Urteil im Missbrauchsprozess

Sieben Jahre Haft für Ex-Pater: Kloster Ettal zeigt sich entsetzt

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Der frühere Pater Georg alias Jürgen R. mit seinem Verteidiger. 

München/Ettal - Rund 13 Jahre nach den ersten Übergriffen wurde der frühere Benediktinerpater Georg verurteilt: Er muss sieben Jahre in Haft. Ein Zurück in den Orden gibt es nicht. 

Jürgen R. (46) steht regungslos da und wartet auf sein Urteil. Er trägt Jeans und ein schlabbriges graues Sweatshirt, in der Hand hält er eine blaue Plastikmappe. Keinen Anzug mehr und keinen Aktenkoffer. Er wirkt, als er hätte er sich längst mit seinem Schicksal abgefunden. Damit, dass er nicht mehr der angeblich zu Unrecht beschuldigte Würdenträger ist, den er noch zu Beginn seines ersten Prozesses 2015 spielte. Damit, dass er nicht mehr der smarte und beliebte Benediktinerpater Georg aus dem Kloster Ettal (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) ist. Und damit, dass die Kirche nicht mehr hinter ihm steht. „Sie, den heutigen Herrn R.“, sagt die Vorsitzende Richterin Regina Holstein, „hat die Vergangenheit eingeholt.“

Jürgen R., der seit April wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft sitzt, muss noch länger hinter Gittern bleiben. Das Landgericht München II hat ihn gestern wegen zehnfachen sexuellen Missbrauchs und fünffachen schweren sexuellen Missbrauchs an einem damals zwölf- bis 13-jährigen Buben zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Eingerechnet ist dabei das erste Urteil vom März 2015, als ihn das Gericht wegen Missbrauchs an drei anderen Buben zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilte. In diesem Verfahren hatte sich herausgestellt, dass die Taten teils wesentlich schwerer waren als angenommen.

Pater Georg wird zu Beginn des Prozesses wegen sexuellen Missbrauchs im Kloster Ettal in den Gerichtssaal geführt. 

Das vierte Opfer hatte damals ausgesagt, dass es nicht bei Berührungen geblieben war. „Erst waren es harmlose Berührungen und Streicheln“, sagte die Richterin, „aber dann ist es ausgeartet.“ Bis hin zum gegenseitigen Oralverkehr. Die Übergriffe fanden im Präfektenzimmer des damaligen Pater Georg statt. Anfangs, in der siebten Klasse, war R. nämlich der Präfekt des Buben. Der Missbrauch ging allerdings auch in der achten Klasse weiter, als er nicht mehr dessen Präfekt war. Dafür musste sich das Kind dann nachts in eine anderes Stockwerk schleichen. „Auf Anweisung des Angeklagten wurde es Zug um Zug immer schlimmer“, sagte die Richterin.

Opfer stammte aus einem schwierigen Elternhaus und suchte in Ettal Zuwendung

Besonders hob sie die Gründe hervor, die den Buben dazu trieben, sich immer wieder auf Geheiß des Präfekten zu ihm zu schleichen. Er habe er gesagt: „Ich dachte, ich muss die sexuellen Handlungen machen, um nicht die enge Verbindung zu dem Pater zu verlieren.“ Der Bub stammte aus einem schwierigen Elternhaus und habe im Internat Halt und Zuwendung gesucht. Er hatte den Ex-Pater sogar als „Ersatz für die Familie“ bezeichnet. Dieses Vertrauensverhältnis habe der Ex-Pater ausgenutzt: Der Bub sei abhängig und kindlich unerfahren gewesen.

Wegen der intimen Details wurde die Öffentlichkeit in Teilen aus dem Prozess ausgeschlossen. Auch die Plädoyers und das letzte Wort des Angeklagten waren nicht zu hören. Laut Gerichtssprecherin Andrea Titz forderte die Staatsanwältin neun Jahre Gefängnis für den Ex-Pater. Verteidiger Jost Hartman-Hilter ging von minderschweren Fällen aus, stellte aber keine konkrete Forderung. Der Angeklagte selbst bat noch einmal um Entschuldigung. Es sei ihm wichtig gewesen, dass er sich schon im ersten Prozess persönlich bei dem Opfer entschuldigen konnte. Schließlich bat er um eine Strafe, die ihm „eine Perspektive für die Zukunft lässt“.

Richterin zu Jürgen R.: Sie stehen ernsthaft vor dem Nichts

Die Perspektiven für die Zeit nach der Haft sind allerdings nicht rosig. „Sie stehen ernsthaft vor dem Nichts“, sagte die Vorsitzende. Die römische Glaubenskongregation hat Jürgen R. Mitte 2015 aus dem Orden ausgeschlossen, auch sein Priesteramt darf er nicht mehr ausüben. „Es ist klar: Bei diesem Delikt gibt es kein Zurück.“ Jürgen R. hat zwar Anfang der 90er-Jahre eine Banklehre absolviert. Ob er allerdings ohne Berufserfahrung und mit erheblicher Vorstrafe eine Stelle findet, sei mehr als fraglich.

Das Kloster Ettal nahm das Urteil „mit großem Entsetzen und menschlicher Enttäuschung“ auf. Das dem Opfer zugefügte Leid habe den Konvent erneut „tief erschüttert“. Hätte R. vor zehn Jahren die Wahrheit gesagt, sagte Abt Barnabas Bögle, wäre den Betroffenen viel erspart geblieben.

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