegen, anschließend wurde der Einrichtung das Observatorium auf dem Wendelstein angegliedert. Das Einzige, was dort heute stört, ist die Flutlicht-Skipiste. Schwarze Löcher und ferne Galaxien können Arno Riffeser und seine Kollegen trotzdem noch entdecken. Noch ein Kurbeln, ein letztes Knarzen, jetzt ist das Dach ganz offen. Riffeser legt den Kopf in den Nacken, blickt in das Blau des Himmels und die Wolken davor. „Da draußen ist noch so viel Unbegreifbares, wovon wir nichts wissen.“

Franziska Bär

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