Sie kamen um zu bleiben

Einwanderungsland Deutschland: Drei Münchner erzählen ihre Geschichte

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2015 kamen so viele Menschen wie nie zuvor in die Bundesrepublik.

München - Noch nie kamen so viele Menschen nach Deutschland wie 2015. In der tz erzählen drei Einwanderer in München ihre Geschichte: Sie kamen um zu bleiben.

Deutschland – das Einwanderungsland! Schon seit ein paar Jahren gehen die Zuwanderungszahlen kräftig nach oben. Die Bundesrepublik arbeitete sich vor auf Platz zwei der beliebtesten Einwanderungsländer weltweit, gleich hinter den USA. Jetzt hat das Statistische Bundesamt alle Zahlen über Ausländer in Deutschland zusammengetragen. Wir haben mit Münchner Ausländern über ihr Leben hier gesprochen:

In Frieden und respektvoll zusammenleben

Ferhat Yasar ist erst 21 Jahre alt. Und dennoch hat er schon einiges vorzuweisen – sein Lebenslauf lässt staunen. Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker bei Mercedes. Mittlere Reife und Abitur folgten. Anschließend machte er einen Taxischein, um danach direkt die Unternehmersprüfung zu absolvieren. Erfolgreich versteht sich. Jetzt ist er Jungunternehmer – betreibt einen Taxi- und Limousinenservice. Alles mit jungen 21 Jahren. Doch fertig ist er noch lange nicht.

Unternehmer Ferhat Yasar (21) hat klare Ziele.

Er wuchs im Münchner Norden auf. Ein Sohn türkischer Einwanderer. Als Ausländer fühle er sich nicht, „sondern als Deutscher. Ich kann sagen, das ist mein Heimatland.“ Seine Familie kommt aus der Türkei. Genauer gesagt aus Konya – „wir sind türkisch-kurdischer Herkunft“, erklärt er. Die Eltern sind dort aufgewachsen und 1980 nach Deutschland gekommen. Schon der Großvater war als Gastarbeiter hier, ist dann später wieder in die Türkei zurückgegangen. „Aber meine restliche Familie ist bis heute hier geblieben. Für mich ist es auch keine Option, in die Türkei zu gehen. Ich bin angepasst, bin intergriert und habe mein Leben hier.“

Er ist stolz auf das bisher Erreichte: „Ich wollte immer für mich selber arbeiten und bin mit der Entscheidung sehr zufrieden. Als ich damals beim Kreisverwaltungsreferat saß und das Unternehmen auf mich überschrieben habe, sagten sie mir, dass ich der jüngste Unternehmer im Taxigeschäft in München sei.“ Und es soll noch weitergehen. Expansionsgedanken treiben den jungen Mann. Er überlegt „vielleicht so in zwei Jahren“ weitere Fahrer einzustellen und persönlich nur noch im Hintergrund zu arbeiten. Aber auch ein Studium zieht er in Zukunft durchaus in Betracht: „Maschinenbautechniker sind sehr gefragt. Ich werde das Studium noch machen, aber bis dahin will ich mir erst mal ein solides Grundgerüst aufbauen.“ Was Yasar sagt und vor allem wie er es sagt, klingt überzeugend und vor allem zielstrebig. Er weiß, was er will.

Und wie sieht er die Integration der türkischstämmigen Mitbürger? Seine Generation, erzählt er, sei für eine ganz klare Integration bzw. schon vollkommen integriert. „Das haben wir aber auch von klein auf gelernt. In der Schule waren viele Nationalitäten vertreten und wir sind dementsprechend aufgewachsen“, so Yasar. Es sei egal woher man komme – ob man deutsch, türkisch, syrisch, amerikanisch ist. „Wir sind so aufgewachsen, dass wir in Frieden zusammenleben und den anderen respektieren“, betont er.

München? „Bin hier zu Hause“!

Ivan Lipovcan und sein kleines kroatisches Geschäft Koledar gehören zum Inventar des Bahnhofviertels, gerade so wie der Hauptbahnhof selbst. Seit 1968 besteht der Spezialitätenladen an der Hermann-Lingg-Straße. Lipovcan selbst kam 1969 nach München, den Laden gründete sein Schwiegervater und übergab ihn 1988 an den heute 67-Jährigen.

Ivan ­Lipovcan mit seiner Mitarbeiterin ­Ljeljana.

Aus Kroatien kam Ivan damals alleine. Seine Frau habe ihn hergezogen, sie war schon 1957 eingewandert. In Kroatien habe er natürlich noch Verwandtschaft, aber „wir haben uns hier wunderbar eingelebt“ – inklusive deutsche Staatsangehörigkeit. „Wenn mich jemand fragen würde, wo ich zu Hause bin, dann würde ich München sagen“, erklärt er mit freundlichem Lächeln. Die Kroaten seien ein sehr stolzes Volk und innerhalb der Gemeinschaft werde auch versucht, Traditionen aufrechtzuerhalten, sagt Lipovan – seien es nun religiöse oder kulturelle Traditionen. „Kroaten sind flexibel, und der Wille zur Integration ist groß.“ Diesen Willen erkennt er auch bei der jungen Generation: „Wir Kroaten sehen uns schlicht und einfach als Europäer.“ Er selbst betont, dass er sich als Deutschen mit kroatischer Abstammung betrachte.

Grieche Kostis: "Er gehört hier her"

Nikos Kostis’ kleiner, aber feiner Laden in der Baaderstraße hat alles, was das griechische Herz begehrt. „Ich biete Spezialitäten an. Griechische Weine, Oliven, Schafskäse, Vorspeisen, Brotaufstriche usw.“, erklärt er. Seit zwölf Jahren betreibt er sein Geschäft – in Deutschland ist er aber schon deutlich länger: „Ich bin 1969 aus Griechenland gekommen und 1970 auch nach München gezogen.“

 Seit 1970 lebt Nikos Kostis in München. Der Grieche betreibt in der Baaderstraße ein kleines griechisches Geschäft.

Und wie lebt es sich als Grieche in München? „Hier gibt es natürlich auch so etwas wie eine griechische Gemeinschaft, wo man dann nur unter sich ist. Cafés und Treffpunkte, wo ich auch immer mal wieder vorbeischaue. Das ist dann auch ein bisschen Heimat, was man dort erlebt. Ich kenne viele Leute schon über 40 Jahre“, schwärmt Kostis.
„Die Griechen an sich“, erklärt er, „sind sehr herzlich. Immer mit einem Lächeln im Gesicht.“ Und wie steht es mit der Integration? „Na ja“, sagt er, „die Älteren sind schon eher unter sich geblieben. Bei der jungen Generation ist das natürlich ganz anders. Da gibt es keine Unterschiede mehr, ob sie Griechen sind oder nicht. Wenn, dann ist es nur ein ganz kleiner Teil.“

Und Kostis? „Er gehört einfach hier her“, ruft ein Gast während des Gespräches. Genug gesagt.

M. Kniepkamp/D. Laska

Marc Kniepkamp

Marc Kniepkamp

E-Mail:Marc.Kniepkamp@tz.de

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