Tote 88-Jährige: Warum wurde sie nicht vermisst?

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In dieser Wohnung starb die Frau

München - Mehr als zwei Jahre lang ist eine Frau tot in ihrer Neuhauser Wohnung gelegen. Als sie entdeckt wurde, war die Leiche bereits völlig mumifiziert. Warum hat niemand die 88-Jährige vermisst?

„Der Fall erschreckt mich“, sagt Stephanie Kramer. Sie ist die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Neuhausen-Nymphenburg, in deren Zuständigkeitsbereich auch die verstorbene Seniorin einst lebte. Natürlich begegnen einem immer wieder ähnliche Schicksale, aber „zwei Jahre sind extrem“, sagt Kramer. Für sie ist dies ein Zeichen von totaler Isolation.

Es dürfte Anfang Februar 2010 gewesen sein, als die ehemalige Stationsschwester starb. Woran genau, kann nicht mehr geklärt werden. Die Frau war damals 88 Jahre alt, Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt es laut Obduktionsbericht nicht. Gefunden wurde sie normal bekleidet mitten im Flur ihrer Zweizimmerwohnung.

Wegen eines dringenden Anliegens hatte der Hausmeister nun tagelang versucht, die Seniorin zu erreichen. Schließlich verständigte der Mann am vergangenen Freitag die Feuerwehr, die über eine Drehleiter auf den Balkon der Wohnung im dritten Stock hinaufstieg und ein Fenster öffnete. Drinnen entdeckten sie die Leiche. In der Wohnung lag ein geöffneter Brief vom 4. Februar 2010, mehrere Sendungen aus dem März 2010 fand die Polizei im randvollen Briefkasten. Doch vieles, was danach an die Seniorin geschickt worden war, muss jemand regelmäßig entsorgt haben.

Auf die Frage, warum in den zwei Jahren nicht irgendjemand einmal auf die Idee kam, den Verbleib der Nachbarin zu hinterfragen, sagt Kramer: „Beziehungen wie auch familiäre Kontakte sind in unserer Gesellschaft oft nicht mehr so eng wie früher.“ Sie hat täglich mit vereinsamten Menschen zu tun, fast immer sind es Senioren. „Durch Schulpflicht und Arbeitsleben fällt es in der Regel schnell auf, wenn ein jüngerer Mensch fehlt“, sagt Kramer. „Aber es gibt kein vergleichbares Netz und keinerlei staatliche Meldepflicht für Senioren.“ Wenn dann auch noch vielleicht die besten Freunde schon gestorben sind und das familiäre Netz Löcher hat, rutscht mancher schnell in die Einsamkeit. Altersbedingte Krankheiten tun dann noch ihr übriges.

Die Frau im aktuellen Fall war nie verheiratet, sie hatte nur sehr entfernte Angehörige. Diese wurden inzwischen von der Polizei erreicht, gaben aber an, keinerlei Kontakt zu der Münchner Verwandten gehabt zu haben. Auch einen Vermieter gab es nicht – die Wohnung gehörte der ehemaligen Krankenschwester selbst. Erschwerend kommt hinzu, dass die Seniorin wohl etwas verwirrt war. Inzwischen stellte sich heraus, dass die Frau offenbar große Angst vor Elektrosmog hatte, weshalb sie alle Türen und Fenster sehr gründlich abgeklebt hatte. Darum war den Nachbarn kein Verwesungsgeruch aufgefallen.

Auch wenn dieser Fall extrem ist, für die Münchner Feuerwehr sind solche Einsätze bei rund 1,4 Millionen Einwohnern beinahe Alltag. Oft kommen sie dabei sogar noch rechtzeitig. Nicht selten finden die Rettungskräfte in den Wohnungen auch hilflose Kranke, Verwirrte oder Verletzte und bringen sie ins Krankenhaus. Die eigentlichen Lebensretter sind in solchen Fällen die Nachbarn, Verwandte, Freunde oder auch Postboten, die eben hingeschaut, sich gekümmert und die Feuerwehr gerufen haben.

Einen Beitrag, um solch tragische Fälle wie an der Nymphenburger Straße zu verhindern, kann jeder relativ leicht leisten, sagt Kramer. „Alleine, sich beim Einzug in ein Haus vorzustellen, schafft eine gute Basis.“ Dies muss nicht unbedingt eine Freundschaft zum Ziel haben, schafft aber zumindest eine gewisse Verbundenheit. „Man merkt nur, dass jemand fehlt, wenn vorher irgendeine Art von Beziehung da war.“ Kramer rät Senioren sogar, ruhig konkret Hilfe einzufordern. „Viele Nachbarn sind bereit zu helfen, wenn sie angesprochen werden“, beobachtet die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes.

Sven Rieber

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