Warum es so knirscht

Eine Stadt sieht rot: Das Straßen-Chaos in München

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Eine der Mega-Baustellen der letzten Wochen: Auf dem Isarring ging regelmäßig nichts mehr.

München - Die zweite Stammstrecke kommt, doch sie löst nicht alle Verkehrsprobleme. Die Stadt boomt, und das Chaos auf Straßen und Schienen nimmt immer weiter zu.

Eine Stadt sieht rot! Vor allem die Pkw-Pendler am Montagmorgen zwischen 8 und 9 Uhr. Das ist die Zeit, in der auf Münchens Straßen nichts mehr geht, wie der Navi-Hersteller TomTom belegt. Man braucht im Schnitt 57 Prozent länger – der höchste Wert aller deutschen Großstädte!

Die Pendler haben es auch dienstags bis donnerstags kaum leichter. Der Zeitverlust pro Tag während der Rush Hour beträgt nach bisherigen Messungen morgens und abends 31 Minuten bei einer Fahrt, die ohne Verkehrs-Behinderungen 60 Minuten dauern würde. Einige Beispiele des laufenden Jahres, an denen nichts mehr ging:

1. März – das einzige Schneechaos des laufenden Jahres. 13. April (Mittwoch) – die Bauma findet statt, zudem legen starke Niederschläge am Nachmittag den Verkehr lahm. Keinen Deut besser war’s am Dienstag, 21. Juni – Tausende verpassen im Stadt-Nichtverkehr das Europameisterschaftsspiel gegen Nordirland. 10. August – erster Mittwoch nach der Eröffnung der Isarring-Baustelle. 14. September (Mittwoch) – erster „richtiger“ Schultag nach den Sommerferien, dazu war kurz zuvor die Baustelle auf dem Isarring eröffnet worden.

Die Top-10-Baustellen im zweiten Quartal 2016:

Einsteinstraße/Leuchtenbergring

Karlsplatz/Lenbachplatz/Elisenstraße

Ifflandstraße/Isarring 

A 99 (diverse Abschnitte) 

Isarring/Effnerstraße

Innsbrucker Ring/A8/Chiemgaustraße

Prinzregentenstraße/Widenmayerstraße

B12/E54/A96

Landsberger Straße/Trappentreustraße

Georg-Brauchle-Ring/Petuelring.

Neue Strecken, höhere Taktzahl

Wie steht es um den öffentlichen Nahverkehr in München? Die Zahlen der vergangenen zehn Jahre sind frappierend: fast 70 Millionen mehr Fahrgäste bei der U-Bahn, 20 Millionen mehr bei der Tram, fast 30 Millionen mehr bei den Bussen. Insgesamt hat die MVG im vergangenen Jahr 566 Millionen Fahrgäste gezählt.

Das Nahverkehrssystem stößt an seine Grenzen. 

Laut Sprecher Matthias Korte führt das Bevölkerungswachstum dazu, dass „das Netz und vor allem die Knotenbahnhöfe an ihre Leistungsgrenze stoßen“. So bewegen sich an einem Nachmittag zwischen 16 und 19 Uhr zwischen den Bahnhöfen Odeonsplatz und Universität rund 60 000 Menschen. Zum Vergleich: So viele Einwohner hat die Stadt Rosenheim …

Um den Andrang künftig bewältigen zu können, wird die MVG auf besonders stark nachgefragten Linien den Takt erhöhen und mehr C2-Fahrzeuge einsetzen, die laut Korte acht Prozent mehr Passagiere befördern können. Korte: „Ohne zusätzliche neue Strecken wird es in Zukunft nicht mehr gehen.“ Bei der U-Bahn müsse die U9-Spange umgesetzt werden.

Bei der Tram sieht Korte derzeit kaum Verbesserungs-Möglichkeiten: Bereits heute bedienen etwa den Hauptbahnhof stündlich 100 Straßenbahnen. Hier soll ein drittes Gleis entstehen – und die Züge sollen länger werden.

Ausbau des Nahverkehrs

Der Radverkehr soll gestärkt werden, sagt Pressesprecher Martin Klamt vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Dazu will die Stadt ein „faires Miteinander“ zwischen Autos, Fußgängern und Radlern fördern. Die Menschen sollen weniger häufig mit ihren eigenen Pkw in die Stadt fahren und wieder rauspendeln. Weil die Parkraum-Gebühren von 1998 „ein gewisses Maß an Wirksamkeit verloren“ hätten, wäre auch das Anheben der Parkgebühren eine weitere Maßnahme. Außerdem, so Klamt, fördere die Stadt die Nutzung der Elektro-Mobilität und Sharing-Angebote (mehrere Menschen nutzen ein Auto). Einer der wichtigsten Punkte ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Hier genannt: die zweite Stammstrecke, aber auch der Ausbau der U-Bahn, des Busverkehrs und der Trambahnen.

Verkehrssystem am Limit

„Es staut sich an allen Enden und Ecken, das Verkehrssystem ist an der Grenze“, warnt Alexander Kreipl (47), verkehrspolitischer Sprecher des ADAC Südbayern. Am Morgen sei der Mittwoch etwa im bisherigen Verlauf des Oktobers für Autofahrer am schlimmsten gewesen – aber auch an allen anderen Werktagen ist’s schlimm. Auf der A99 etwa seien die Staus massiv. Ein Nadelöhr: der Allacher Tunnel. „Da muss dringend was passieren.“ Auch in Kirchheim und Haar ist die Situation schwierig. „Und auf der A9 zwischen Fröttmaning und Schwabing ist Stau an der Tagesordnung.“

Beim Mittleren Ring sind die Münchner ohnehin leid-erprobt. Hier gebe es zum Beispiel viele Stellen, an denen die Anzahl der Fahrspuren reduziert und der Verkehr ins Stocken gebracht wurde. Weiteres Beispiel: Kapuzinerstraße …

Autofahrer ohne Lobby

Michael Haberland, Präsident des Automobilclubs Mobil in Deutschland, ist wütend: „Wir haben 25 Jahre hinter uns, in denen nichts für den Autoverkehr in München getan wurde!“ Der Autoverkehr sei von der „grünen Politik“ lange Zeit „schleichend vergiftet“ worden. Das würde sich jetzt rächen. Haberland schätzt, dass sich die Zahl der Autos in München seit 1990 um 60 000 erhöht hat. Das hat Folgen.

„Der Mittlere Ring, die verkehrsreichste Straße in Deutschland, kollabiert gerade“, so Haberland. Ein Berufspendler muss laut Haberland mittlerweile 120 Stunden pro Jahr im Stau warten. Es fehle den Autofahrern eine Lobby, so der Mobilclub-Chef: „Da zehn Parkplätze vernichtet, dort ein Fahrverbot, da eine Busbucht auf die Straße vorgezogen, hier einen weiteren Radweg auf die Straße gepinselt.“

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