Familie zog aus Münchner Stadtteil weg

Faktencheck zum Abschiedsbrief einer verzweifelten Mutter

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Weil sie mit den Gegebenheiten in den Erziehungseinrichtungen ihres Stadtteils nicht einverstanden war, zog eine Münchner Familie von dort weg.

München - Eine Mutter adressierte einen Abschiedsbrief an die Stadt München, weil sie und ihre Familie wegen der Bedingungen in ihrem Stadtteil von dort wegzog. Ein Faktencheck zu ihren Vorwürfen.

„Anna“ nahm in ihrem Abschiedsbrief an die Stadt München kein Blatt vor den Mund. Die verzweifelte Mutter zog mit ihrer Familie aus dem Stadtteil Milbertshofen-Am Hart weg, weil sie mit den dort vorherrschenden Bedingungen - unter anderem in verschiedenen Sozialeinrichtungen - nicht einverstanden war. Auch die Redaktion von Münchner Merkur/tz erreichte der Brief. Ein Faktencheck rund um den Abschiedsbrief.

1. Beim Frauenfrühstück des Nachbarschaftstreffs spricht keiner Deutsch und alle tragen ein Kopftuch

„Also ich bin an einem Montagmorgen in den Nachbarschaftstreff an der Ingolstädter Strasse (von der Landeshauptstadt München gefördert etc.) um hier am Frauenfrühstück teilzunehmen. Hier traf ich auf etwa 6-8 Mütter teilweise mit ihren Kindern. Alle Frauen trugen ein Kopftuch und keine von ihnen sprach Deutsch.

Die Leitung des betreffenden Spiel- und Begegnungszentrum am Hart (SBZ) antwortet auf diese Aussage wie folgt: 

Das Frühstücksangebot des Mütterzentrums im Nachbarschaftstreff wird durchschnittlich von acht Müttern mit ihren Kleinkindern besucht. Zu dem Angebot kommen überwiegend Türken, Kurden und Besucher mit arabischen Migrationshintergrund. Von den Ehrenamtlichen, die das Frauenfrühstück organisieren, trägt über die Hälfte kein Kopftuch und alle sprechen so gut Deutsch, dass sie sich problemlos in dieser Sprache unterhalten können. Die Besucher haben teilweise geringere Deutschkenntnisse. Hier veranstalten Bewohner des Stadtteils selber ein Frühstück. Es kommen also diejenigen zusammen, die sich gemeinsam treffen und etwas „auf die Beine stellen“ wollen. Die Rolle der Sozialpädagogin vor Ort besteht vorrangig darin, die Besucher dabei zu unterstützen. Natürlich achtet sie darauf, neue Besucher, egal welcher Nationalität, zu integrieren. Dazu gehört, dass sie darauf hinwirkt, dass Deutsch gesprochen wird, damit sich alle an den Gesprächen beteiligen können. Darüber hinaus heißt sie jeden neuen Besucher willkommen, stellt die verschieden Angebote vor und zeigt Möglichkeiten auf, sich einzubringen, zu engagieren und somit auch sich zu integrieren. Jede Gruppe im Stadtteil ist eingeladen die Räume für ihre Interessen zu nutzen, wobei jede Nutzergruppe die gleiche Unterstützung erfährt.

Laut Rudolf Stummvoll, Leiter des Amts für Wohnen und Migration, gibt es münchenweit rund 40 Nachbarschaftstreffs. Seit Jahrzehnten sei die Grundidee, Räume zu schaffen, wo sich Menschen aus einem Kiez treffen, reden und sich gemeinsam selbstverwirklichen können. Meist organisieren sich die Gruppen selbst, mit Begleitung durch Sozialpädagogen. Viele Frauen, viele Migrantinnen seien sehr engagiert dabei. „Jeder Treff ist anders, und das ist gut so.“ In Milbertshofen gebe es wohl naturgemäß einen höheren Ausländeranteil.

2. Frauen und Männer sind beim Familienbrunch in getrennten Räumen

„Hier wurde ich dann darauf hingewiesen, dass das Frühstück in getrennten Räumen stattfinden würde. Männer und Frauen getrennt.“

Die Antwort der Einrichtungsleitung: 

Die Organisation des Familienbrunch erfolgt durch zwei Familien aus dem Stadtteil, mit denen die Sozialpädagogin in engen Kontakt steht. Der Brunch findet nicht nach Geschlechtern getrennt statt. Bei selbstorganisierten Angeboten hält sich die Pädagogin im Hintergrund, hilft beim Aufbau des Angebots oder wenn es Probleme gibt und ist nur teilweise selber anwesend, um einen Eindruck davon zu gewinnen, was in dem Angebot passiert und wo sie unterstützend tätig werden kann. Natürlich achten wir darauf, dass sich diese Angebote nicht dergestalt verselbstständigen, dass extreme politische oder extreme religiöse Inhalte durch sie gefördert werden. Sie müssen auch prinzipiell für jeden aus dem Stadtteil nutzbar sein und ihre Teilnehmer dürfen nicht diskriminiert werden. Die Pädagogin achtet darüber hinaus auf die Stimmung, den Umgangston und die informellen Strukturen in den Gruppen und greift bei Bedarf regulierend ein. Bei Angeboten, die von Seiten des SBZ gemacht werden, nimmt die Pädagogin eine aktivere Rolle ein. Sie ist weitgehend anwesend, bringt Anregung und neue Themen in die Gruppe ein und ist Teil der stattfindenden Kommunikation. Dabei baut sie mit den Besuchern Strukturen auf und achtet auf ein faires Miteinander.

3. Eltern dürfen Kindern in der Spielgruppe kein Schweinefleisch mitgeben

„Ich wurde lediglich darauf hingewiesen, dass ich meinem Kind zum Frühstück kein Schweinefleisch mitgeben darf!“

Die Einrichtungsleitung antwortet wie folgt:

Im Prinzip können die Mütter der Spielgruppen-Kinder ihren eigenen Kindern auch Schweinefleisch zum Essen mitgeben. Allerdings ist die Verpflegung so geregelt, dass jeweils eine Mutter das Essen für alle Kinder mitbringt. Da meistens ein Teil der Gruppe muslimischen Glaubens ist, könnten deren Kinder nicht mitessen, wenn Schweinefleisch angeboten würde. Deshalb wird bei der Verpflegung für die gesamte Gruppe auf Schweinefleisch verzichtet. Wenn Eltern Kritik oder Verbesserungsvorschläge haben, können sie uns diese jederzeit mitteilen, darüber hinaus besteht bei den Elternabenden die Möglichkeit, Probleme anzusprechen und Änderungen der Regeln anzustoßen.

4. Hundehalter meiden nicht einmal einen Spielplatz - dagegen tut die Stadt nichts

„Nicht einmal der Spielplatz wird mit dem Hund gemieden. (...) Ich sehe nie einen Hund angeleint und es wird keine Rücksicht auf Kinder genommen. Ich habe auch noch nie jemanden gesehen, der das kontrolliert von der Stadt.“

Generell gilt laut dem Kreisverwaltungsrat (KVR) in München zwar keine Leinenzwang für Hunde. Jedoch gibt es Ausnahmen für bestimmte Bereiche sowie für große Hunde, die von der Stadt München in der Hundeverordnung geregelt sind. Ein generelles Betretungsverbot für alle Hunde gilt laut dieser zum Beispiel für oben angesprochene Kinderspielplätze. Kommt es dort zu einer Beschwerde, kontrolliert der Außendienst laut KVR vor Ort. Beschwerden zu frei laufenden Hunden gehen laut eigener Aussage der Behörde jedoch nicht sehr häufig ein. „Es sind nur wenige im Jahr“, schreibt das Referat.

5. Wie hoch ist der Ausländeranteil in München?

In München leben laut dem Statistischen Amt der Landeshauptstadt München 1,534 Millionen Menschen (Stand August 2016). Der Ausländeranteil (inklusive Bürger mit EU-Nationalität) beträgt 28,1 Prozent, Ende 2014 betrug er 26,4 Prozent. Im Vergleich: 2006 lag der Ausländeranteil bei 22,95 Prozent, 1996 bei 21,64 Prozent.

Flüchtlinge: Aktuell leben in München dauerhaft rund 9000 Asylbewerber. Hinzu kommen einige tausend geflüchtete Jugendliche. Die Asylbewerber in der Erstaufnahme (Bayernkaserne plus Dependancen) gelten nicht als Münchner Bevölkerung, weil die meisten von ihnen hier nur „durchlaufen“ und dann weiterverlegt werden.

6. Anna hält Milbertshofen für einen besonders schwierigen Stadtteil

„Außerdem wohnte ich früher in Harlaching, einem doch etwas anderen Stadtteil als Milbertshofen.“

Die Stadtteile unterscheiden sich teilweise. Rechnet man zu den 28,1 Prozent Ausländeranteil die Menschen hinzu, die einen Migrationshintergrund haben, kommt man auf rund 42 Prozent Bevölkerungsanteil. (Definition von Migrationshintergrund: Ausländer, die hier geboren wurden, und Deutsche mit mindestens einem zugewanderten Elternteil).

Die Münchner Stadtbezirke unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung. Rechnet man Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund zusammen, zeigt sich folgendes: Schlusslicht ist Allach-Untermenzing mit 31,8 Prozent. An der Spitze liegt Milbertshofen-Am Hart mit 57,8 Prozent. Im Bezirk Untergiesing-Harlaching, wo Anna früher lebte, sind es 34,4 Prozent.

Das Sozialreferat weist darauf hin, dass ein Stadtteil nicht automatisch ein Brennpunkt ist, wenn dort viele Migranten leben. "Das Sozialreferat beobachtet alle Entwicklungen in den Stadtteilen sehr genau und arbeitet aktiv daran, sozialen Herausforderungen wirksam zu begegnen", sagt ein Sprecher. Um dies zu steuern, gibt es das "Sozialmonitoring". Hierbei werden bestimmte Indikatoren beobachtet. Etwa: Wie viele Hartz-IV-Empfänger leben in einem Stadtteil? Wie viele beziehen Grundsicherung im Alter? Wie viele Haushalte werden von der Bezirkssozialarbeit betreut? Wie viele Ausländer leben dort?

Aus all diesen Daten zusammengenommen ergibt sich, wo das Sozialreferat besonderen Handlungsbedarf wegen "sozialer Herausforderungen" sieht. Seit Jahren liegt dabei das Hasenbergl (48,3 Prozent Ausländer/Migrationshintergrund) an der Spitze, gefolgt etwa von Neuperlach, Harthof und Messestadt (Daten von 2014). Am Hart liegt auf Platz 15, Milbertshofen West auf Platz 16 und Milbertshofen Ost auf 20. Dagegen gilt die Schwanthalerhöhe, wo immerhin 43,7 Prozent Ausländer/Migranten leben, laut Wohnungsamtleiter Rudolf Stummvoll als nicht schwierig: Platz 38 von insgesamt 114 Regionsbezeichnungen innerhalb Münchens.

7. Wie ist das mit dem Schweinefleisch in Münchens Kindertageseinrichtungen?

Bei gewöhnlichen Münchner Kindertageseinrichtungen ist das mit dem Essen wie folgt:

Die städtischen Kitas richten sich vor allem nach der Qualität des Essens und nach dem, was den Kindern schmeckt. Es gebe Fleischangebote etwa mit Pute, Schwein oder Rind, dazu täglich ein alternatives vegetarisches Angebot, so eine Sprecherin des Bildungsreferats.

Die freien Träger handhaben das unterschiedlich. Beispiel von der Inneren Mission: In deren Kitas gibt es laut Diakonia-Betriebsleiterin Ursula Winkler einmal wöchentlich Fleisch – aber kein Schwein, sondern Geflügel oder Rind. Der Verzehr von Schweinefleisch habe „aus ernährungsphysiologischer Sicht keine Vorteile“. Das Essen sei so konzipiert, dass es möglichst viele Kinder essen können. Weil auch muslimische Kinder in den Kitas sind, sei der Verzicht auf Schwein „der gangbare und vernünftige Weg“. Ein besonderes Essen „erhalten ausschließlich Kinder, für die ein ärztliches Attest vorliegt“, also etwa wegen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. Eltern, die ihr Kind vegetarisch ernährt haben wollen, gäben ihm das Essen mit.

8. Was sagen Stadtpolitiker zu Annas Brief?

CSU-Stadtrat Johann Sauerer hat einen Antwortbrief an „Anna“ verfasst. „Mit großem Interesse, aber auch mit Bestürzung und ehrlichem Mitgefühl“ habe er ihren Brief gelesen, schreibt Sauerer. Er versichert Anna, dass Familien vom Stadtrat „mit einer Vielzahl von Programmen“ unterstützt würden. Sauerer, der im Westkreuz (Aubing) lebt, erzählt, dass in seinem Wohnhaus 80 Prozent der Mietparteien einen Migrationshintergrund haben, das Zusammenleben aber sehr gut funktioniere. Er bietet Anna an, sie vor Ort zu besuchen, um ihre Probleme zu lösen.

Aus welcher Motivation er geantwortet hat? „Ich lasse mir meine Stadt nicht schlechtreden“, sagte Sauerer gegenüber dem Münchner Merkur. Ihm sei es darum gegangen, Haltung zu zeigen. München tue sehr viel für die Integration. Wenn jemand mit irgendwas Probleme habe, möge er damit an die Politik herantreten. Natürlich seien die Menschen in München sehr verschieden, „aber uns bleibt nichts anderes übrig, als miteinander klarzukommen und zu reden“, sagt er.

Auch CSU-Stadtrat Marian Offman hat reagiert. Ihn stört, dass Anna offen damit drohe, dass sie „andere Parteien“ wählen werde – mit deutlichem Bezug auf die AfD. Annas Brief ziele darauf, „Ressentiments zu schüren“, sagte Offman. München habe bundesweit den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, sei aber zugleich laut Polizeistatistik am sichersten: „Irgendwas müssen wir also richtig gemacht haben“, so Offman.

Ob es die Politik versäumt habe, die Integrationsdebatte offen genug zu führen? Nein, sagt Offman. Etwa auf Informationsveranstaltungen zu neuen Flüchtlingsunterkünften werde transparent und offen diskutiert. „Aber ein Anteil von fremdenfeindlichen Leuten bleibt immer“, sagt Offman.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), an den der Brief adressiert ist, hat den Brief an das zuständige Sozialreferat weitergeleitet. Zu anonymen Briefen bezieht er üblicherweise keine Stellung.

Rudolf Stummvoll leitet innerhalb des Sozialreferats das Amt für Wohnen und Migration, arbeitet also in der Stadtverwaltung und zugleich nah an der Basis. Sein Standpunkt: „Wenn wir die Zuwanderung nicht hätten, wäre München keine wirtschaftsstarke, weltoffene Stadt, sondern ein verschnarchtes Dorf“, sagt er. Stummvoll lebt seit mehr als 40 Jahren hier. Natürlich verändere sich die Großstadt, sagt er. Darauf müssten sich auch die Bürger einstellen, dorthin müssten sie Politik und Verwaltung auch mitnehmen. Darum beantworte er seit Jahrzehnten auf Informationsveranstaltungen gerne die immer ähnlichen Fragen zum Thema Zuwanderung und Integration.

Dass sich die Gefühlslage angesichts der Menschen mit Migrationshintergrund aktuell wieder so stark unterscheide von den Fakten? Dass vielerorts subjektiv Angst herrsche, obwohl objektiv die Bedrohung nicht zugenommen habe? Es dürfe nicht werden wie in den USA, wo sich viele Bürger nicht gehört fühlten und nun Donald Trump wählten, sagt Stummvoll. Es helfe nur, immer weiter miteinander zu reden. Und den Bürgern in der Praxis zu beweisen, dass ihre Ängste allermeistens unbegründet seien. Natürlich gebe es Probleme - aber etwa keine „No-Go-Areas“. Die Stadt habe jahrzehntelange Erfahrung in der Integration, ein engmaschiges Netz von Akteuren und ein solides Integrationskonzept.

Auch die Bürger müssten sich selbst aktiv um ein Miteinander bemühen: „Nur das ist echte Bürgergesellschaft“, so Stummvoll.

jum

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