Anti-Pegida-Demonstration

Hier schlägt ein Polizist eine 18-Jährige 

+
Der Moment des Faustschlags: Das Bild zeigt das Mädchen und den Polizeibeamten am Montag. 

München - Zwischenfall am Rande einer Anti-Pegida-Demonstration: Am Montag hat ein Polizist eine 18-Jährige geschlagen und offenbar verletzt. Das LKA hat interne Ermittlungen zu dem Fall eingeleitet. 

Montagabend, Brienner Straße: Ein paar dutzend junge Leute setzen sich auf die Straße, wollen den herannahenden Pegida-Marsch stoppen. Doch die Polizei löst einen Teil der Blockade auf, zerrt die Demonstranten weg. Mit dabei: die 18-jährige Louisa (Name geändert). „Ich wurde von zwei Beamten rausgezogen“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich habe mich nicht gewehrt.“ Dann sei sie am Gehsteig gestanden. „Ich dachte, hier ist Endstation und habe mich umgeschaut.“ Doch ein Polizist habe sie „aus dem Nichts ins Gebüsch geschubst“. Was direkt danach passiert, kann Louisa auch zwei Tage danach noch nicht verstehen. „Plötzlich hatte ich einen Faustschlag im Gesicht.“

Ein Video von dem Vorfall, das unserer Redaktion vorliegt, unterstützt die Schilderung der 18-Jährigen. Zu sehen ist, wie sie von einem Polizisten in die Hecke geschubst wird, wie sie einen Schlag ins Gesicht bekommt – und kurz darauf noch einen zweiten. Eine Aggression Louisas ist nicht erkennbar. „Ich habe das Blut spritzen sehen, geschrien, es tat furchtbar weh“, sagt sie.

Auf den Videos ist zu sehen, wie sie anschließend gemeinsam mit anderen Demonstranten auf dem Gehweg sitzt, bewacht von Polizisten. Die Beamten wollen offenbar noch von allen die Personalien aufnehmen – auch von der verletzten Louisa. Hilfe wird ihr untersagt. „Den Polizisten wurde immer wieder gesagt, sie sollen einen Sanka holen“, sagt sie. Doch lange geschieht nichts.

Diese Schilderung bestätigt CSU-Stadtrat Marian Offman, der am Montag die Pegida-Demonstration beobachtete. „Ich habe das Mädchen gefragt, wie es ihr geht“, erzählt er. „Sie hat gesagt, dass ihr alles weh tut.“ Daraufhin habe er den Einsatzleiter gebeten, medizinische Hilfe zu holen. „Er hat gesagt, er könne nichts dafür“, sagt Offman, der die Schläge selbst nicht gesehen hat. „Ich habe gesagt: Das ist egal. Es muss ein Arzt oder Sanitäter geholt werden.“ Nach Louisas Darstellung und auch der von Offman dauerte es aber etwa eine halbe Stunde, bis ein Krankenwagen eintraf. Laut Polizei holte der Einsatzleiter den Rettungswagen, nachdem Louisa ihn darum gebeten hatte.

Am Mittwoch berichtete die Demonstrantin, sie habe durch die Schläge eine Schädelprellung und eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Außerdem gebe es den Verdacht auf einen Nasenbeinbruch.

Die Polizei erklärt auf Nachfrage, das Landeskriminalamt (LKA) habe Ermittlungen in der Sache aufgenommen – so wie es immer der Fall ist, wenn der Verdacht im Raum steht, dass ein Polizist sich nicht korrekt verhalten haben könnte. Wegen der laufenden Ermittlungen will sich die Polizei zu dem Faustschlag nicht äußern.

Für Grünen-Stadtrat Dominik Krause, der ebenfalls vor Ort war, sind die Schläge gegen die 18-Jährige nur die Spitze des Eisbergs. „Ich habe das Gefühl, dass eine harte Linie gefahren werden sollte“, sagt er. „Der Schlag wirft ein Licht darauf, welche Folgen es dann haben kann, wenn einzelne Polizisten sich falsch verhalten.“ Die Räumung der Blockade sei ungewöhnlich schnell verlaufen – und möglicherweise rechtswidrig. „Man hat die Leute schon weggeräumt, während die Aufforderung noch durchgesagt wurde, doch die Straße zu verlassen.“ Für Juristen ist die Lage klar: Die Polizei muss zunächst erklären, dass eine Straße zu verlassen ist – und darf erst dann Zwangsmittel einsetzen. Krause kritisiert auch, dass alle Personalien aufgenommen wurden – obwohl die Blockade verhältnismäßig klein und friedlich gewesen sei.

Die Polizei selbst betont, es habe keine Änderung der Taktik stattgefunden. Am Montag habe es fünf Festnahmen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte gegeben, außedem zwei Festnahmen wegen Beleidigung, drei Festnahmen wegen Vermummung und 59 Identitätsfestsellungen – laut Krause wurden die Daten aller Demonstranten aufgenommen, die bei der Blockade dabei gewesen waren.

CSU-Stadtrat Offman will die Polizei übrigens nicht grundsätzlich kritisieren. Insgesamt sei der Einsatz am Montag „angemessen“ gewesen, betont er. Offmans wichtigstes Anliegen bleibt ein anderes: die Beobachtung der eigentlichen Pegida-Demonstrationen. Am Montag zog Pegida das erste Mal seit Monaten durch die Stadt. Und Offman ist immer noch schockiert von dem, was er da gehört hat. „Das war wirklich giftig“, sagt er. „Ein Redner hat sich gegenüber den Gegendemonstranten sogar zu der Aussage verstiegen: ,Wenn wir an der Macht sind, werdet ihr selbst Flüchtlinge sein‘.“ Offman nennt das „Nazi-Jargon“. Und er will wiederkommen.

So wie Louisa übrigens. Die 18-Jährige antwortet auf die Frage, ob sie den Protesten nach der Erfahrung fernbleiben will: „Auf keinen Fall!“

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion