Heute vor 40 Jahren: Geiselnahme in der Prinzregentenstraße

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Dimitri Todorov beim Interview mit dem Münchner Merkur im Jahr 2003

München - Einen Banküberfall mit Geiselnahme – das hat es in der Bundesrepublik bis dahin noch nie gegeben. Heute vor 40 Jahren ist es in der Prinzregentenstraße dazu gekommen.

Und plötzlich ist die Erinnerung wieder da: An die Pistole, die ihm die Räuber an die Schläfe halten und an die Angst, die nur noch einen Gedanken zulässt: „Hoffentlich überleb’ ich das!“ 40 Jahre hat Ludwig Kelnhofer (73) dieses Bild und dieses Gefühl verdrängt. Aber jetzt, zum Jahrstag der schrecklichen Geiselnahme am 4. August 1971 in der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße, ist er bereit, noch einmal über alles zu sprechen: Über die neun Stunden in Geiselhaft und sein Leben nach dieser furchtbaren Tat.

Es war 15.55 Uhr, als an jenem schicksalhaften Mittwoch das Drama begann. Kassier Ludwig Kelnhofer ist in Gedanken schon Zuhause in Halbergmoos. Nach Dienstschluss will er mit seiner Frau und den drei Kindern noch zum Kinderarzt nach Freising. Doch dazu kommt es nicht.

Zwei schwerbewaffnete Maskierte stürmen die Bank: Georg Rammelmayr (31) und sein Kumpan Dimitri Todorov (24). Das Duo will den ganz großen Coup landen. Problemlos bringen sie 18 Angestellte und Kunden in ihre Gewalt. Die Polizei ist überfordert: einen Banküberfall mit Geiselnahme – das hat es in der Bundesrepublik bis dahin noch nie gegeben.

Kassier Ludwig Kelnhofer sitzt in einer schusssicheren Box. Doch die Räuber machen ihm schnell klar, dass er rauskommen muss, wenn er das Leben von Kollegen und Kunden nicht in Gefahr bringen will: „Die waren äußerst aggressiv. Das hat man ihren Gesten und Kommandos gemerkt.“

Kelnhofer muss schließlich den Verbindungsmann spielen. Mit der Pistole an der Schläfe muss er die Forderungen des Duos der Polizei übermitteln. „Jetzt reicht’s“ oder „Aus“, befehlen ihm Rammelmayr und Todorov, wenn der Kassier zu viele Worte macht.

Die Räuber, die sich als „Gruppe der Roten Front“ ausgeben, drohen mit Maschinengewehrattentaten und Sprengstoffanschlägen, wenn ihre Forderung bis 22 Uhr nicht erfüllt wird. Sie wollen zwei Millionen Mark und einen BMW als Fluchtwagen. Kelnhofer fürchtet um sein Leben „ich bin ja kein James Bond“, aber er lässt sich die Angst nicht anmerken. „Ich wollte den anderen Geiseln Mut machen.“ Nachdem die Räuber 13 ihrer 18 Geiseln freigelassen haben, ist er der einzige Mann in ihrer Gewalt.

In diesem Albtraum verliert er jedes Zeitgefühl – und ahnt nicht, was sich vor der Tür abspielt: Tausende Schaulustige haben sich eingefunden. Reporter beschreiben die Stimmung als eine Mischung aus „Chicago und Oktoberfest“.

Und in der Bank? „Als wir vom Feinkost-Käfer, der ja gegenüber liegt, Essen und Trinken geliefert bekamen, löste sich ein wenig die Spannung“, erinnert sich Kelnhofer. Er selbst bringt aber kaum einen Bissen runter. Dafür erlebt er einen unerwarteten Glücksmoment. Als wieder einmal das Telefon klingelt und der Bankkaufmann mit neuen Anweisungen der Polizei rechnet, ist seine Frau dran. „Die hatte von einer Reporterin erfahren, dass ich Geisel bin“, erinnert sich Kelnhofer. Aber ich fand es wunderbar, dass ihr die Polizei die Möglichkeit gab, mit mir zu sprechen.

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Doch danach ist Schluss mit lustig. Der Kassier muss erst den Geldsack ins Fluchtauto schleppen und dann seine Kollegin Inge R. (19), der die Augen verbunden sind, zu dem Wagen führen. Rammelmayr will mit der Geisel an seiner Seite die Beute in Sicherheit bringen und erst dann seinen Spezl aus der Bank holen. „So hatten sie uns ihren Plan erklärt und uns beruhigt, dass wir dann alle freigelassen würden“, erinnert sich Kelnhofer.

Doch als Ramelmayr am Steuer sitzt, feuert ein Scharfschütze. Rammelmayr wird getroffen, schießt aber sofort zurück – und trifft dabei auch Ingrid Reppel.

Kassier Kelnhofer hört die Schüsse in der Bank und weiß nur eines: Er muss sich dringend in Sicherheit bringen. „Ich bin in meine Kassenbox geflüchtet, hab die Polizei angerufen und gefleht: Hört auf zu schießen.“

Da ist Rammelmayr von Maschinengewehrsalven schon regelrecht zersiebt. Auch Toderov ballert, kann aber schließlich nach einem wilden Schusswechsel festgenommen werden.

Dass nun alles vorbei ist, merkt Kelnhofer aber erst, als ihn ein Polizeibeamter ins Freie führt. „Ich habe mir einen der Käfer-Äpfel genommen, hineingebissen und mir gesagt, jetzt hast Du’s überstanden.“

Gab’s hinterher psychologische Betreuung? „Nein, das gab’s damals noch nicht“, sagt Kelnhofer, der erst einen Tag nach der Tat erfuhr, dass seine Kollegin ums Leben gekommen war. „Aber ich hab’ von der Deutschen Bank zwei Wochen Sonderurlaub bekommen. Die hab’ ich mit der Familie bei den Schwiegereltern im Bayerischen Wald verbracht.“ Danach ist der Banker übrigens nie mehr an der Kasse gestanden. „Und 1973 bin ich dann an die Zweigestelle in Mühldorf gewechselt.“

Mit seiner Frau Sofie hat Ludwig Kelnhofer den 4. August lange Jahre wie einen zweiten Geburtstag gefeiert. Aber seit ein paar Jahren zählt für ihn nur noch die Gegenwart. Über das Geiseldrama spricht er nur noch ab und zu mit einem seiner Söhne: „Der ist Polizist geworden.“

Wolfgang de Ponte

Todorov: Ein Buch über 22 Jahre Knast

22 Jahre hat Dimitri Todorov im Knast sitzen müssen. Der heute 64-Jährige hat die Zeit gut genutzt: Er hat das Abitur gemacht. Dann studierte er Sozialwissenschaften und Sprachen. Als er im Januar 1993 die Haftanstalt verlassen durfte, verfasste der gebürtige Grazer ein Buch über sein bis dahin verpfuschtes Leben. Titel: 22 Jahre Knast. Er blieb in München und geriet 1998 noch einmal mit der Justiz in Konflikt – er wurde mit Kokain erwischt. Nach seiner erneuten Haftentlassung hielt er öfter Lesungen. Und heute? „Er schreibt Kurzgeschichten und hält sich mit viel Sport fit“, sagt Rechtsanwalt Jürgen Arnold, der ihn 1993 per Verfassungsbeschwerde aus dem Knast geholt hatte. Seinen Lebensunterhalt verdiene er als Kulissenbauer bei den Bavaria Filmstudios.

Ebu

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