Gastbeitrag einer Hundetrainerin 

An die ignoranten Münchner, die ihre Hunde frei laufen lassen

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Nathalie Örlecke.

München - Hundetrainerin Nathalie Örlecke hat den rücksichtslosen Münchnern, die ihre Hunde im Park frei laufen lassen, etwas Wichtiges zu sagen. Hunde, die nicht hören, gehören an die Leine. 

Im Winter sieht man kaum Hunde im Englischen Garten. Werden die alle eingesperrt? Während ich mir diese Frage auf meiner weiß-blauen Picknick-Decke sitzend stelle, donnert ein nasses, schwarzes Ungeheuer darüber. Ein Labrador. Die Decke hat nun die Farbe Weiß-Blau-Matschpfoten. Huuuiiii – und noch mal donnert er drüber. Diesmal fliegt ihm mein Schuh hinterher. Das Frauchen, das vorher nicht zu sehen war, schreit erzürnt, warum ich ihrem Hund meinen Schuh nachwerfe. Ein bisschen wundert mich ihre Frage, aber ich antworte ihr trotzdem: „Der will doch sicher nur spielen. Kann er haben.“ Der Stinkehund findet das lustig und versucht jetzt, an die Wurstsemmel in meiner Tasche zu kommen. Ich gieße ihm einen Schluck Prosecco auf sein Fell. Sorry Hund, aber das geht nicht, zieh' Leine. Das beeindruckt ihn. 

Frauchen und Stinketier ziehen ab und ich wundere mich über so viel Selbstverständlichkeit. Anscheinend dürfen Labradore über alles und jeden drüberdonnern. 

Nathalie Örlecke.

Ich bin selbst Halterin von zwei großen Hunden, die ich gerne mal an der Leine führe. Einfach so. Gibt keinen Grund. Manchmal mag ich einfach meine Ruhe haben mit meinen Hunden. Aber das sieht die Welt da draußen wohl anders. Zumindest sehr viele ignorante Hundebesitzer. Die wenigsten rufen ihre freilaufenden Hunde ran. Egal ist es dann nicht mehr, wenn ich meinen Rhodesian freilasse und er zum Beispiel den fetten Mops fortjagt. In meinem Kopf feuere ich meinen Hund an, aber mein Mund ruft meinen Hund natürlich zurück. Ich rufe der Mopsbesitzerin noch hinterher, dass es doch einen Grund gibt, warum andere Hunde an der Leine sind und man seinen eigenen Hund erziehen sollte. Ihr Tag ist dahin, sie wird später eine Hundeschule anrufen und sagen, dass ihr Hund erzogen werden müsse. Ich verspüre ein bisschen Genugtuung. 

Tag zwei im Englischen Garten. Mal sehen, wie erzogen Münchens Hunde heute sind. Der Himmel ist wolkenbedeckt, perfekt, um Gassi zu gehen. Meine Decke, eine Flasche Wasser und ich lassen uns im Nördlichen Teil des Englischen Gartens nieder. Ich schließe die Augen und werde abrupt wach, als etwas Nasses mein Bein berührt. Ich springe auf und rufe: „Aaahhhhh, wer hat seinen Handfeger hier wieder nicht unter Kontrolle?“ Die Besitzerin des Pekinesen murmelt etwas ironisch, dass das ja jetzt sehr schlimm gewesen sei, dass ihr Hund an mir geschnuppert hat. 

Ja, denke ich, das ist schlimm. Du kennst mich nicht. Vielleicht habe ich Angst vor Hunden und ich weiß nicht, ob dein Hund im letzten Busch einen Kackhaufen gefressen hat. 

Die Frau glaubt also, Hunde dürften alles, vor allem jeden ankläffen und beschnuppern, weil man sie aufgrund ihrer Größe eh nicht ernst nehmen könne. Der Hund hat sein nächstes Opfer im Visier, rennt weg. Gut. Denn jetzt steuert etwas Undefinierbares auf mich zu. Sieht aus wie ein Mix aus fünf Hunderassen, ist sicher wieder so etwas Gerettetes aus dem letzten Griechenlandurlaub. Er bleibt ein paar Meter vor mir stehen und bellt mich fies an. Das macht mir erst mal nichts aus, doch dann finde ich es etwas bedenklich, dass er mit jedem Bellen etwas mehr in meine Richtung springt. 

Das verzweifelte Frauchen schreit aus einer mir viel zu weiten Entfernung: „Buuuubiiii, Buuuubiiiii, komm her, Buuuubiiii, hiiiiier.“ Ich rufe der Frau zu, ob sie vielleicht mal etwas schneller gehen könne, ihr Buuubiiii wolle mich nämlich gleich essen, anpinkeln oder beides – ich rufe, dass ich mich gerade nicht mehr sehr wohlfühle. Die Frau denkt aber nicht daran. Als Bubi mir mit einem Beller ins Gesicht spuckt, schütte ich ihm meine halbe Flasche Wasser über den Kopf. Bubi flüchtet, dafür steht jetzt Bubis Besitzerin vor meiner Decke. Tadelnd. Warum ich den Hund überhaupt so angestarrt hätte, fragt sie. Das hätte ihm Angst gemacht, nur deshalb sei er überhaupt herübergelaufen. 

Aha, ich bin also schuld. Ich merke, dass es keinen Sinn macht, ihr zu erklären, dass sie ihren Hund an die Leine nehmen sollte, wenn er sich nicht unter Kontrolle hat. 

Als ein Hund ein paar Meter neben mir in die Wiese kackt und es keiner wegmacht, stehe ich auf und gehe. 

Hundehalter sind echt unmöglich. 

Ob ich meinen Hund laufen lasse oder nicht, bestimme natürlich ich, und nicht irgendwer, der Hundestammtischparolen durch den Park brüllt. Ich kenne alle doofen Sätze, die man so hört: Darf der arme Hund nicht spielen? Oh, du hast aber ein böses Frauchen? Warum ist der an der Leine, meiner ist ganz brav. Die Hunde regeln das unter sich, vielleicht sollten Sie Ihren Hund mal erziehen. 

Bla bla bla. 

Trotzdem. Etwas mehr Rücksicht wäre toll. Von den Hundehaltern. Unter den Hundehaltern. Ein unerzogener Hund, der nicht zuverlässig abrufbar ist, gehört an die Leine. Und in die Hundeschule, samt Herrchen und Frauchen. 

Dann wäre alles etwas friedlicher, weniger Giftköder würden rumliegen und „taube“ Hunde wären generell nicht ständig so ein Thema. 

Es würden sich auch diejenigen bedanken, die ihre Hunde gut im Griff haben, und nicht mehr unter den Menschen leiden müssen, die ignorant mit ihren Hunden durch die Welt gehen.

Diesen Gastbeitrag schrieb die professionelle Hundetrainerin und zertifizierte Tierpsychologin Nathalie Örlecke. Ihr Blog heißt 089dogs.

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