Einen Monat nach dem Amoklauf

So geht es den Menschen im OEZ heute

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Trauer um die Opfer: Noch immer stehen frische Blumen und Kerzen vor dem Olympia-Einkaufszentrum.

München - Einen Monat ist es her, dass Ali S. am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und sich selbst das Leben nahm. Die Wunden, die der Amoklauf vom 22. Juli geschlagen hat, sind tief. Passanten und Händler versuchen, wieder in den Alltag zu finden. Vielen gelingt das nicht.

Zwei junge Frauen werfen sich auf die Knie. Einer strömen Tränen über das Gesicht. Sie hebt die Hände zum Gebet, senkt den Kopf. Ihr Körper zittert. Eine kleine Menschentraube bildet sich, Schweigen. Minuten später greift eine der anderen unter die Arme, hilft ihr wieder auf die Beine. „Lass uns gehen“, sagt sie leise. Dass sie eines der Opfer kannten, jeder spürt es. Die Passanten starren regungslos auf die Rosen. Es ist Freitagnachmittag. Eine bleierne Schwere liegt über dem kleinen Gedenkort vor dem Olympia-Einkaufszentrum. Die Erinnerung an den 22. Juli ist hellwach.

Der Amoklauf, der neun Unschuldige das Leben gekostet hat, ist noch immer das beherrschende Thema rund um das Olympia-Einkaufszentrum. Eine Frau steht mit zwei Kindern vor dem geschlossenen McDonald’s, dort, wo der Amoklauf begann und Ali S. wahllos auf Menschen schoss. „Und danach ging er über die Straße“, sagt die Frau. Sie macht eine Armbewegung über die Fußgängerampel, in Richtung des Einkaufzentrums, wo der 18-Jährige weiter mordete.

Eine der Kugeln traf einen Metallpfeiler des Obststandes von Faruk Sazil. Der Abdruck erinnert den Obsthändler jeden Tag an den Amoklauf vom 22. Juli.

Die Frage des „Warum“ umgibt das OEZ noch immer. Der Täter wurde von Mitschülern gemobbt und war in psychiatrischer Behandlung. Aber das reicht vielen als Erklärung nicht. „Ich wurde in der Schule auch gehänselt“, sagt Faruk Sazil. Der 31-Jährige verkauft Obst und Gemüse gegenüber dem Haupteingang. „Aber deshalb gleich wahllos Leute umzubringen?“ Links und rechts seines Stands sind noch immer Inseln des Gedenkens. Frische Blumen und Kerzen, große und kleine Stoffbären, Fotos, Briefe, Gedenktafeln. Auf einer steht: „Stoppt Mobbing!“

Und mittendrin Sazils Stand. Er wirkt wie ein Altar. Links und rechts sackten vor vier Wochen Opfer des Amokläufers verletzt oder tot zusammen. Einschusslöcher durchsiebten die Obstauslage. Faruk Sazil steht zwischen dem löchrigen Holzschild und dem angeschossenen Metallpfeiler, verkauft frische Pfirsiche, Melonen und Feigen. Vor ihm ein Glas schwarzer Tee, seine Zigarette brennt im Aschenbecher. Er ringt um Normalität – und um seine Existenz. Etwa 70 Prozent weniger Umsatz verbucht Sazil seit dem 22. Juli.

Der Tag hat sich in sein Gedächtnis gebrannt. Er erinnert sich an jede Sekunde. „Beim ersten Schuss im Restaurant dachte ich, es war ein Ballon, der geplatzt ist“, sagt Sazil. „Aber als weitere sechs oder sieben Schüsse fielen, war mir klar, dass es sich um eine Feuerwaffe handelt. Ich habe die Kasse abgeschlossen und bin in den Saturn gelaufen, bevor der Amokläufer auf die Straße rannte.“

Aus Faruk Sazil sprudelt es heraus. Wie er stundenlang im OEZ ausharren musste, hin- und hergescheucht wurde, von Menschen in Panik, die nicht wussten, wo der Amokläufer gerade ist. Die Zeit hat bei Faruk Sazil noch kaum Wunden geheilt. „Von der Fensterscheibe aus habe ich teilweise gesehen, wie der Täter auf die Leute schoss“, sagt er und zieht heftig an seiner Zigarette. „Anfangs konnte ich nicht schlafen. Schauen Sie sich die Einschusslöcher an meinem Stand an. Wäre ich nicht weggelaufen, hätte er mich wahrscheinlich auch getroffen. Manche Stammkunden fragen mich per Kurznachricht, ob ich lebe.“

Nikol Filipova arbeitet im Café Filip’s. Die Studentin nimmt noch immer Beruhigungsmittel.

Auf der anderen Straßenseite, im Café Filip’s, arbeitet Nikol Filipova (20) aus dem tschechischen Brno. Sie studiert Mathematik, in den Semesterferien jobbt sie hier. „Jeden Morgen, wenn ich in die Arbeit komme, sehe ich die toten Menschen vom 22. Juli dort liegen“, sagt Filipova und zeigt Richtung Obststand. „Mein Hausarzt hat mir Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben. Das Schlafmittel konnte ich mittlerweile absetzen“, sagt die junge Frau. „Das Leben geht weiter, wir müssen irgendwie funktionieren. Aber es ist nicht einfach.“

Als Ali S. die ersten Schüsse auf der Straße abgab, hörte es sich für Filipova so laut an, als ob der Schütze vor ihrem Café stehe würde. Etwa zehn Minuten später konnte sie ihn beobachten, wie er in aller Ruhe am Café vorbeispazierte, Richtung OEZ. „Das waren die längsten zehn Minuten meines Lebens“, sagt Filipova. „Meine Kollegen und ich, wir haben immer noch Angst, wenn jemand schreit oder wenn wir einen lauten Knall hören.“ Auf das Oktoberfest will die Studentin heuer auf gar keinen Fall. „Das ist mir zu unsicher.“

Ana Lauer (27) kommt gerade aus Berlin. Die Studentin hält mit ihrem Rollkoffer und den beiden Taschen kurz an, blickt auf die Bilder und Schilder. Dann geht sie Richtung OEZ. Lauer möchte zum Geburtstag einer Freundin einen Einkaufsgutschein besorgen. „Mir ist schon ein bisschen mulmig“, sagt sie. „Ich wusste gar nicht, dass diese Tragödie hier passiert ist. Wären die vielen Blumen nicht da, würde das ja kaum auffallen. Meine Mitfahrer haben zu mir gesagt: Wie bitte? Du steigst wirklich am OEZ aus?“

Lauer bringt aus Berlin ein Stück Alltag mit, ein bisschen Normalität. Plötzlich startet ein Harley-Fahrer sein Motorrad. Das laute Knattern hört sich an wie ein Maschinengewehr. Menschen zucken zusammen. Eine Frau zieht ihre Schultern ruckartig hoch, blickt skeptisch Richtung Motorrad. Erst ganz langsam entspannt sich ihr Körper wieder.

Amoklauf am OEZ: Bilder des Polizeieinsatzes

Hüseyin Ince

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