Bahnhofschef Heiko Hamann

Er ist der "Dirigent" an Münchens Flüchtlingsbahnhof

+
Heiko Hamann auf dem Vorplatz des Starnberger Flügelbahnhofs. Hinter ihm die Zelte, in denen die Flüchtlinge von Ärzten untersucht werden. 

München - Heiko Hamann, 61, ist der Chef des Münchner Hauptbahnhofs. Er kümmert sich um die magischen drei S – Sauberkeit, Service, Sicherheit. Und jetzt vor allem um die Flüchtlinge. Ein Bahnhofschef, der plötzlich Krisenmanager wurde.

„Hallooo. Runter da. Sofort.“ Die Frau, die da gerade am Bahnsteig von Gleis 26 entlangradelt, hält verdutzt an. Angepflaumt hat sie Heiko Hamann, der Bahnhofsmanager. Radfahren im Bahnhof ist, na klar, streng untersagt. Aber dass Hamann für die Radfahrerin noch einen Blick hat, verwundert dann doch. Heiko Hamann, 61, hat sich auch in Zeiten des Ausnahmezustands den Blick fürs Detail bewahrt. Ob nun Müll rumliegt, ein Fahrgast einen DB-Mitarbeiter übelst anblafft oder ein Rettungswagen in die Haupthalle fahren muss – der Bahnhofsmanager kümmert sich. Seit zehn Jahren macht er diesen Job. Hamann ist nicht so bekannt wie zwei andere Cheforganisatoren in der Münchner Flüchtlingskrise, Regierungspräsident Christoph Hillenbrand und Münchens OB Dieter Reiter. Aber seine Aufgabe ist kaum weniger wichtig. Und Hamann will, gerade jetzt, Ordnung im Chaos bewahren.

Wobei ihn das Wort Chaos vermutlich ärgern würde. Denn für die Flüchtlinge vom Hauptbahnhof haben Bahn und Polizei ein ausgeklügeltes Hol- und Verteil-System ersonnen. Flüchtlinge, die mit den Zügen eintreffen, werden am Bahnsteig-Ende von der Bahnpolizei empfangen. Die Polizisten eskortieren sie bis zum Starnberger Flügelbahnhof auf der Nordseite. In der Wartehalle werden sie gesammelt, truppweise geht es dann die Treppen des Empfangsgebäudes hinunter auf den Vorplatz. Dort wird jeder Flüchtling in vier Zelten des Münchner Katastrophen-Hilfswerk, kurz MHW, medizinisch untersucht. Danach wartet ein Bus, der sie in eine Erstaufnahme-Einrichtung fährt. Maximal einige Stunden ist ein Flüchtling daher am Bahnhof.

Hamanns Aufgabe ist es, wie er sagt, „Reisebetrieb und Asyl unter einen Hut zu bekommen“. Er ist eine Art Dirigent der Personenströme, die den Bahnhof fluten. 400.000 Reisende am Tag, davon 180.000 im S-Bahn-Tiefgeschoss. 800 Züge täglich, 1000 S-Bahnen. 150 Mitarbeiter hat Hamann, die über 65 Kameras in der so genannten 3S-Zentrale nahe Gleis 11 die Reisendenströme Tag und Nacht beobachten.

Der Starnberger Flügelbahnhof ist der eigentliche Flüchtlingsbahnhof. Er ist die Nahtstelle, die Hamann besonders im Auge hat. Hier hetzen die Pendler aus den Vorortzügen morgens zur Arbeit und abends zurück – und hier treffen die Flüchtlingskolonnen ein. Für Hamann sind das zwei Personenströme, die sich kreuzen. Was mal kleinere, mal größere Probleme mit sich bringt. So liegt der Fahrkartenschalter der Bayerischen Oberlandbahn ausgerechnet im abgesperrten Bereich – immer wenn ein Flüchtlingstross eintrifft, ist er unerreichbar. Schwer tut sich auch der Fahrradverleih nebenan. Der Besitzer des Ladens, so sagt Hamann, „trägt das mit Fassung“. Hamann selbst ist auch mal mit dem Meterstab unterwegs – in Spitzenzeiten blieben nämlich den Fahrgästen am Flügelbahnhof nur noch zwei Meter als Durchgang. Das darf nicht sein. Die Helfer mit der Aufschrift „Refugee aid Munich“ auf ihren Warnwesten kennt Hamann mittlerweile – alles nette Leute, findet er. Sie umsorgen die Flüchtlinge so gut es geht, verteilen Wasser, Kleidung, Essen. Aber der Flucht- und Rettungsweg ist Pflicht. Ordnung muss sein.

Ordnung ist aber auch zeitraubend, Überstunden inbegriffen. Am Sonntag war Hamann wieder bis ein Uhr nachts in seinem Bahnhof. Immer wieder gibt es neue Herausforderungen. Mal muss ein Sichtschutz für die Asylbewerber her, mal stehen Radlständer im Weg. Ein Zelt auf dem Vorplatz muss verlegt werden, der THW-Generator ebenso. Hamann regelt das. Seit gestern beobachtet der Bahnhofsmanager, dass die Zahl der Flüchtlinge wieder zunimmt. Sie treffen nicht nur mit Zügen aus Österreich ein, sondern auch mit dem Donau-Isar-Regionalexpress aus Passau. „Die Flüchtlinge suchen sich ständig neue Routen.“ Auch die Situation in Salzburg, wo 2000 Flüchtlinge zu Fuß Richtung Bayern aufbrachen, war gestern unübersichtlich.

Doch wie viele Asylsuchende in einem Zug sind, ist schwer abzuschätzen. Wo es geht, meldet die Bundespolizei per Funk vorab die Anzahl. Manchmal auch nicht. Oft haben Flüchtlinge Fahrkarten und sind registriert. Dann sind sie für Hamann „ganz normale“ Reisende. Fahrgäste aber, die nachts stranden und dann auf dem Boden im Bahnhof schlafen. Meist auf der Empore in der Haupthalle – 150, manchmal 200 Personen. „In dieser besonderen Situation ist das erlaubt“, findet Hamann.

Und nun das Oktoberfest: Man werde versuchen, Wiesn-Besucher und Flüchtlingsgruppen zu trennen. Ganz werde es nicht gehen, weil ja zum Beispiel die Züge aus Garmisch/Weilheim am Starnberger Flügelbahnhof an- und abfahren. „Und wir haben nicht vor, diese Züge zu verlegen“, sagt Hamann. Die Bahn will improvisieren. Aber, so sagt Hamann: „Mit Abschluss der Wiesn gehen wir in die Knie."

Dirk Walter

auch interessant

Meistgelesen

Grausiger Job: Tatortreiniger erzählt über seine Arbeit
Grausiger Job: Tatortreiniger erzählt über seine Arbeit
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

Kommentare