Dialektforscher schlagen Alarm

2050 droht in München der Mundart-Tod

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Luise Kinseher: Nockherberg-Derbleckerin, Bairische-Sprachwurzel-Trägerin und Bewahrerin des Dialekts.

München - Die Alarmglocken schrillen, der Weltuntergang des Münchner Dialekts steht unmittelbar bevor. Schon in 20 Jahren könnte in unserer Stadt niemand mehr Münchnerisch sprechen.

Schon 2001 erschreckte die damalige Kultusministerin Monika Hohlmeier den Bayerischen Landtag mit den Erkenntnissen des schottischen Sprachwissenschaftlers Anthony Rowley, dass Ur-Münchner Worte wie Erdäpfe, Karfiol und Kren auf einem dramatischen Rückzug sind. Und dass in der bayerischen Hauptstadt zigtausendmal am Tag öfter „tschüss“ statt „pfiadi“ gesagt wird. Dieser dramatische Rückgang des Münchner Dialekts führt dazu, dass schon in 20 Jahren in unserer Stadt niemand mehr Münchnerisch sprechen könnte. Denn schon heute sagt ja die Mehrheit „Kartoffelsalat“ statt „Erdäpfesalat“. Braucht man also bald einen Dolmetscher, wenn man in München auf Münchnerisch „pfiadi“ sagt? tz-Autor und Fotograf Heinz Gebhardt hat sich im Rahmen unserer Serie „Echt München“ auf die Suche nach der bayerischen Sprache gemacht – bzw. was davon noch übrig ist.

Versteh’n Sie des no?

Neuere wissenschaftliche Forschungen, wie die des Dialektologen Prof. Bernhard Stör von der Uni München, bestätigen diesen Trend, sind aber vom Zeitraum etwas optimistischer als Rowley. Sie gehen davon aus, „dass der Mundart-Tod“ erst 2050 eintritt. Sicher aber ist: „In München ist der Dialekt nicht mehr zu retten!“ Ein Musterbeispiel ist das Oktoberfest. „ Da laufen zwar alle im Dirndl rum, aber preißeln, dass es einem die Ohren verdreht!“ wie Stör feststellt. Aber vielleicht kommt es auch daher, dass München schon immer eine Stadt der Zuagroasten war. Schon anno 1876 hat’s so gepreißelt, dass sich die Zeitung Das Bayrische Vaterland darüber beklagt hat: „Von den 196 000 Einwohnern Münchens sind nur noch 72 000 in München geboren. Woher es auch kommt, dass man in den Lokalen fast nur Norddeutsch reden hört, was die gebildeten Affen in München fleißig nachmachen.“

Münchnerisch eine Idioten-Sprache?

Das gute, alte Bairisch ist vom Aussterben bedroht.

Die „gebildeten Affen“ in München preißeln bis heute munter weiter, wobei die meisten sprachlichen Todsünden beim Essen begangen werden: Wenn auf dem Viktualienmarkt ein Bäcker „Berliner“ statt „Krapfen“ anbietet, sollte er eigentlich in die Volkshochschule zu einem Bairischkurs geschickt werden. Oder wenn auf dem Preisschild für Semmeln „Brötchen“ steht, könnte der Sprachschützer Benedikt Kronenbitter vom „Förderverein Bairische Sprache und Dialekte“ auf die Barrikaden gehen. Überhaupt die Speisekarten: Da steht meistens „Schweinebraten“ und eben nicht „Schweinsbraten“. Sprachkatastrophen ohne Ende: „Reibekuchen“ statt Reiberdatschi, Brezen werden zu Brezzeln, von den Frikadellen statt Fleischpflanzerl ganz zu schweigen. Es heißt dann immer: „Unsere internationalen Gäste verstehen das nicht!“ Ja, ist denn Münchnerisch eine Idioten-Sprache?

Der Hauptgrund für das allmähliche Verschwinden des Münchner Dialektes liegt jedoch an den Eltern der jungen Münchner-Generation. Von denen sind die meisten zuagroast, entweder Preißn oder Migrationshintergründler, also von noch weiter weg. Beide Gruppen sind wenig motiviert, das wunderschöne Münchnerisch zu lernen. Dazu kommt aber auch die Angst um die Karriere: „Der Glaube der Eltern ist eh unerschütterlich, dass Dialekt den Kindern in der Schule schadet“, weiß Stör. Für junge Leute wird der Dialekt zum Karriereproblem: „Hübsche Mädchen reden aus Imagegründen keinen Dialekt.“

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Auch der Bayerische Rundfunk findet Münchnerisch nicht mehr zeitgemäß und lässt sogar bei einer Ur-Münchner Veranstaltung die Kommentatoren in Hochdeutsch mit leicht bayerischem Touch sprechen. Das hört sich dann an wie ein kastrierter Wolpertinger. Der aus dem Chiemgau stammende Rudi Mörtl, Vorsitzender des Vereins „Bairische Sprache und Mundarten“: „Die Reporter vom Nockherberg waren eindeutig norddeutsch gefärbt.“ Beim BR sei Schriftdeutsch die Norm. Bairisch gebe es nur in der einen oder anderen Nische.

Die Kinseherin – mutig und frech

Keine Eigenart der Münchner ist von so vielen Schutz-Institutionen und Rettungsprofessoren betreut wie der vom Aussterben bedrohte Münchner Dialekt: Der „Förderverein Bayerische Sprache und Dialekte e.V.“ , die „Kommission für Mundartforschung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften“ und andere Institutionen kümmern sich um den von der Unesco 2009 als vom Aussterben gefährdet eingestuften bairischen Dialekt, den bis jetzt nur noch einige ebenfalls vom Aussterben bedrohten Münchner zu sprechen imstande sind. Da wundert’s nicht, wenn Dialektschützer wie der „Bund Bairische Sprache“ die Schauspielerin und Kabarettistin Luise Kinseher (geb. in Geiselhöring) mit dem Preis „Bairische Sprachwurzel“ auszeichnen, weil sie die Frechheit und den Mut hatte, „in einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen sogar eine Dreiviertelstunde Dialekt“ zu sprechen!

Und Karriere hat die Kinseherin trotz Dialekt gemacht – hoch droben auf dem Nockherberg als Derbleckerin der Großkopferten!

Sprache mit Sex-Appeal

„I mog di“ - die erotische Version von „Ich mag dich“

„I mog di!“ klingt in keiner anderen Sprache so erotisch wie im Münchnerischen. Das hat sogar der Playboy in einer Umfrage herausgefunden. Denn der münchnerische Dialekt klingt mit 29 Prozent von allen Sprachen am meisten sexy, erst dann kommen die Preißn mit 23 Prozent.

Das Geheimnis von "Pfiadi"

Das geheimnisvollste Wort der Münchner ist „pfiadi“, über das auch auf vielen Internetseiten gerätselt wird. Auf die Spur seiner Herkunft kommt man in der längeren Version: „Pfia di God“, was in seiner Vorstufe „B‘hiad di God“ geheißen hat und auf Hochdeutsch „Behüte dich Gott“ bedeutet. Mehrere Münchner verabschiedet man demnach mit „Pfiad eich“ und eine Respektsperson mit „Pfiad Eana“. Na dann: Tschüss, ähm, Servus natürlich!

Welches ist Ihr liebstes bairisches Wort? Teilen Sie uns Ihre Meinung unten im Kommentarfeld mit!

Heinz Gebhardt

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