Reporter geben sich als Rechtsradikale aus / Staatsschutz ermittelt

Eklat um BR-Team bei Sarrazin-Lesung

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Ein BR-Mitarbeiter im Wolfspelz: Die Polizei nahm die Personalien von „Südwild“-Reporter Michi Köppel auf

München - Der BR hat Ärger mit dem Staatsschutz der Münchner Polizei. Zwei Reporter der Jugendsendung "Südwild" hatten sich am Mittwoch vor der Diskussion mit Thilo Sarrazin in der Schwabinger Reithalle als Rechtsradikale ausgegeben.

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Die Reporter verwickelten dabei Besucher in Interviews. Sie hielten Plakate hoch, schmetterten Parolen und verteilten Wurstsemmeln, erklärt die Polizei auf Anfrage der tz. „Die Beamten vermuteten den Tatbestand einer nicht angezeigten Versammlung“, sagte Polizeisprecher Peter Reichl. Jetzt prüfe die Kripo-Abteilung für Staatsschutz den Fall. Der Bayerische Rundfunk (BR) bestätigt das.

Die beiden jungen Herren kamen aber auch schneidig daher: Korrekt gekleidet, gescheitelt und flüssig parlierend umgarnten die Mittzwanziger vor der Sarrazin-Diskussion die Zuschauer in der Schlange an der Reithalle. Sie schwadronierten von einem „Staatlich geförderten Fortpflanzungsjahr für Akademiker“, forderten eine „Intelligenzgesteuerte Zuwanderung“ und sammelten Unterschriften für ihre vermeintliche neue Partei „Natio – total, jung, national“. Drei Plakate hatte sie laut Polizei dabei. „Aufwachen Deutschland“, stand auf einem. Doch damit nicht genug: Bevor es beim Warten und den zahlreichen Kontrollen zu langweilig wurde, schmetterten die jungen Herren „Berlin braucht Sarrazin!“ (In der Diskussion warf Handelsblatt-Chef Gabor Steingart übrigens Sarrazin vor, in seiner Zeit als Politiker in Berlin nicht einen einzigen Vorstoß zur Integration unternommen zu haben.) Die Polizei fand die Aktion nicht lustig und vermutete eine unangemeldete Versammlung. Da offenbarten die Männer sich als BR-Mitarbeiter. Die Polizei nahm die Personalien auf und wies den „Demonstranten“ einen etwas abseitiger liegenden Platz zu. Jetzt prüft der Staatsschutz, ob ein Vergehen vorlag.

Die BR-Jugend-Chefin Ulrike Ebenbeck sagt, den Kollegen sei es nicht um Randale, sondern um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Thesen gegangen. Im Eifer des Gefechts habe man die Anmeldung bei den Behörden vergessen. Die interviewten Besucher seien über die Satire aufgeklärt worden. Zuvor hätten die Reporter viele Unterschriften für die fingierte rechtsradikale Partei sammeln können.

David Costanzo

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