Schwere Vorwürfe

GWG: Mauschelei bei der Wohnungsvergabe?

München - Die Städtische Wohnungsgesellschaft GWG soll Wohnungen bevorzugt an Mitarbeiter und deren Bekannte vergeben haben.

In großen, familiengerechten Wohnungen leben kinderlose Paare, in einer besonders großen residiert der Geschäftsführer: In einem internen Bericht übt das städtische Revisionsamt Kritik an den Vergabepraktiken der städtischen Wohnungsgesellschaft GWG. Der Stadtrat ist alarmiert.

Die Rechnungsprüfer vermissen Transparenz. FDP-Stadtrat Michael Mattar, Vorsitzender der Fraktion für Freiheitsrechte, Transparenz und Bürgerbeteiligung, vermisst Stil. Er stößt sich besonders an acht Wohnungen der großen GWG-Anlage an der Lilienstraße in der Au, die im Bericht aufgeführt sind. Die 100 bis 150 Quadratmeter großen Einheiten sind laut Plan für vier- bis fünfköpfige Haushalte gedacht. Doch in Wahrheit wohnten dort „maximal drei Personen, in der Regel nur zwei“, grollt Mattar. Das sei zwar, da es sich um frei finanzierte Wohnungen handelt, juristisch nicht angreifbar, „aber ich halte es für stillos in einer Stadt, in der immer wieder nach Wohnungen für Familien gerufen wird“. Dass einer der Mieter der GWG-Geschäftsführer ist, sei etwas, „was man nicht machen kann, auch wenn man es vom Aufsichtsrat absegnen lässt“.

Der Geschäftsführer ist nicht der einzige Mieter aus dem Dunstkreis von Politik und Verwaltung, den die Prüfer in der Anlage mit 63 frei finanzierten Wohnungen fanden. Auch der von der CSU zur Bayernpartei gewechselte Stadtrat Mario Schmidbauer hat hier eine 100 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung bezogen, BA-Chefin Adelheid Dietz-Will residiert in einem Holzhaus in zwei Zimmern, und auch eine Grünen-Politikerin soll an der Lilienstraße ein neues Zuhause gefunden haben.

Schmidbauer ist stinksauer, dass er nun an den Pranger gestellt werde. Er habe nach einer Knieoperation eine neue Wohnung gesucht, weil er zuvor im vierten Stock ohne Aufzug gelebt habe, berichtet er. Dabei habe er bei mehreren städtischen und nichtstädtischen Wohnungsgesellschaften angeklopft und schließlich, wie jeder andere Bewerber auch, die Wohnung erhalten: drei Zimmer, von denen er eines als Büro für seine Stadtratstätigkeit nutze. „Die Wohnung ist vielleicht ein bisschen geräumiger geschnitten“, räumt Schmidbauer ein. „Aber ich zahle 1600 Euro warm.“ Damit liegt er freilich am unteren Rand des in München üblichen Spektrums. Wer im Internet sucht, findet vergleichbare Wohnungen durchaus für 1900 Euro kalt. Das entspricht ja dem Konzept der GWG, die ganz bewusst „nicht das Maximale aus dem Markt rausholt“, so Mattar.

Für Schmidbauer ist der Fall klar: Die ganze Überprüfung sei von der CSU lanciert worden – als Vergeltung für seinen Wechsel zur Bayernpartei.

„Zu solchen Hirngespinsten kann ich nichts Intelligentes sagen“, kontert Michael Kuffer, stellvertretender Fraktionschef der CSU im Rathaus. Das Revisionsamt lasse sich nicht vom Stadtrat vorschreiben, wo und wann es etwas zu prüfen habe. Doch Kuffer sieht Handlungsbedarf: „Transparenz und Einhaltung der Richtlinien“ seien bei der Vergabe von GWG-Wohnungen oberstes Gebot. „Wir strengen uns im Wohnungsbau in München sehr an“, argumentiert Kuffer. „Wir nehmen dazu auch das Geld der Münchnerinnen und Münchner. Da müssen die Wohnungen unbedingt auch denen zugute kommen, für die sie gedacht sind.“

Das fordert auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). „Selbstverständlich muss gerade eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft dafür Sorge tragen, dass die Vergabe von Wohnungen – ob sozial gefördert oder frei finanziert – gerecht, transparent und jederzeit nachvollziehbar dokumentiert ist“, ließ er am Dienstag mitteilen. Er habe veranlasst, dass das Thema noch im Juni im GWG-Aufsichtsrat behandelt werde.

Auch in der Grünen-Fraktion findet man die Vergabepraxis der GWG „problematisch“, wie Stadträtin Katrin Habenschaden sagt. Die Stadt-Tochter GWG stehe hier stärker als ein privater Investor. Schließlich sei es für Familien mit mehr als zwei Kindern in München „sehr schwierig, eine Wohnung zu finden. Da ist man gleich im Hochpreisbereich.“ Die Fraktion hat deshalb einen Stadtratsantrag gestellt, in dem es heißt: „Familiengerechte Mehrzimmerwohnungen der städtischen Wohnungsgesellschaften werden vorrangig an Familien vermietet.“ Dies müsse städtischer Grundsatz sein.

Von der GWG war am Dienstag keine Stellungnahme zu dem Thema zu erhalten.

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

Rubriklistenbild: © dpa

auch interessant

Meistgelesen

Geheimplan gegen Bettler: Kameras in der Innenstadt
Geheimplan gegen Bettler: Kameras in der Innenstadt
Darum lässt Sport Schuster zwei Gebäude niederreißen
Darum lässt Sport Schuster zwei Gebäude niederreißen
Diskriminierung? Senioren drohen MVV mit Klage
Diskriminierung? Senioren drohen MVV mit Klage
München - zum 13. Mal in Folge "Beste Stadt Deutschlands"
München - zum 13. Mal in Folge "Beste Stadt Deutschlands"

Kommentare