Prozess in München

Neue grausame Details im Fall des beinahe getöteten Flughafen-Babys

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Soraya verdeckt ihr Gesicht – ihr drohen wegen Totschlags bis zu 15 Jahre Gefängnis.

München - Soraya Y. soll versucht haben, ihr Neugeborenes auf der Flughafen-Toilette zu töten. Nun steht die junge Frau vor Gericht. Dort wurden neue grausige Details zu der Tat bekannt.

Das eigene Baby: am Flughafen zur Welt gebracht. In eine Toilette geworfen. Und zum Sterben zurückgelassen. Wie kann eine Mutter nur so etwas tun?

Wegen dieser ungeheuerlichen Vorwürfe steht Soraya Y. (24) seit Dienstag in Landshut vor Gericht. Sie ist wegen versuchten Totschlags an ihrer Tochter Amelie (inzwischen zehn Monate alt) angeklagt – und verweigert die Aussage. Während die Anklage gegen die Erzieherin verlesen wird, weint sie – überhaupt fließen oft Tränen. Doch meist wirkt die Angeklagte abwesend, dann plötzlich wieder aufgewühlt.

Am 30. Juli 2015 soll die unfassbare Tat geschehen sein: Soraya Y. kam hochschwanger aus Dubai, wo sie den Frühsommer verbracht und eine seltene Katze für eine Tierschutzorganisation nach München überführt hatte.

„Sie schwitzte und zitterte“, sagt Thomas F. (50), der die Erzieherin in Empfang nahm – und später auch angezeigt hatte. Denn mit ihren Eltern soll Soraya Y. kurz darauf zum Parkhaus P20 gegangen sein und Amelie gegen 14.10 Uhr in der Toilettenanlage alleine entbunden haben – etwa eine halbe Stunde lang.

Baby in Toilette gestopft und gespült

Unfassbar: Als die Plazenta dem Neugeborenen folgte, strangulierte die Mutter ihr Baby laut Anklage, indem sie die Nabelschnur mehrfach um den Hals des Mädchen schlang. Danach soll sie Amelie in das Toilettenbecken gestopft und kräftig gespült haben – um sie „zu beseitigen“, wie der Staatsanwalt ihr vorwirft.

Auf dieser Toilette war das Neugeborene entdeckt worden.

„Es gab Anzeichen enger Umschlingung“, so ein Ermittler. Wie durch ein Wunder hat Amelie überlebt: Um 14.51 Uhr fand eine Flughafenangestellte das Neugeborene mit nur noch 26 Grad Körpertemperatur und rief den Notarzt. Der konnte das Baby mit Erfolg reanimieren.

Den Tod ihrer Tochter soll sie billigend in Kauf genommen haben. Nur warum, das bleibt offen. Mit dem Kindsvater, der Amelie offensichtlich nicht wollte, verstand sie sich nicht mehr. „Mein Leben ist vorbei. Schwanger sein ist scheiße“, schrieb Soraya per SMS an ihn und beschwerte sich: „15 Minuten Spaß haben kannst du, aber Vater sein nicht. Nach deiner Tochter brauchst du nicht mehr fragen.“

Ihm schickte Soraya nicht nur falsche Ultraschallbilder. „Es wurde auch eine Geburt und die Atemnot des Kindes behauptet“, so Richter King.

Er hörte am Dienstag eine Zeugin, die sah, wie Sorayas Mutter Elvira (50) im Vorraum an den Waschbecken wartete. Oder Schmiere stand? Auch gegen die Eltern wird nun ermittelt. Zumal Soraya Y. früher bereits zweimal schwanger gewesen sein soll. „Auf mich wirkte sie gefühlskalt“, sagte der Ermittler gestern aus. Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt. Soraya Y. drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Was wussten ihre Eltern?

Auch gegen die Eltern von Soraya Y. wird jetzt ermittelt. Wie Dienstag herauskam, hat die Staatsanwaltschaft kurz vor Prozessbeginn am Donnerstag ihr Haus in Heidenheim (Baden-Württemberg) durchsucht. Der Verdacht: Mahir (53) und Elvira Y. (50) könnten ihre Tochter bei dem angeklagten Tötungsversuch unterstützt haben – und eventuell auch bei weiteren Taten. Denn mehrere Zeugen sollen von Schwangerschaften in den Jahren 2012 und 2014 berichtet haben. Sorayas Verteidiger Adam Ahmed beantragte daraufhin die Aussetzung des aktuellen Prozesses – ohne Erfolg. Beide Eltern verweigerten gestern die Aussage.

Silvia G. (55) fand den Säugling – ihre Aussage vor Gericht

Blut und Berge von Toilettenpapier: „Wer hinterlässt nur so eine öffentliche Toilette?“, dachte Silvia G. (55) empört, als sie am 30. Juli 2015 das Flughafen-WC verließ. „Aber meine innere Stimme sagte, ich muss da nochmal nachsehen.“ Sekunden später macht sie die schreckliche Entdeckung: „Ich sah das blaue Köpfchen des Säuglings. Er war sehr schwach, bewegte sich aber.“ Das Kind lebt!

Zitternd holt sie ihren Ehemann Siegfried. Der ruft einen Bundespolizisten. Nicht weit entfernt steht zum Glück ein Sanka, dort wird das Baby gerettet. Silvia G. überglücklich: „Wir haben sie mittlerweile bei ihrer Pflegemutter besucht. Es geht ihr gut.“

Gemeinsam sagte das Paar gestern vor Gericht aus. „Uns kommen heute noch die Tränen“, sagen sie. „Vor Wut und auch vor Glück.“

Andreas Thieme

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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