Nach Amoklauf und vor der Wiesn

Angstforscher erklärt: "Die Angst kämpft gegen die Vernunft"

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Borwin Bandelow ist Angstforscher und stellvertretender Direktor der Psychiatrie der Universitätsmedizin Göttingen.

München - Angst vor Terror: Experte Borwin Bandelow erklärt, warum wir primitiv wie Hühner denken – und warum es so schwer ist, das zu ändern.

In Deutschland ist es wahrscheinlicher, am Verschlucken eines Kugelschreibers zu sterben, als bei einem Anschlag – trotzdem haben weit mehr Menschen Angst vor Terror. Gerade jetzt, kurz bevor das Oktoberfest eröffnet wird und gerade jetzt, nach dem 22. Juli, als ein Amokläufer am Olympiaeinkaufszentrum in München neun Menschen und sich selbst erschossen hat.

Obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat, und das wissen wir, fürchten wir uns jetzt umso mehr vor Terror. Angstforscher Borwin Bandelow erklärt im Interview, warum wir diese Angst nicht steuern können, was das mit einem Huhn zu tun hat, und, wie wir zur Vernunft zurückfinden.

Herr Bandelow, haben Sie heute mehr Angst als früher?

Nein, weil ich mir ganz bewusst immer wieder klar mache, dass ich ansonsten morgens auch nur mit einem Helm auf die Straße gehen dürfte – ich könnte ja als Fußgänger überfahren werden. Und das wäre sogar um einiges wahrscheinlicher als Opfer eines Terroranschlages zu werden. Weil mir dieses Denken gelingt, habe ich heute nicht mehr Angst als früher. Angst ist generell aber kein rationales Gefühl und richtet sich nicht nach Statistiken oder der Logik, sie ist ein angeborener Überlebensinstinkt aus Urzeiten. Man muss lernen, damit umzugehen, ansonsten reagiert der Mensch bei neuen und überwältigenden Situationen wie Terror überzogen.

Allerdings hatte der Münchner Amoklauf vom 22. Juli ja keinen terroristischen Hintergrund.

Dem Menschen ist in solchen Fällen egal, vor welchem politischen Hintergrund die Tat begangen wird. Sie fürchten sich vor solchen Menschen an sich. Vor jungen Männern mit psychischen Problemen, die so gestört sind, dass sie den Tod von völlig unschuldigen Menschen in Kauf nehmen.

Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass der Amoklauf in unmittelbarer Nähe stattgefunden hat. Hat uns das wachgerüttelt?

Wenn so etwas in der gleichen Stadt passiert, hat man natürlich viel mehr Angst, als wenn es in Indien passiert. Das ist klar, obwohl auch das wieder eine subjektive Einstellung ist und sich nicht nach der Logik richtet. Das Problem ist, dass man seine Angst nur schwer steuern kann. Angst entsteht in einem Teil des Gehirns, der der Logik nicht unbedingt zugänglich ist. Noch dazu haben wir ein recht primitives Angstsystem, es ist so einfach gestrickt wie das eines Huhnes. Und wenn man versucht, diesem System mit Logik und Statistik zu kommen, wäre das, als würde man versuchen, dem Huhn Schachspielen beizubringen. Selbst, wenn man sich also sagt, dass nichts passieren wird, kann man nicht verhindern, dass man mit einem mulmigen Gefühl aus dem Haus geht. Das erklärt auch, warum so viele Menschen Angst haben, aufs Oktoberfest zu gehen. Die Angst kämpft gegen die Vernunft.

Immer mit Angst aus dem Haus zu gehen, soll natürlich trotzdem nicht zum dauerhaften Zustand werden. Gibt es eine Möglichkeit, das Unterbewusstsein auszutricksen und die Vernunft vor die Angst zu rücken?

Ich wünschte, ich hätte so einen Trick, dass ich den Menschen sagen kann: ,Trinken Sie grünen Tee und gehen Sie dann beruhigter aufs Oktoberfest’ oder ,Machen Sie vorher ein bisschen Yoga’. Aber das funktioniert leider nicht. Was hilft, ist gesunder Fatalismus, wie ihn etwa Menschen in Israel haben. Wenn die auf die Straße gehen, wissen sie, es könnte was passieren. Fast jeder kennt jemanden, der Opfer oder Zeuge eines Anschlags war, aber sie sagen sich: ,Wir gehen trotzdem nach draußen, weil wir unser Leben nicht durch Verstecken kaputtmachen.’ Man muss auch sagen: Nur, weil jemand mal zwei Wochen nicht aufs Oktoberfest geht und nicht U-Bahn fährt, ist die Sicherheitslage danach ja nicht besser. Man kann sich jetzt nicht ein paar Wochen lang verkriechen und denken, dass dann wieder alles in Ordnung ist.

Sie sprechen von den Menschen in Israel, die besonnener reagieren als zum Beispiel wir. Spielt da die Gewohnheit eine Rolle, sind die Menschen dort mittlerweile abgehärtet?

Diese Frage hab’ ich mir natürlich auch einmal gestellt. Ich war in den 1990er Jahren zum Beispiel in Tel Aviv. Es hatte ein Attentat gegeben, bei dem 64 Personen gestorben waren, einen Tag später stand ich dann vor dem Café, in dem das Attentat passiert war. Alles war völlig zerstört, aber gleich nebenan in einem anderen Café saßen schon wieder die Leute, haben Kaffee getrunken und Falafel gegessen. Ich hab’ die gefragt, ,Wie könnt ihr denn da sitzen und schmeckt euch das Essen überhaupt?’. Die haben geantwortet: ,Wir sind Israelis, bei uns passiert alle drei Tage was. Wir würden ja verrückt werden, wenn wir uns bei jedem Anschlag verkriechen würden.’ Die Menschen dort versuchen, ihr Leben trotzdem so normal wie möglich zu leben.

Meinen Sie, das funktionier auch bei uns, dass die Zeit die Wunden heilt?

Ich glaube schon, dass das auch in unserer Gesellschaft funktionieren würde. Auch, wenn zum Beispiel noch ein Attentat in Deutschland passieren würde – wir würden uns daran gewöhnen. Im Zweiten Weltkrieg waren die Menschen auch abgehärteter, das hat meine Mutter erzählt. Als die Bomben in Stuttgart flogen, haben sie als Kinder gewartet, bis der Lärm vorbei war, dann sind sie schnell rausgerannt und haben Brötchen gekauft. Leider ist es heute so, dass die Angst eher geschürt wird, wenn zum Beispiel Frankreichs Präsident Hollande das Wort Krieg in den Mund nimmt.

Schüren ein Zaun um die Wiesn oder der bewaffnete Polizist am Bahnsteig auch Angst?

Das sind natürlich Scheinsicherheiten, allerdings fallen wir auch darauf rein. Das unlogische Angstsystem sagt: ,Da steht die Polizei, die passt auf mich auf.’ Die Vernunft würde sagen: ,So viel Polizei kann da gar nicht stehen, dass alles verhindert werden könnte.’ Gut wäre, wenn Terroristen einmal ihren logischen Verstand nutzen könnten. Dann würden sie denken: ,Wir haben zehn Jahre Bomben geschmissen, und was haben wir davon gehabt? Gar nichts.’

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