Jugendamt informiert

Flüchtlingsbetreuung in München: Stark gegen Radikalisierung

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Das Jugendamt ist zuversichtlich: (v. li.) Klaus Joelsen, Ilse Völk, Markus Schön und Caroline Rapp.

München - Das Münchner Jugendamt stellt dar, wie junge Flüchtlinge hier betreut werden – und wie bei Verdachtsmomenten ein Netzwerk greift.

Auch in München hat Würzburg für Entsetzen gesorgt: die Attacke eines jungen Asylbewerbers auf Mitreisende im Zug. Wie ist die Situation in der Landeshauptstadt, in der die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UmF) ankommen? Gestern gaben Verantwortliche aus der Jugendhilfe Auskunft.

Im vergangenen Jahr wurden in München etwa 5000 Jugendliche in Obhut genommen. Früher geschah das in der Bayernkaserne, seit April im neuen Young Refugee Center an der Marsstraße. Die Jugendlichen würden „engmaschig versorgt“, sagte der stellvertretende Jugendamtsleiter Markus Schön: ein Sozialarbeiter für fünf UmF, wie auch in der gewöhnlichen Jugendhilfe. Diese intensive Betreuung halte man für absolut notwendig, betonte Abteilungsleiterin Caroline Rapp. „Manche haben erst drei Jahre Schule hinter sich, die brauchen dringend Orientierung.“ Ab dem ersten Tag gebe es Sprachkurse, eine große Palette aus Hilfs-, Ausbildungs-, Freizeitangeboten.

Die allermeisten UmF leben in Einrichtungen der Jugendhilfe. In Pflegefamilien leben 53 junge Flüchtlinge: 38 bei Verwandten, 15 in Fremdpflege. Das Interesse von Familien sei da, aber nicht riesig, sagte Abteilungsleiterin Ilse Völk. Und die Auswahl von Jugendlichen und Familien erfolge sehr sorgfältig, längst nicht jeder sei dafür geeignet. Pflegefamilien erhalten eine intensive Begleitung durch die Stadt.

Doch wie bemerkt man, wenn sich ein Jugendlicher radikalisiert? Und was tun, wenn es Anzeichen dafür gibt? Klaus Joelsen, zuständig für politische Bildung, sagte, in aller Regel sei Radikalisierung wahrnehmbar: Ein Jugendlicher verändere sich, er rede anders. Die Merkmale, ob sich ein Jugendlicher ins rechtsradikale oder ins islamistische Extrem entwickle, ähnelten sich stark. „Unsere Mitarbeiter kriegen mit, wie die Jugendlichen drauf sind“, erklärte er, sie bekämen Fortbildungen und seien sensibilisiert.

Wenn es einen Verdacht gebe, werde sofort unbürokratisch gehandelt und ein Gesamtbild über den Jugendlichen erstellt. Das Jugendamt kooperiere eng mit Beratungsstellen und Sicherheitsbehörden (siehe Bayern-Teil). Schön sagte, es sei nie auszuschließen, dass etwas nicht bemerkt werde – doch das Netz sei sehr engmaschig.

Die Zahl der Jugendlichen in München, bei denen es in den vergangenen Jahren einen Verdacht auf Radikalisierung gegeben hat, liegt laut Rapp im einstelligen Bereich. Bei den meisten davon habe sich der Verdacht nicht weiter erhärtet. Die Bleibechance der Jugendlichen ist hoch: 80 bis 90 Prozent erhalten einen Aufenthaltstitel. Dennoch sei ihre Verunsicherung groß, so Rapp. „Wir reden ihnen zu, dass sie mit Eigenverantwortung und Disziplin hier die besten Chancen haben.“

Aktuell ist die Stadt für 3000 UmF zuständig. Wöchentlich kommen 30 bis 50 neue Jugendliche an, die meisten werden zurzeit bundesweit weiterverteilt. Die Stadt kümmert sich auch um rund 1500 junge Flüchtlinge, die volljährig sind, aber noch Betreuungsbedarf haben: „Jugendhilfe hört nicht mit 18 auf“, so Schön. Den Löwenanteil der Kosten trage der Freistaat. 

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