Wie Reinhard K. (71) mit Grundrente lebt

Eine Rechnung, die uns traurig macht

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3,24 Euro bleiben Rentner Reinhard K. im Monat, um Rücklagen zu bilden. Die 3,24 Euro bleiben ihm aber nur, wenn er eisern spart

München - Der Sozialverband VdK hat einen Münchner Rentner gebeten, vorzurechnen, was es konkret bedeutet, von Grundrente zu leben. Das Ergebnis macht einen traurig.

Der Sozialbericht des bayerischen Sozialministeriums hat für eine Menge Wirbel gesorgt – und das Thema Altersarmut erneut ins Zentrum der Diskussion gerückt. Doch trotz aller Daten, Zahlen und Statistiken bleibt das Problem abstrakt. Der Sozialverband VdK hat nun einen Münchner Rentner gebeten, vorzurechnen, was es konkret bedeutet, von Grundrente zu leben: Reinhard K. (71), der chronisch krank und schwer behindert ist, führte genau Buch über seine Ausgaben. Wenn er keinerlei außergewöhnliche Ausgaben etwa durch eine Reparatur hat, bleiben ihm am Ende des Monats gerade mal 3,24 Euro übrig (siehe Tabelle). Es ist eine Rechnung, die uns traurig macht…

56 522 Menschen müssen in Bayern von der Grundsicherung im Alter leben. In der Regel bekommen sie 374 Euro pro Monat. Davon müssen die Senioren – bis auf die Miete, die das Amt übernimmt – ihren gesamten Lebensunterhalt stemmen. Eigentlich ist der Betrag berechnet für einen gesunden, erwachsenen Hartz-IV-Empfänger. Senioren sind öfter krank, können weniger zu Fuß oder per Fahrrad erledigen. Dabei ist es nicht so, dass die Grundsicherungs-Empfänger komplett am Tropf des Staates hängen hängen, im Gegenteil: „Mit ihrer eigenen Rente steuern 81,4 Prozent der Grundsicherungsempfänger immerhin durchschnittliche 336 Euro zu ihrem Einkommen bei“, erklärt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

Damit kommen die Menschen allenfalls ganz knapp über die Runden. „Die Betroffenen drehen im Winter die Heizung ganz herunter und beheizen manche Zimmer überhaupt nicht mehr. Sie müssen auf gesunde und frische Lebensmittel verzichten, obwohl eine gesunde Ernährung gerade im Alter so wichtig wäre“, ärgert sich Mascher. Und wenn im Winter ein Erkältung zuschlägt, dann müssen die Rentner ihre letzten Cent zusammenkratzen, um sich ein Mittelchen gegen Halsweh leisten zu können. „Armut macht krank“, bilanziert Mascher. Und Armut macht einsam! „Wer das Geld für eine Tasse Kaffee mit Freunden nicht mehr hat, der bleibt lieber zu Hause – und hat dann bald keine Freunde mehr“, erklärt Mascher. Zum Geldmangel gesellt sich nämlich nicht selten die Scham, diesen Geldmangel zugeben zu müssen. Diese Einbahnstraße führt schnurstracks in die Isolation. Einmalleistungen – wie früher bei der Sozialhilfe – sind nicht vorgesehen. Für eine kaputte Waschmaschine sollen die „Grundrentner“ selber etwas ansparen. Doch Reinhard K.’s Beispielrechnung zeigt: Selbst in einem Monat, in dem alles nach Plan läuft, bleiben nur 3,24 Euro. Für eine Waschmaschine für 300 Euro müsste er acht Jahre lang sparen!

MK

Monatliche Aufstellung für Grundsicherung im Alter
So viel Geld steht den Empfängern einer Grundsicherungs-Rente für einzelne Ausgaben im Monat zu
Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke 128,46 Euro
Alkoholische Getränke, Tabak und Drogen 0,00 Euro
Bekleidung, Schuhe 30,40 Euro
Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung 30,24 Euro
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände 27,41 Euro
Gesundheitspflege 15,55 Euro
Verkehr 22,78 Euro
Nachrichtenübermittlung 31,96 Euro
Freizeit, Unterhaltung, Kultur 39,96 Euro
Bildung 1,39 Euro
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 7,16 Euro
Andere Waren und Dienstleistungen 26,50 Euro
Summe 361,81 Euro
aufgerundet 364,00 Euro
Erhöhung zum 1.1.2012 10,00 Euro
gesamter Regelbedarf für Einpersonenhaushalte 374,00 Euro
Quelle: VdK Bayern
So wenig bleibt von der Grundsicherung
Der VdK hat den Rentner Reinhard K. (71) gebeten, eine Aufstellung über seine tatsächlichen Ausgaben pro Monat zu machen. Der 71-jährige Münchner ist chronisch krank und kann wegen einer Schwerbehinderung zusätzlich zu seiner Grundrente noch einen zusätzlichen Mehrbedarf in Höhe von 65,28 Euro geltend machen.
Einkünfte Summe
Grundsicherung im Alter (ink. München-Aufschlag von 19 Euro) 393,00 Euro
Mehrbedarf wegen Schwerbehinderung 65,28 Euro
Summe Einnahmen pro Monat 458,28 Euro
Ausgaben Summe
Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke 15,00 Euro
Alkoholische Getränke, Tabak und Drogen 00,00 Euro
Bekleidung, Schuhe 30,00 Euro
Wohnen, Energie, Wohnungsinstandhaltung 31,50 Euro
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände 00,00 Euro
Gesundheitspflege (nicht-erstattungsfähige Medikamente, Zuzahlungen und Praxisgebühren bis zur Jahresgrenze von 47,16 Euro, Hygiene- und Körperpflegeartikel) 88,82 Euro
Verkehr 20,00 Euro
Nachrichtenübermittlung (Telefon) 39,60 Euro
Freizeit, Unterhaltung, Kultur 15,00 Euro
Bildung 00,00 Euro
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 10,00 Euro
Andere Waren und Dienstleistungen
(Fiseur, Mitgliedsbeitrag, Versicherungen) 40,12 Euro
Summe Ausgaben 425,04 Euro
plus Schuldentilgung 30,00 Euro
Gesamtausgaben pro Monat 455,04 Euro
Rest (bleibt zum Sparen für Haushaltsgeräte, Wohnungsrenovierung, Brille oder ähnliche außergewöhnliche Belastungen) 3,24 Euro
Quelle: VdK Bayern, Angaben eines Betroffenen

Von der Leyens Augenwischerei

tz-Interview mit Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK

Laut Bayerischem Sozi­al­bericht hat der Rentnerhaushalt im Schnitt 2454 Euro brutto zur Verfügung. Geht‘s den Rentnern also gar nicht so schlecht?

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher: Die meisten Rentnerhaushalte in Bayern sind himmelweit weg von diesen 2454 Euro! Die durchschnittliche Frauenrente liegt immer noch unter 500 Euro und die durchschnittliche Männerrente unter 1000 Euro. Sieben Prozent haben dann noch eine Betriebsrente. Und es gibt zwar relativ viele, die Wohneigentum haben. Einige von denen müssen aber trotzdem Grundrente beantragen. Denn vom Eigenheim kann man keine Rechnung bezahlen – dadurch entstehen nur Rechnungen.

Ursula von der Leyens Vorschlag der Zusatzrente hört sich eigentlich gut an. Wo sehen Sie Probleme?

Mascher: Erstens: Alle, die heute schon in Rente sind und unter Armutsbedingungen leben, sollen bei von der Leyens Konzept leer ausgehen. Zweitens: Die 850 Euro sollen ja nur Leute bekommen, die 40 bzw. 45 Versicherungsjahre – mit Erziehungszeiten – haben. Dazu brauchen sie dann aber auch im ersten Schritt 30, später sogar 35 reale Beitragsjahre. Die 55-Jährige, die bei Schlecker gearbeitet hat und jetzt keinen Job mehr bekommt, erreicht diese 30 Jahre oft nicht! Drittens ist auch noch eine private Altersvorsorge Bedingung. Wir wissen aber aus zahlreichen Untersuchungen, dass diejenigen, die wenig verdienen, meist keine Zusatzversorgung haben. Also: Wer 45 Versicherungsjahre hat plus 35 Jahre Beitragszeiten plus 35 Jahre eine zusätzliche Altersversorgung, der muss eigentlich ohnehin über die 850 Euro Rente im Monat kommen. Das sind nur ganz extreme Ausnahmefälle, denen von der Leyen da helfen würde.

Sie rechnen vor, dass einem chronisch kranken 71-Jährigen mit Grundrente nach Abzug seiner Kosten gerade mal 3,24 Euro im Monat übrig bleiben. Wie könnte die Politik in solch einem Fall helfen?

Mascher: Erst im Rentenalter mit sozialem Ausgleich anzusetzen, das kommt zu spät. Es muss ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn in einer Höhe her, die garantiert, dass jemand, der gearbeitet hat, später eine Rente wenigstens über der Grundrente sicher hat. Das zweite wäre, Kindererziehungszeiten für alle drei Jahre lang anzurechnen. Zudem sollten die Abschläge bei der Erwerbsminderungsrente wegfallen. Für schlecht verdienende Frauen wurde bei der Rentenberechnung bis 1992 ein unterdurchschnittliches Einkommen auf Durchschnittsniveau angehoben – das sollte dauerhaft wieder eingeführt werden.

Interview: M. Kniepkamp

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Kommentare

Werkmeister Wolfgang
(1)(0)

Die Betriebsrentendiskussion ist wieder da.
Es ist wieder da, einfach hochgeschwappt und aufgetaucht, das „Betriebsrentensommerlochgespenst“, schnappt nach Oberwasser im medialen Vacuum der Ferienzeit. Schwimmen die deutschen Betriebe derzeit nicht, wie das Fettauge auf der europäischen Brennsuppe? Nun macht man den Rentnern wieder Angst. Jenen, die sowieso dem Wohlstandszauber hinterherhinken. Raubeinkapitalismus, ik hör dir trapsen. Den deutschen Unternehmen geht es Summa Summarum gut bis exzellent, Ausnahmen mal ausgeklammert. Keine Rezession im Land von Dichtern und Denkern, keine wirklich schmerzlich drohende Hyperinflation, kein Magerloch im Wohlstandsbauch. Zumindest bei den meisten. Exportweltmeister dürfen wir uns seit einigen Tagen wieder schimpfen. Haben nicht noch vor wenigen Wochen deutsche Gesellschaften Rekordbonis an ihre Mitarbeiter und Aktionäre ausgeschüttet? Jene, die sich Dax vom feinsten, Audi, VW, BMW, Daimler und Co da nennen. Und beschenkten die Gewerkschaften nicht die Beschäftigten mit satten Tarifaufschlägen? Jetzt aber soll es für die Rentner nicht mehr reichen. Ab, zur Magerbank mit den Alten? Was für ein zünischer Raubeinkapitalismus. Zugegeben, den Betriebsrenten fehlen aufgrund der Niedrigzinslage fest verplante Zinsgutschriften. Soweit in Ordnung. Und, so betrachtet müssten die Betriebsrenten in der Tat nach unten revidiert werden. Doch, auch Renten-Prognosen kann man glätten. Wenn nötig, muss man um die Ecke denken. Kalkulationen kann man ändern, ohne gleich mit der Axt den Kahlschlag anzudrohen. Eingeatmet und kurz nachgedacht, Mathematiker dieser Nation, seht auf eure Rentner, weil auch ihr mal Rentner werdet! Haben viele der Betriebe nicht gerade deshalb satte Gewinne eingeschaufelt, weil ihnen aufgrund der Fast-Nullzinspolitik Geld in Form von Krediten beinahe zum Nullpreis nachgeschmissen wurde. Da muss man Bereitschaft zeigen, einen Teil dieser nicht geplanten Sondererträge in die Betriebsrentenabsicherung umleiten, bis die Zinsen wieder steigen. Und, sind da rententechnisch untersucht, statt vermeintlich ausgefallener Zinsen im System Alterspyramide und Finanzgekrisel nicht eher schon ein Brandherd, den man im Auge halten muss? In der Tat, die meisten deutschen Unternehmen schwimmen derzeit wie der Rahm ganz oben auf der europäischen Magermilch. Es lebe der Exportweltmeister Deutschland. Trotz Raubeinkapitalismus links und Raubeinkapitalismus rechts, auch das „Betriebsrentensommerlochgespenst“ wird wieder abtauchen, sobald sich die Politik wieder den wirklich drängenden Problemen zuwendet. Wolfgang Werkmeister, Eschborn.

SkunkstinkerAntwort
(2)(0)

Hallo Pink, ich bin nach wie vor registriert und alles was jemand unregistriert unter meinem Namen schreibt, stammt nicht von mir sondern von einem Psychopathen, der mir Schaden zufügen möchte.

tomeyAntwort
(1)(0)

Nur der Heinz, der begreift das nicht. Der lebt in seiner eigenen Scheinwelt.

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