Chlorreiniger als Wundermedizin verkauft: Razzia bei Münchner Arzt

Der Münchner Arzt Peter R. hält einen Vortrag über das vermeintliche Wunderwässerchen MMS. Der Vortrag 2008 in der Schweiz wurde gefilmt und kursiert immer noch im Internet – obwohl Peter R. alle Kopien gelöscht haben will
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Der Münchner Arzt Peter R. hält einen Vortrag über das vermeintliche Wunderwässerchen MMS. Der Vortrag 2008 in der Schweiz wurde gefilmt und kursiert immer noch im Internet – obwohl Peter R. alle Kopien gelöscht haben will

München - Diese Patienten erschienen ohne Termin: Bei dem Arzt Peter R. rückten vor ein paar Wochen Staatsanwalt und Polizei ein und verlangten nach einem gefährlichen Wundermittel.

Die sieben Ermittler hätten seine Wohnung im Umland drei Stunden lang komplett umgedreht, klagt der Mediziner ohne Doktortitel gegenüber der tz. Die Beamten schleppten eine komplette Lieferung eines Wunderwassers aus dem Lager – 1500 mal zwei Flaschen, räumt Peter R. ein. Er habe das Mittel über seinen Internet-Handel mit Sitz in der Stadt vertrieben. Razzia bei einem Münchner Arzt!

MMS nennt sich dieser letzte Schrei der Alternativ- und Pseudomedizin, dabei steckt dahinter ganz und gar kein sanftes Wässerchen – sondern eine brutale chemische Keule. Das Zeug kursiert weltweit unter Abertausenden Anwendern, die auf Gesundheit hoffen und nur ihr Leben riskieren. Wirkung: null. Nebenwirkungen: viele!

Weltweit warnen Gesundheitsbehörden vor dem Mittel, der Münchner Gift-Professor Thomas Zilker ist entsetzt. Staatsanwaltschaft und Regierung von Oberbayern sind alarmiert.

Dabei müsste schon der Ursprung stutzig machen: Die Abkürzung MMS steht für Miracle Mineral Supplement (Mineral-Wundermittel). Hinter diesem ganz und gar nicht demütigen Namen steckt ein US-Amerikaner namens Jim Humble, der den Stoff in den 90er Jahren entdeckt und damit angeblich 75 000 Afrikaner von Malaria geheilt haben will. Der Mann ist Flugzeugtechniker und lässt sich mittlerweile „Bischof James“ nennen …

Seine vermeintliche „Erfindung“ ist uralt. MMS ist nichts anderes als Natriumchlorit – die Verwechslungsgefahr mit dem handelsüblichen Kochsalz Natriumchlorid nimmt man sicher gern in Kauf. Das harte Natriumchlorit dagegen ist eine Chemikalie, die nach der Gefahrenstoffkennung als giftig und brandfördernd eingestuft wird.

Diese Keule sollen Anwender mit Zitronensäure versetzen, dann entsteht Chlordioxid – ein industrielles Bleich- und Desinfektionsmittel etwa für Schwimmbäder. Trinke man einige Tropfen davon mehrfach täglich, soll es auf für die Wissenschaft unerklärliche Weise angeblich so ziemlich alle Krankheiten kurieren können – von Fußpilz über Grippe bis hin zu Krebs und natürlich Aids, fabuliert zumindest der wundertätige „Bischof Humble“. Seine Märchengeschichte veröffentlichte er in einem Buch, das in deutscher Übersetzung seit 2008 in zehnter Auflage erscheint – laut Verlag 100 000 Bücher in drei Jahren!

Hierzulande wurde der Arzt Peter R. zur Szene-Größe. Schon 2008 habe er MMS in seinen Nahrungsergänzungsmittel-Vertrieb mit Sitz in München genommen, gibt er selbst zu – das Set zu 29 Euro. Die gelöschte Internet-Seite liegt der tz vor. Sein Rundschreiben, in dem er klagt, das Wundermittelchen nicht mehr verkaufen zu dürfen, sei an 7000 Adressen gegangen!

Seiner Popularität zugute kam auch die ärztliche Autorität, mit der er unter anderem bereits im Mai 2008 in der Schweiz einen Vortrag hielt, der gefilmt wurde und seither im Internet kursiert. Darin preist er den Stoff und den Erfinder, spricht von den „75 000 dokumentierten Fällen von Malaria“ und verspricht: „Nachgewiesenermaßen ist das eine hundertprozentige Geschichte – hundert Prozent Heilungsrate.“

Vor den Augen seiner Zuschauer mischt er den Stoff an und empfiehlt: „Nehmen Sie nie mehr als sechs Tropfen auf einmal. Nehmen Sie lieber dreimal am Tag sechs Tropfen oder viermal am Tag sechs Tropfen.“ Er selbst habe es bei einem grippalen Infekt, Herpes und Fußpilz angewandt, außerdem berichtet er vom „fantastischen Erfolg“ bei seiner von Gelenkbeschwerden geplagten Tante, bei Borreliose und Entzündungen im Mund bis hin zur Schmerzlinderung bei einem Krebskranken.

Die Nebenwirkung Übelkeit sei „nicht so schlimm“ und der mögliche Durchfall lasse innerhalb von 24 Stunden nach. Tatsächlich hat eine Münchner Ärztin (Name der Redaktion bekannt) der tz den Fall eines Mannes geschildert, der zwei Wochen unter schlimmsten Durchfällen litt. Er hatte sich verätzt!

Seit einigen Wochen warnen die Gesundheitsbehörden der USA, Kanada, Schweiz, Frankreich und Großbritannien ausdrücklich vor MMS und den lebensbedrohlichen Nebenwirkungen. In Italien wurden im November sogar zwei Männer wegen des Verkaufs festgenommen.

Kein Wunder, dass Peter R. seinen Vortrag mit etlichen Warnungen garniert hatte: Jeder nehme das Wunderwasser in „Selbstverantwortung“. Höhepunkt ist sein Satz: „Wenn ich empfehlen würde ,Nehmen Sie es ein‘, dann würde ich meine Approbation riskieren.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Die Regierung von Oberbayern ist auf ihn aufmerksam geworden, hat das Wundermittel als „Arzneimittel“ eingestuft und damit den Vertrieb verboten. Der Fall ging an den Staatsanwalt, der wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz ermittelt, sagt Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich.

Im Gespräch mit der tz bestätigt Peter R. die Vorwürfe. Gleichzeitig bemüht er sich, zu seinem eigenen Vortrag auf Distanz zu gehen, in dem er ja noch von „hundert Prozent“ gesprochen hatte. Jetzt soll MMS kein Allheilmittel und die Wirkung nicht sicher sein: „Man weiß vorher nicht, ob es wirkt.“ Er habe nur die übertriebenen Hoffnungen seiner Zuhörer dämpfen wollen. Jetzt wolle er mit dem Zeug gar nichts mehr zu tun haben. „Ich habe mich innerlich davon verabschiedet. Diesen Ärger ist es nicht wert.“ In seinem Rundschreiben, das der tz vorliegt, hatte er noch angekündigt, für das Wässerchen vor Gericht ziehen zu wollen.

Peter R. schließt mit einer Bitte, da ihm ja ein „beträchtlicher Anteil“ ­seiner Umsätze weggefallen sei. „Wenn ich Sie persönlich um etwas bitten dürfte“, schreibt er seinen Kunden, „so würde ich mir wünschen, dass Sie mich unterstützen, indem Sie andere Produkte aus meinem Shop bestellen.“

David Costanzo

Gift-Experte warnt: „Der Magen kann reißen“

Wissenschaftler wie der Münchner Gift-Professor Thomas Zilker warnen vor dem vermeintlichen Wundermittel. „Kein Mensch käme auf die Idee, Chlorreiniger zu trinken“, sagt der Chef der Toxikologie am Klinikum rechts der Isar. „Schrecklich, was Manche in sich reinschütten!“

Über die Wirkung urteilt er eindeutig: „Totaler Unsinn. Das Mittel kommt gar nicht in Kontakt mit Erregern.“ Der Trunk lande im Magen, der fast steril sei. Die so genannte Oxidationswirkung des Chlorreinigers unterscheide ohnehin nicht zwischen Zellen und Keimen und greife direkt den Magen an! „Das wirkt absolut ätzend.“ Das Gegenteil sei nötig: „Wir müssen ständig Antioxidantien produzieren, um die natürliche Oxidation im Körper zu hemmen.“

Folgen der Verätzung seien Blähungen und Durchfälle bis hin zu Blut im Stuhl, außerdem könne Chlor in die Lunge geraten und der Magen reißen. „Für uns sind das schwere Vergiftungen“, sagt der Chef-Toxikologe. Lebensgefährlich könne das werden, wenn Anwender nach der Devise handeln: „Mehr hilft mehr …“

DAC

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