Diskriminierung sorgt für Shitstorm

Werbung für Münchner Wein-Lounge geht ins Auge

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Der vielkritisierte Flyer.

München - Polarisieren wollten sie, doch mit einem Spruch, der für eine Münchner Wein-Lounge werben sollte, ist ein PR-Team zu weit gegangen. Frauen und Behinderte protestierten - mit Erfolg.

"Bei uns in München tauscht man gerne das Weißbier gegen einen guten Wein." Das ist einer der Sprüche, die sich ein PR-Team für eine Weinwirtschaft in München ausgedacht hat. Während gegen diese Aussage nichts weiter einzuwenden ist, hat ein anderer Slogan in den vergangenen Tagen in diversen sozialen Netzwerken für Aufsehen gesorgt. Auf dem Flyer, den am vergangenen Freitag unter anderem die Anti-Sexismus-Organisation Pinkstinks auf ihrer Facebook-Seite präsentierte, ist zu lesen: "Ein Essen ohne Wein oder Bier, ist wie eine schöne Frau, der ein Auge fehlt."

Frauen und Behinderte fühlen sich diskriminiert

Augenblicklich packte viele Facebook-Nutzerinnen, aber auch viele Behinderte die blinde Wut über diese Aussage, die es rekordverdächtigerweise in vier Zeilen schafft, gleich vier Gruppen zu diskriminieren: Frauen, Behinderte und Abstinenzler - und schließlich bemängelten Freunde der Rechtschreibung das "Deppenkomma" hinter dem Wort Bier.

Die Feststellung lautet ja: Nur eine äußerlich "perfekte" Frau kann schön sein. Doch was ist etwa mit Menschen, die von Geburt oder wegen eines Unfalls mit körperlichen Einschränkungen leben? Der Frauen-Telefonnotruf sah mit dem Slogan auch weibliche Opfer körperlicher Gewalt verunglimpft. Andere fanden, das Hauptproblem des Spruches bestünde darin, dass Frauen mit Essen gleichgesetzt werden. Nicht zuletzt fragten sich einige, wieso es unbedingt alkoholische Getränke sein müssen, die das Essen erst zum echten Genuss werden lassen.

Der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Sozial-Aktivist Raul Krauthausen, der aufgrund seiner Glasknochenkrankheit im Rollstuhl sitzt, sprach von einem "dummen Vergleich" und wies für Beschwerden auf das Münchner Arcona-Hotel hin, das als Eigentümer des Restaurants die umstrittenen Werber engagiert hatte.

Erklärung macht alles noch schlimmer

Das für die Kampagne verantwortliche PR-Team reagierte auf den sich anbahnenden Shitstorm mit einem Statement, der seinen mangelnden Durchblick beim Augen-Spruch schonungslos aufdeckte: "Sicher polarisieren wir mit diesem Spruch und Vergleich", hieß es darin, "nur ist uns dieser nie als diskriminierend bewusst gewesen." Der Spruch stamme "aus der kreativen Feder einer Abteilung, die nur aus Mädels besteht. Mädels, die mit beiden Beinen im Leben stehen und mit sich komplett im Reinen und emanzipierzt [sic!] genug sind, um sich ggf. Frauenfeindlicher Äußerungen zu widersetzen", so wörtlich.

Mit Kopfschütteln nahm die Online-Gemeinde zur Kenntnis, dass sich hier erwachsene Marketing-Expertinnen selber verniedlichend als "Mädels" bezeichneten. Die offenbar hastig heruntergehackten und vor weiteren Rechtschreibfehlern strotzenden Zeilen verstärkten den Eindruck mangelnder Professionalität. Nebenbei unterstellte das PR-Quartett seinen Kritikerinnen indirekt auch noch, nicht "mit sich im Reinen" zu sein!

Vermarktung statt Entschuldigung

Gerade zerrissen die Kritiker das oft gehörte und dennoch falsche Argument in der Luft, dass ein Spruch nicht frauenfeindlich sein kann, wenn er von einer Frau kommt, als sie das Ende der Erklärung lasen: Sie wurden zum Stammtisch-Gespräch in besagtes Restaurant eingeladen, um dort "die Idee des Feminismus zu diskutieren, aber auch ein gesundes humorvolles Selbstbild von Frauen zuzulassen." Diese Talkrunde sei, so waren sich "die 4 Damen aus dem Marketing von arcona hotels & resorts" sicher, "erfolgreich in beide Richtungen PR-wirksam zu vermarkten".

Nicht nur rechtfertigten sich die Köpfe hinter der Kampagne für ihr Tun, anstatt sich zu entschuldigen - sie versuchten auch noch, aus dem Shitstorm Kapital zu schlagen! "Eine Frechheit sondergleichen", "dreist", "arrogant" war die vorherrschende Meinung in den Kommentaren zu dem katastrophalen Krisen-Management. Manch einer vermutete jedoch, dass die "Mädels" einfach nur naiv, also quasi "auf einem Auge blind" gewesen waren.

Die späte Entschuldigung

Wenig später äußerten sich schließlich Markus Buchhagen und Christiane Winter-Thumann, die Marketing & PR Direktorin des Konzerns und der Direktor des Arcona Living München, auf Anfrage von Pinkstinks - und das klang auf einmal ganz anders: Sie zeigten Verständnis für den Missmut an dem "missglückten Flyer" und entschuldigten sich "in aller Form". Auf Facebook ergänzten sie: "Wir sind fehlbar und haben Grenzen übertreten. Das lernen wir daraus. Nicht nur, dass die Flyer sofort entfernt worden sind, sondern auch interne Prozesse werden auf einen Prüfstand gestellt."

"Mitarbeiterin ist am Boden zerstört"

Am Mittwoch äußerte sich Michaela Störr, die Arcona bei der PR-Arbeit unterstützt, per E-Mail an unsere Redaktion zu der Affäre folgendermaßen:
"Wir können den Unmut über den unglücklichen Werbeslogan sowie auch die Reaktion auf unseren ersten Post nachvollziehen und verstehen", schreibt sie. "Eine junge Mitarbeiterin hat diesen Satz von Brillat-Savarin [gemeint ist der französische Schriftsteller und Gastrosoph Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755-1826), der den Satz prägte "Ein Dessert ohne Käse ist wie eine einäugige Schönheit."] umgetextet und dann, als sie den Shitstorm sah, versucht, die Geschichte alleine ins Reine zu bringen. Die Geschäftsleitung wurde zu spät informiert. Die Mitarbeiterin ist am Boden zerstört und ihr ist der entstandene Wirbel mehr als unangenehm.

Wie bereits gesagt war es zu keinem Zeitpunkt unsere Absicht, Frauen oder Menschen mit Behinderungen zu verletzen oder zu beleidigen oder zu Alkoholkonsum aufzurufen. Dass dieser Eindruck entstanden ist, tut uns außerordentlich leid.

Die Flyer haben wir umgehend aus dem Verkehr gezogen. Es findet nun eine intensive interne Analyse statt, wie Prozesse optimiert werden können, damit Ähnliches nicht wieder vorkommt."

hn

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