Die tz sagt Danke

Freiwillige Feuerwehr: Die stillen Helden der Stadt

Das Familienteam Manuela und Günter Dorfer – Tochter und Vater sind sehr stolz aufeinander

München - Wenn Bürger in Not sie brauchen, sind sie zur Stelle. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, 365 Tage im Jahr. Auch die tz möchte den Feuerwehrleuten Danke sagen und zeigt die Menschen hinterm Ehrenamt.

Feuerwehrleute absolvieren Hunderte Ausbildungsstunden, retten und löschen in Hochhäusern genauso wie im U-Bahn-Tiefgeschoss. Sie zersägen Sturmbäume, pumpen überschwemmte Keller aus und evakuieren notfalls ganze Stadtteile. Oft kommen dabei Freunde, Familie und persönliche Interessen zu kurz. Denn all das passiert in ihrer Freizeit, und sie bekommen keinen Cent dafür. Höchste Zeit, ihnen Dank und Respekt zu zollen. Allen 1003 ehrenamtlich arbeitenden Freiwilligen Feuerwehrfrauen und -männern, die an diesem Wochenende auf der Theresienwiese mit allen Bürgern ein Riesenfest zum 150. Jubiläum (www.firetage.de) feiern. 

Familienteam im Einsatz

Wenn bei der Freiwilligen Feuerwehr in Obermenzing der Alarm losgeht, kann es gut sein, dass Günter Dorfer (54) selbigen höchstpersönlich ausgelöst hat. Er ist nämlich Feuerwehrmann in Doppelfunktion: Hauptberuflich als Disponent und Gruppenführer bei der Berufsfeuerwehr in der Integrierten Leitstelle. Und auch noch Hauptlöschmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr in Obermenzing. Als 16-Jähriger sprach er mit Herzklopfen beim Kommandanten vor. Der musterte ihn von oben bis unten und sagte dann: „I glaub’, des bassd!“ So war es, und so ist es – seit nunmehr 38 Jahren. Doch das ist noch nicht alles: Seine jüngste Tochter Manuela (23) hatte vor sieben Jahren keine Lust mehr auf Trachtenverein und Tanzen – und trat der Jugendfeuerwehr bei! Und Günter Dorfer strahlt: „Es freut mich so, dass die Jüngste meiner drei Madln sich für die Feuerwehr begeistern konnte.“ Der ist die Manuela bis heute treu geblieben – auch wenn ihr Studium der Sozialen Arbeit und ihr Beruf (Manuela arbeitet in einer Heilpädagogischen Tagesstätte) ihren zeitlichen Tribut fordern. Doch wenn Sturmschäden zu beseitigen oder Anwohner nach Bombenfunden evakuiert werden müssen – dann ist Familie Dorfer immer mit dabei

Ibrahims neues Leben

Ibrahim Fawzi.

Verständigungsprobleme im Einsatz wären gefährlich. Darum müssen Feuerwehrleute zwingend Deutsch sprechen und Fachausdrücke sicher beherrschen. Menschen aus 16 Nationen machen zurzeit bei der Freiwilligen Feuerwehr München mit. Einer von ihnen ist Ibrahim Fawzi (17, Foto unten). Er stammt aus Ägypten, ist Asylbewerber und ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Dafür hat Ibrahim hart gearbeitet. „In Ägypten habe ich nur sechs Jahre die Schule besuchen können.“ Im Jahr 2015 kam er nach München. Über seinen Betreuer erfuhr er von der Feuerwehr in Obermenzing: „Ich war erst mal nur neugierig.“ Bald gefiel es Ibrahim dort so gut, dass er die Kameradschaft nie mehr missen möchte. Also setzte er sich hin und lernte – solange, bis er selbst Zungenbrecher wie „Umluftunabhängiges Atemschutzgerät“ oder „Automatischer Externer Defibrillator“ sicher beherrschte. Inwischen hat er die Grundausbildung geschafft und die ersten Einsätze gefahren – zunächst noch als Beobachter im Hintergrund. Ibrahims Ziel ist jetzt die Aufbau-Ausbildung zum „Truppmann 2“ – dem vollwertigen Feuerwehrmann. Die Chancen stehen gut. Abteilungsführer Stefan Bierling: „Wir freuen uns, dass Ibrahim bei uns ist.“

Biggi - die Frau für alle Fälle

Biggi Lindner bei der Feuerwehr in Moosach und in ihrem Football-Outfit mit der Rückennummer 30.

Alle Mann festhalten! Hier kommt eine Powerfrau: Biggi Lindner (46) ist gelernte Möbelschreinerin, war Hochleistungssportlerin im American-Football-Team der Nürnberg Hurricanes und pfeift jetzt die Spiele als Referee (Schiri). Sie absolvierte die Meisterschule und arbeitet heute als Rohrmeisterin in der Einsatzzentrale der Stadtwerke. Wo immer in München ein Rohr bricht oder eine Leitung undicht ist, schickt Biggi ihr Technikerteam zur Hilfe. Manchmal rücktsie selbst als Ansprechpartnerin vor Ort aus. Man könnte meinen, das reicht für ein erfülltes Leben. Aber nicht der Biggi: Sie wollte sich sinnvoll engagieren und stieß vor vier Jahren auf die Freiwillige Feuerwehr Moosach: „Ich habe den Abteilungsleiter gefragt, ob Frauen mit 43 Jahren noch mitmachen dürfen.“ Sie durfte! Und wie. Lkw-Schein und Blaulicht-Lizenz hatte sie schon. Mittlerweile ist sie Maschinistin, Atemschutzgeräteträgerin und Truppführerin. Und ist glücklich dabei: „Man wird gebraucht. Die Stärken und Schwächen gleichen sich im Team aus. Dieses Miteinander gefällt mir so gut.“ Und natürlich hat sie schon wieder ein neues Ziel: Sie macht gerade eine Ausbildung zur Trainerin für Rettungsschwimmer.

Hier wacht Mr. Website

Mister Website Horst Reinelt.

Im Postkasten fand Horst Reinelt (47) im Jahr 2006 einen Flyer der Freiwilligen Feuerwehr, die Nachwuchs suchte. Damals war er 37 Jahre alt – „ein Spätberufener“, wie er sich selbst nennt. Spaßeshalber schrieb er eine Mail. Ein paar Wochen später machte der gelernte Maschinenbautechniker und Technische Redakteur – er schreibt Betriebsanleitungen für Telefon- und IT-Technik – schonden Grundlehrgang. Heute ist er Löschmeister und Gruppenführer in der Abteilung Sendling und rückt meist zwei- bis dreimal wöchentlich aus zu Zimmer- oder Kellerbränden und zuweilen auch zu Großeinsätzen wie dem verheerenden Dachstuhlbrand in der Westermühlstraße kurz nach Weihnachten.

Sein Beruf hat Horst Reinelt einen Nebenjob und einen Spitznamen eingebracht. „Mister Website“ macht nebenher für seine Abteilung Sendling die Öffentlichkeitsarbeit und betreut die FF-Website und diverse Internet-Plattformen. Warum er sich das alles antut? „Feuerwehrarbeit macht Freude, es ist wie ein Virus. Ich werde unruhig, wenn ich mal ein paar Tage aussetzen muss.“ Bei der Feuerwehr hat er auch Freunde gefunden: „Wir sind normale Menschen aus verschiedensten Berufen. Das ist eine tolle Gemeinschaft.“

Der fliegende Martin

Dr. Martin Schmid ist Flughelfer.

Rotorengeräusche machen den Münchner Ingenieur Dr. Martin Schmid (31) glücklich. Er gehört zur Truppe der Flughelfer bei der Freiwilligen Feuerwehr München. Die werden nicht allzu oft gebraucht – aber wenn, dann ist es ernst. Wie zum Beispiel beim verheerenden Hochwasser im Juni 2013. Auch bei Waldbränden und großen Unglücken werden Flughelfer gebraucht – „immer dann, wenn es darum geht, Einsatzkräfte und Material auf dem kürzesten Weg an schwer zugängliche oder entfernte Orte zu transportieren, Piloten einzuweisen oder eine Vielzahl von Hubschraubern zu koordinieren.“ Erhöhte Alarmbereitschaft gilt für Flughelfer auch bei Großveranstaltungen. Die Grund- und Führungslehrgänge absolvierte Schmid auf der Feuerwehrschule Würzburg. Die Praxis vertiefen Flughelfer bei zehn bis 15 Übungen pro Jahr. Im Alter von zehn Jahren hatte den Schüler Martin das Feuerwehr-Virus erfasst und nie mehr losgelassen. Auch nicht, als er im November 2009 zur Promotion nach München kam. Die Familie kommt oft etwas kurz. Doch Papa macht es wieder gut. Söhnchen Benjamin (7 Monate) hat einen eigenen Flughelferstrampler und liebt es, im Tiefflug durch die Wohnung zu düsen.

Er ist seit 31 Jahren dabei

Einsatzklar: Christoph Keil.

Der Freund seiner Schwester überredete den damals 17-jährigen Christoph Keil im Jahr 1985, doch mal mitzukommen zur Freiwilligen Feuerwehr in Freimann. Das ist jetzt über 30 Jahre her. Seitdem ist der Kfz-Mechaniker und Diplom-Betriebswirt „seiner“ Feuerwehr immer treu geblieben. „Es waren die Jahre des Aufbruchs, in denen aus unserer Unterstützungsfeuerwehr allmählich eine Feuerwehr auf Augenhöhe mit der Berufsfeuerwehr wurde. Eine total spannende Zeit bis heute“, erinnert sich Keil mit Vergnügen. Seit 25 Jahren arbeitet der Betriebswirt für den Automobilkonzern Peugeot. Seine Freizeit jedoch gehört noch immer der Feuerwehr. Denn Christoph Keil ist als Stadtbrandmeister und Bereichsführer Nord für die Ausbildung, die Einsätze und die Menschenführung in den vier Feuerwehrabteilungen Harthof, Freimann, Oberföhring und Feldmoching verantwortlich: „Die jungen Leute sind kritischer und hinterfragen vieles. Das ist auch gut so.“

Ungefähr 250mal im Jahr geht sein Alarmpiepser los. Nicht jedes Mal, aber doch öfter rückt er mit aus – „überall dort, wo Not am Mann ist. Ich finde es wichtig, aktiv im Einsatzdienst zu bleiben.“ Und wenn Christoph Keil mal Abstand braucht, verschwindet er in die Berge – garantiert ohne Alarm-Piepser.

Organisator in blauer Uniform

Gerhard Poppe arbeitete beruflich als Personalleiter. Bei der Feuerwehr ist er für die Ausrüstung zuständig.

Gerhard Poppe (52) ist eine Art Organisator in Uniform. Er ist nämlich für die gesamte technische Ausstattung der 22 Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehr München zuständig. Alles was die Beschaffung für die Gerätehäuser, Fahrzeuge, Funk oder sonstige Ausrüstung betrifft, fällt in seine Zuständigkeit. Damit besetzt er eine wichtige Schnittstelle zur Technikabteilung der Berufsfeuerwehr und städtischen Referaten. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihn jede Woche leicht zehn Stunden beschäftigt.

Gerhard Poppe ist der Personalleiter beim Büromöbel-Handelsunternehmen Müller. Der Freiwilligen Feuerwehr ist er schon seit 33 Jahren treu. Im Alter von 19 Jahren nahm ihn ein Nachbar zur Abteilung Moosach mit. Dort gefiel es ihm so gut, dass er gleich seinen Wehrersatzdienst dort ableistete. Vor fünf Jahren wechselte er ins Kommando der Freiwilligen Feuerwehr und wird bei Großereignissen oder Katastrophen als Fachberater im Stab der Gefahrenabwehrleitung der Landeshauptstadt München eingesetzt, wie z. B. bei der Schwabinger Bombe, beim Strom-Blackout, auf der Wiesn oder bei der Unterbringung der vielen Flüchtlinge im letzten Jahr.

Eva (32) rettet Menschenleben

Eva Schlecht arbeitet auf der Intensivstation.

Als Kind hatte man Eva Schlecht (32) erzählt, dass Frauen nicht zur Feuerwehr dürfen. Bis im Jahr 2001 daheim im Hollenbach (Baden-Württemberg) der Nachbar sie regelrecht rekrutierte: „Der war Abteilungskommandant bei unserer Dorffeuerwehr. Wir fuhren damals in einem uralten Ford Transit, der im Stand ausging, wenn man nicht die Handlampe ins Gaspedal klemmte. Da lernt man das Improvisieren.“ Seitdem ist Eva Feuer und Flamme – seit 2006 auch in der Abteilung Stadtmitte der Freiwilligen Feuerwehr München. Ihre Expertise ist dort hilfreich. Denn Eva Schlecht arbeitet als Schwester auf einer Intensivstation des Klinikums rechts der Isar. Als „Frau vom Fach“ gibt sie ihr Wissen rund um die Notfallmedizin innerhalb der Feuerwehr als Ausbilderin auch neben den regulären Übungen weiter. Ihre Schichtarbeit kommt auch der Feuerwehr zugute: „Während der Arbeitszeit darf ich natürlich nicht zu Alarmen ausrücken. Dafür habe ich oft tagsüber frei und damit Zeit für die Feuerwehr.“ Wie zum Beispiel kürzlich bei der Entschärfung der Fliegerbombe am Ackermannbogen, bei der viele evakuierte Anwohner in dieser Ausnahmesituation dankbar für die Unterstützung von Eva und ihren Kollegen waren.

Hier übt die junge Generation

Felix (14) und Julia (16) engagieren sich voller Begeisterung bei der Jugendfeuerwehr.

Nach dem Umzug von Schwabing nach Waldperlach war Julia (16) ein bisschen traurig. Alles neu und die Freunde so weit weg. Sie fand schwer Anschluss. Alles änderte sich, als der neue Nachbar sie mal mitnahm zur Freiwilligen Feuerwehr Waldperlach. Das war im Januar 2015. Seitdem ist Julia dort bei der Jugendfeuerwehr in ihrem Element: „Mir gefällt die Kameradschaft so gut. Und dass man mit jedem über alles reden kann. Ich habe den Grundlehrgang schon abgeschlossen. Wir üben viel, aber wir kochen und spielen auch zusammen.“ Ihren ersten Einsatz hat Julia auch schon gefahren: „Ein Balkonbrand in Neuperlach!“ Natürlich nicht im Gefahrenbereich: „Aber ich darf schon Schläuche verlegen und die Wasserzufuhr regeln.“ Auf echte Einsätze muss Felix (14) noch warten, bis er 16 Jahre alt ist. Seine beiden Cousins haben ihn angesteckt mit der Feuerwehr-Passion: „Mir gefällt es so gut, dass man anderen helfen kann. Und natürlich die Technik. Das ist spannend.“ Julia und Felix wissen schon, dass ihre berufliche Zukunft im Sozialwesen liegen wird. Julia hat schon einen Plan: „Ich studiere Medizin. Dann werde ich Notärztin!“ Bei der Feuerwehr. Ist ja wohl klar.

Er ist Kommandant

Rupert Saller als Feuerwehranwärter mit 18.

Er konnte gerade laufen – da stand der Traumberuf schon fest: Feuerwehrmann! Doch erst Jahre später in der Berufsausbildung bei der Bayerischen Versicherungskammer saß der damals 18-jährige Rupert Saller 1978 mit einem Freiwilligen Feuerwehrmann in einem Zimmer und beschloss: Das ist ein Zeichen. Ich mache mit! Sein Leben bestimmt seitdem weitgehend der Alarmpiepser. Seit nunmehr 14 Jahren trägt der Münchner Stadtbrandrat Rupert Saller (55) als Kommandant der drittgrößten Freiwilligen Feuerwehr Deutschlands (nach Berlin und Hamburg) die Verantwortung für derzeit 1003 Aktive. Als der Allacher Versicherungsmakler das Amt übernahm, waren es 680 gewesen. „Es ist eine riesige Herausforderung, eine Organisation dieser Größenordnung in die Zukunft und alle Aktiven sicher durch die Einsätze zu führen. Dazu brauchen wir die bestmögliche Ausbildung, das beste Material.“ Denn ungefährlich ist die Sache nicht: „Nach uns kommt niemand mehr. Wenn wir es nicht in den Griff kriegen, wer dann?“ Im richtigen Leben selbstständiger Versicherungsmakler, sieht Saller sich für seine Freiwillige Feuerwehr vor allem als Stratege: „Die Kameradinnen und Kameraden spenden uns ihr Engagement und ihre Zeit. Sie haben einen Anspruch darauf, dass diese Zeit sinnvoll eingesetzt wird.“

Dorita Plange

Dorita Plange

E-Mail:Dorita.Plange@tz.de

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