Auto-Teilen kommt zunehmend in Mode

Immer mehr Carsharing in München

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Der Marktführer DriveNow vergrößerte seine Flotte im Jahr 2016 um rund 320 Fahrzeuge. 

München - In München sind immer mehr Carsharing-Autos unterwegs. In den vergangenen zehn Monaten vergrößerten DriveNow & Co. ihre Fahrzeugflotte um 75 Prozent. Die Stadt sieht in dem Teilen von Autos die Zukunft der individuellen Mobilität.

Der Carsharing-Markt in München boomt. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) schätzt, dass inzwischen 220 000 Kunden bei den fünf Anbietern DriveNow, Flinkster, Car2Go Beezero und Stattauto registriert sind – Tendenz stark steigend. Bis Ende vergangenen Jahres hatte der Stadtrat den Trend zum Auto-Teilen künstlich gebremst. So war es dem Marktführer DriveNow verboten, mehr als 500 Autos in München anzubieten. Im vergangenen Dezember hob der Stadtrat diesen Beschluss auf. Seitdem ist das Angebot förmlich explodiert. Die Zahl der Carsharing-Autos in München ist bis September 2016 von 862 auf 1496 gestiegen – um rund 75 Prozent. Zählt man die klassischen stationären Angebote von Verleihern wie Sixt oder Europcar dazu, gibt es in München derzeit knapp 2000 Fahrzeuge, die man ausleihen kann.

„Die Entwicklung ist sehr erfreulich“, sagt Martin Schreiner, Carsharing-Experte des Kreisverwaltungsreferats. „In absoluten Zahlen ist der Anteil an Carsharing-Autos aber noch homöopathisch – bei fast 800 000 privaten Pkw in München.“ In der Verwaltung entwirft man derzeit Ideen, wie die Mobilität von Morgen in München aussehen könnte. Klar ist: Der private Pkw soll eine immer geringere Rolle spielen. Denn er nimmt zu viel Platz weg in einer Stadt, in der die Konkurrenz um den öffentlichen Raum zunimmt.

„In München gibt es ein Flächenproblem. Dem Auto kann deshalb nicht mehr Raum zugestanden werden“, sagt Schreiner. Von den Menschen wird künftig mehr Flexibilität erwartet werden, um von A nach B zu kommen. „Die Zukunft der Mobilität ist ein Mix aller Verkehrsarten: Öffentlicher Verkehr, Radfahren und motorisierter Individualverkehr – Carsharing spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Aufgabe der Stadt werde es sein, ein entsprechendes Konzept zu erstellen. Ein Auto verbraucht laut Schreiner zum Beispiel 15 Mal so viel Platz wie eine voll besetzte Straßenbahn.

Nach einer wissenschaftlichen Faustregel werden durch das Carsharing-Angebot in München bis zu 10 000 private Fahrzeuge und die entsprechenden Stellplätze eingespart. Ein Carsharing-Auto verbraucht drei- bis fünfmal weniger Raum, weil es häufiger bewegt wird, besagt eine Studie der TU Dresden im Auftrag des Kreisverwaltungsreferats. „Die verstärkte Nutzung von Carsharing sorgt dafür, dass weniger private Pkw gekauft werden. Man kann in der Folge darüber nachdenken, Parkplätze in der Stadt umzuwidmen und etwa exklusiv für Carsharing oder zum Beispiel für Räder zur Verfügung zu stellen“, sagt Schreiner. Schon heute hat man als Carsharing-Nutzer Privilegien. Im Dezember beschloss der Stadtrat, dass Autos auch in Parklizenzgebieten abgestellt werden dürfen.

Noch steckt Carsharing in den Kinderschuhen. Zwar findet man in der Innenstadt inzwischen relativ zuverlässig ein freies Auto. Außerhalb des Mittleren Rings ist das Angebot allerdings mau, zudem sind manche Ecken in München nicht Teil des Geschäftsgebiets von DriveNow & Co. „Entscheidend wird sein, Carsharing in die Fläche zu bekommen. Also auch in die Randbezirke der Stadt“, erklärt Schreiner. KVR und Planungsreferat arbeiten gerade intern an Lösungsmodellen. Das könnten zum Beispiel Mobilitätsstationen in unterversorgten Gebieten sein, wo immer mehrere Carsharing-Autos stehen.

DriveNow hat sein Angebot kürzlich um das nördliche Freimann sowie Gebiete in Obersendling und in Sendling-Westpark erweitert. Beim Marktführer ist man erleichtert, dass der Stadtrat die Fahrzeug-Obergrenze gekippt hat. Jetzt hofft man, dass die Stadt bei der Elektromobilität in die Gänge kommt. „Für unsere 85 Elektrofahrzeuge stehen uns nur knapp 20 zugängliche Ladesäulen zur Verfügung. Damit sind wir noch weit von einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur entfernt, die notwendig wäre, um weitere Stromer in die Flotte aufnehmen zu können“, sagt DriveNow-Sprecherin Aurika von Naumann. „Hier hoffen wir auf einen zügigen Ausbau seitens der Stadt.“ Die hat reagiert und auf Initiative der CSU ein millionenschweres Förderprogramm Elektromobilität aufgelegt. So soll die Zahl der Ladesäulen deutlich steigen.

Die Verwaltung will dem Stadtrat kommendes Jahr einige Vorschläge für die Zukunft der Münchner Mobilität unterbreiten. Dann wird sich erweisen, ob die Koalition willens ist, der Autofahrer-Lobby auf die Füße zu steigen. Im KVR ist man in jedem Fall zufrieden, dass Carsharing dabei ist, sein Nischendasein hinter sich zu lassen. „Carsharing ist nicht mehr ein Sandalen-Öko-Thema“, sagt Martin Schreiner. „Spannend wird es, wenn es einmal 20 000 Carsharing-Autos in der Stadt gibt.“

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