So anstrengend wie ein Job-Casting

Münchner Mutter erzählt: "Die Kita-Suche macht mich fertig"

München - "Ich habe etwas Verrücktes gemacht. Mein Sohn war noch in meinem Bauch, als ich ihn für einen Krippenplatz in München angemeldet habe." Eine Mutter berichtet von ihrer Odyssee auf der Suche nach einem Kita-Platz.

Ich wusste damals nicht einmal, wie ich meinen Sohn nennen werde, ob er gesund sein wird, wie es sich anfühlen wird, ihn im Arm zu halten. Ich füllte ein Krippenplatz-Formular für mein Baby aus, das noch gar nicht auf der Welt war.

Es war absurd. Ich machte es trotzdem. Weil ich nach einem Jahr wieder in meinen Job einsteigen wollte. Paare, die schon Kinder haben, rieten meinem Freund und mir: Ihr müsst schon vor der Geburt anfangen, einen Kita-Platz zu suchen. Das hier ist München. Und auch wenn ich mich innerlich dagegen sträubte, hörte ich auf den Rat und schickte im Januar 2014 die erste Bewerbung ab. Ich wollte unseren Sohn ab Mai 2015 in die Kita bringen.

Du bist echt früh dran, dachte ich und fühlte mich ein bisschen erleichtert. Ich recherchierte Adressen, zunächst die von Kitas in unserer Nähe. Ich klickte mich angestrengt durch Webseiten und ahnte, wie hart diese Krippensuche in München werden würde. Ehrlich gesagt: Sie macht mich fertig.

Denn die Anmeldungen bei städtischen Kitas laufen anders ab, als bei privaten Kitas. Und diese Bewerbungsverfahren unterscheiden sich wieder von denen der Eltern-Initiativen (deren Modelle aber nicht zu uns passen). Und zwischendurch sollte man sich bei den Kitas melden, noch mal in Erinnerung rufen. Das ist so ein Tipp. Es gibt so viel zu beachten. Und jede Kita hat ihre eigenen Besichtigungstage und -Zeiten, es ist fast unmöglich, dass mein Freund mich begleitet.

Die Stadt München hat Ende vergangenen Jahres für ihre Einrichtungen den „Kita-Finder“ online gestellt. Damit sollen wir Eltern einfacher einen Platz suchen und vormerken. Eine Erzieherin sagte mir eher zufällig, dass vier von meinen sieben Bewerbungen aus dem vergangenen Jahr dadurch ungültig geworden seien. Ich meldete mich online also neu an – ohne meinen Zeitvorsprung.

Wir Mamas und Papas strengen uns an, im Bewerber-Pulk aufzufallen

Die Krippensuche in München erinnert mich an ein Massen-Casting, wie es Studenten um ein mickriges, teures, aber begehrtes WG-Zimmer in unserer Stadt veranstalten. Krippensuche ist fast schlimmer als Jobsuche. Alle Bewerber strengen sich wahnsinnig an, in dem Menschenauflauf aufzufallen. Ich strenge mich auch an.

Ich stelle der Erzieherin zum Beispiel eine intelligente Frage, die ich mir vorher überlegt habe. Ich bin froh, wenn mein Sohn bei diesem Kita-Besichtigungstermin gut drauf ist und nicht ein bisschen anstrengend wirkt – in der Hoffnung, dass das irgendwie hilfreich ist. Und ich ertappe mich dabei, dass ich auch dann euphorisch klinge, wenn mir die Kita, in der ich gerade stehe, nicht gefällt – etwa diese private Kindertagestätte, die nicht einmal einen kleinen Garten besitzt. Dreimal in der Woche gehen die Erzieherinnen mit den Kleinen auf einen Spielplatz, der zehn Minuten entfernt liegt. Ich weiß: Sollten wir eine Zusage von dort bekommen, mag ich meinen Sohn eigentlich trotzdem nicht hinschicken. Aber haben wir eine Wahl? Was, wenn wir am Ende ohne Platz dastehen?

Vielleicht stehen 200 Namen auf der Warteliste über unserem Namen, vielleicht 20

Denn einen Krippenplatz in München zu finden, bedeutet: Ich melde mich bei elf Kitas oder mehr an und hoffe, dass ich für eine die Zusage bekomme. Und dann drücke ich mir natürlich die Daumen, dass es die Kita ist, die mir am besten gefallen hat. Auf welchen Plätzen in der Warteliste wir gerade bei den einzelnen Einrichtungen stehen, weiß ich nicht. Das ist intransparent. Vielleicht stehen 200 Namen über unserem, vielleicht nur zwei.

Doch jetzt endlich haben wir tatsächlich eine Zusage. Für unsere Wunsch-Kita, eine private Einrichtung. Ab Mai. Aber ich sage ab. Denn es fühlt sich falsch an. Vor einem Jahr noch war ich mir bei diesem Plan ganz sicher. Jetzt spüre ich, dass es zu früh ist – für meinen Sohn und für mich. Ich möchte erst im Herbst wieder arbeiten gehen und ihn in die Kita-Gruppe bringen. Eine haarige Entscheidung.

Mein Freund und ich schreiben der Erzieherin deshalb eine sehr ausführliche und liebe Nachricht. Wir hoffen, für September ein neues Angebot zu bekommen. Dann gibt es sowieso mehr Kita-Plätze in München als im Mai. Wir sind sogar bereit, den Krippenplatz schon jetzt zu bezahlen. Doch die Kita lehnt ab und wir merken, dass wir uns bei dem Gedanken, den Platz ungenutzt zu reservieren, nicht wirklich wohlgefühlt hätten. Die Freihalte-Taktik funktioniert nicht in einer Stadt, in der Eltern verzweifelt eine Kinderbetreuung suchen.

Doch wer in München ein Kind bekommt, weiß, was auf ihn zukommt. Wir Münchner Eltern müssen wirklich einiges machen, um einen Krippenplatz zu bekommen.

Mutter eines elf Monate alten Jungen in München-Schwabing

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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