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Horror-Job: So stressig und belastend ist der Pflegeberuf

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Stress, hohe emotionale Belastung, schlechter Lohn: Pflege ist ein Knochenjob.

München - Heute stellen wir vor, wie die Starnberger Pflegeheime im Vergleich dastehen. Und wir beschreiben die katastrophale Lage des Personals.

Pflege ist teuer, sehr teuer. Und trotzdem sind die Zustände in vielen Pflegeheimen schlecht, wie die zahlreichen Zusendungen auf unsere tz-Pflegeserie einmal mehr belegen. Die Vergleichbarkeit der Heime ist schwierig, aber das Recherchezentrum correctiv (hier geht's zur Twitter-Seite und Facebook) hat die entscheidenden Daten des Pflege-TÜV ausgewertet, um ein wenig mehr Transparenz in die Pflege-Landschaft zu bringen. Heute stellen wir vor, wie die Starnberger Pflegeheime im Vergleich dastehen. Und wir beschreiben die katastrophale Lage des Personals.

Wie gut werden Pfleger bezahlt?

Gar nicht gut. Pfleger verdienen nach Statistiken der Arbeitsagentur und des statistischen Bundesamtes im Schnitt 2200 Euro brutto im Monat. Das ist ein Drittel weniger als das, was ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland bekommt. Bei Altenpflegern sieht es sogar noch ein bisschen schlechter aus. Die Zahlen schwanken von Region zu Region und von Heim zu Heim. Frauen in ostdeutschen Altenheimen verdienen einer Untersuchung des Pflegebeauftragten der Bundesregierung zufolge am wenigsten und müssen am häufigsten in Teilzeit arbeiten. Insgesamt arbeiten mehr als 61 Prozent aller Pfleger in Deutschland in Teilzeit.

Wie hart ist die Arbeit als Pfleger wirklich?

Pfleger gehören in Untersuchungen regelmäßig zu den am härtesten beanspruchten Berufsgruppen. Etwa ein Drittel aller Pfleger fühlt sich häufig an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, doppelt so viel wie in anderen Berufen. Fast die Hälfte aller Altenpfleger arbeitet in Schichten und sagt, der Stress im Job habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Zwei Drittel der Pfleger hat Schlafstörungen und ähnliche „psychovegetative Beschwerden“, schreibt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeits­medizin (BAuA).

Was macht dieser Stress mit den Pflegern langfristig?

Altenpfleger verlassen ihren Beruf im Schnitt bereits nach gut acht Jahren. Damit halten sie fünf Jahre weniger durch als Krankenschwestern. Je mehr Patienten, je mehr Stress, je unzufriedener – desto häufiger brennen Pfleger aus. Das haben Stefan Greß und Klaus Stegmüller zusammengetragen, zwei Forscher im Bereich Pflege-Versorgung an der Hochschule Fulda. Pfleger gehören zu den zehn Berufsgruppen mit den meisten Krankheitstagen. 2014 fehlten Pfleger im Schnitt 26,7 Tage, rund acht Tage länger als andere Arbeitnehmer. Das berichtet das Wissenschaftliche Institut der AOK WIdO.

Wer will diesen Job überhaupt noch machen?

Im März waren bei der Arbeitsagentur fast 12 000 offene Stellen für Fachkräfte in der Altenpflege gemeldet, aber nur 3500 entsprechende Bewerber. Keine Branche in Deutschland hat so wenig Angebot bei so viel Nachfrage. Arbeitsagentur-Vorstandsmitglied Raimund Becker sprach schon 2014 von einem gravierenden Mangel an Altenpflegekräften. Seitdem hat sich die Situation noch verschärft. In München und Oberbayern ist die Situation etwas besser: In der Landeshauptstadt standen im Mai 162 offene Stellen 319 arbeitslose Pfleger gegenüber. In ganz Oberbayern gibt es bei 738 offenen Pfleger-Stellen 770 Arbeitslose.

Gibt es eine Chance auf Besserung?

Nicht so bald. Mit der Verabschiedung des Pflegestärkungsgesetzes II will die Bundes­regierung zwar ein „wissenschaftlich fundiertes Verfahren zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs“ einführen. Bislang ist das Personal in den Pflegeheimen immer in Verhandlungen festgelegt worden, nie bemessen worden. Bis Mitte 2020 soll nun bestimmt und beschlossen werden, wie viel Personal deutsche Pflegeheime wirklich benötigen. Zu spät, kritisieren viele. Aus den aktuellen Verhandlungen für das Personal ab Januar 2017 ist zu hören, dass es wohl kaum zusätzliches Personal für Pflegeheime geben wird.

Tabelle: So schneiden die Starnberger Pflegeheime ab

Die obige Tabelle zeigt die wichtigsten Kategorien für eine gute Pflege: Schmerzversorgung, medizinische Versorgung, Nahrungsversorgung, Wundbehandlung – und Inkontinenzhilfe. Wenn Pflegeheime hier Probleme haben, kann das ein Hinweis auf Mängel sein. Ein rotes Kästchen bedeutet, dass das jeweilige Heim bei der Bewertung durch den Pflege-TÜV in der jeweiligen Kategorie nicht die volle Punktzahl erreicht hat. Beispiel: Wenn „Wundbehandlung“ rot markiert ist, hat das entsprechende Heim nicht die volle Punktzahl erreicht.

Zudem ermöglicht die Tabelle einen Preisvergleich bei vollstationären Pflegeplätzen, aufgeteilt nach Pflegestufen. Wichtig: Die Preisangaben sind Durchschnittspreise ohne Investitionskosten und ohne Ausbildungsabgabe, da die Investitionskosten nicht bei allen Heimen für alle Bewohner gleich sind.

Der Stand der Preisangaben ist der 7. April 2016. Die Daten hat das Recherchezentrum correctiv.org zusammengetragen. Die Auswertung aller deutschen Pflegeheime findet sich unter www.correctiv.org/pflege. Mitte Juni erscheinen die correctiv-Recherchen in Buchform: „Jeder pflegt allein“ (20 Euro), zu bestellen unter shop.correctiv.org.

Das Buch „Jeder pflegt allein“ gibt es hier zu bestellen.

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