Leichenfund bleibt rätselhaft

Video: Wer ist die Tote aus der Kompostieranlage?

München - Die mysteriöse Tote aus Großhadern lässt der Polizei keine Ruhe. Jetzt haben die Ermittler Fotos veröffentlicht – in der Hoffnung, dass sich noch Zeugen melden.

Offenbar wird die junge Frau, die am 3. Januar in dem zugefrorenen Abwasserbecken einer Kompostieranlage gefunden worden ist, nirgends vermisst.

Die unbekannte Tote bekommt ein Gesicht. Doch was Markus Kraus, Leiter der Münchner Mordkommission, am Mittwoch der Presse vorstellte, ist kein normales Foto, sondern ein Kunstprodukt. Eine Zeichnerin des Landeskriminalamts hat das Portraitfoto aus der Gerichtsmedizin überarbeitet. Das Ergebnis zeige, „wie die Verstorbene zu Lebzeiten ausgesehen haben müsste“, sagte Kraus.

Wann und wie die Frau zu Tode kam, ist immer noch unklar. Wie berichtet deutet das erste Ergebnis der Obduktion auf Tod durch Ertrinken ohne Fremdeinwirkung hin. „Aber die Umstände sind mysteriös“, so Kraus. Deswegen werde der Fall weiterhin vom Kommissariat 11 betreut. Das ermittelt bei Gewaltverbrechen.

Die Polizei hat dieses Bild der Toten zu Fahndungszwecken harausgegeben.

Zumindest bis nächste oder übernächste Woche wird das so bleiben. Dann erwartet Kraus das abschließende toxikologische Gutachten, das eine Vielzahl weiterer Erkenntnisse verspricht – von der Todesursache bis zur Frage, wann die junge Frau gestorben ist. Letzteres, so Kraus, sei schwer abzuschätzen, weil die Leiche im Wasser unter einer Eisdecke lag – „möglicherweise seit November“.

Die Unbekannte ist zumindest in Deutschland nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Fingerabdrücke, DNA-Analyse, Zahnschema, Vermisstendatei – nirgends fand sich ein passender Eintrag. Auch die bisher 15 Hinweise aus der Bevölkerung und von anderen Dienststellen erwiesen sich als Sackgassen.

Die Gesichtszüge der dunkelblonden Frau geben keinen klaren Hinweis auf ihre Herkunft. Dass es keine passende Vermisstenmeldung gibt, muss laut Kraus nicht bedeuten, dass sie aus dem Ausland kommt. „In der Millionenstadt München leben viele Leute anonym“, sagt Münchens oberster Mordermittler. Der Zahnstatus der Toten weise westeuropäisches Niveau auf.

Vielleicht kann sich nun mit Hilfe der Fotos jemand an die zierliche Frau erinnern. Markant sind unter anderem ihre Schuhe: Nagelneue dunkelblaue Schnürstiefel mit cognacfarbenem Rand von „paul green münchen“. Auf einer im Eis eingefrorenen Styroporplatte lag eine Armbanduhr der Marke Guess, die der Toten gehört haben könnte.

Die 20 bis 30 Jahre alte, 1,58 Meter große und 48 Kilogramm schwere Frau mit den langen dunkelblonden Haaren trug laut Polizei Mustang Bluejeans, beigefarbenes Trägerhemd (Größe 40) und Slip (Größe 38) der Firma „mey“, ein langärmliges Feinrippshirt, Größe S, von Ludwig Beck, ein schwarzes Bustier von Tchibo und eine schwarze Seidenstrumpfhose. Die Fahndungsfotos will Kraus auch an die Polizei in Österreich schicken, denn die Schnürstiefel, die die Tote trug, gibt es unter anderem in Salzburg zu kaufen. Man kann sie aber auch im Internet bestellen.

Eine europaweite Fahndung hat die Polizei noch nicht gestartet. Die Fahnder halten sich diese Option offen für den Fall, dass auch das toxikologische Gutachten sie nicht weiter bringt. Selbst ein sogenanntes Isotopengutachten sei angedacht, so Kraus. Es könnte aufdecken, in welcher Region die Unbekannte aufgewachsen ist und wo sie zuletzt lebte. Doch die Eingrenzungen seien meist recht grob, so Kraus.

Bleibt die Frage, wie die junge Frau auf das eingezäunte Gelände der städtischen Kompostieranlage an der Tischlerstraße kam. Keinesfalls könne man sich versehentlich dorthin verirren, so Kraus. Doch wer hinein wolle, schaffe das auch bei geschlossenem Tor. Wie berichtet, gibt es eine niedrige Stelle und mehrere Löcher im Zaun. Das 10 mal 20 Meter große und 3,30 Meter tiefe Absetzbecken ist mit einem Geländer gesichert.

Kraus will vorerst weder Suizid noch ein Verbrechen ausschließen. Er hält aber auch einen Unfall für möglich. Wer nachts in das Becken fällt und die dort montierte Leiter in der Dunkelheit nicht findet, hat kaum noch Chancen: Der Wasserspiegel lag 80 Zentimeter unter dem Beckenrand. Um sich da mit vollgesogener Bekleidung herauszuziehen, bedürfte es athletischer Fähigkeiten.

Peter T. Schmidt

Rubriklistenbild: © dop/Polizei München

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