Kampf gegen Knochenkrebs

Operation Zukunft: Wie die Ärzte Jojos Bein retteten

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Lebensfreude und Zuversicht: Die Grafs aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn gehen gemeinsam durch dick und dünn. Das Familienfoto zeigt Jojo (5), er trägt einen Spezialgips um Bein und Becken; um ihn herum (im Uhrzeigersinn)  Bruder Emil (7), Schwester Katja (10), Papa Michael (51), Schwester Lucie (9) und Mama Tatjana (42)

München - Der fünfjährige Josef aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist schwer krebskrank. Doch einem Ärzteteam ist es gelungen, den bösartigen Knochentumor zu entfernen. Eine bewegende Geschichte.

Jojo, der kleine Riese. Sein Kampf gegen den Krebs macht vielen anderen Menschen Mut. Sie haben im ersten Teil unseres großen Reports ­erfahren, wie die Schockdiagnose das Leben des fünfjährigen Buben und seiner Familie aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn (Landkreis München) auf den Kopf gestellt hat – binnen weniger Tage.

Doch inzwischen haben die Grafs wieder allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen: Denn einem Ärzteteam des Klinikums rechts der Isar ist es gelungen, den großen, besonders bösartigen Knochentumor aus Jojos Oberschenkel zu entfernen. Die ersten Nachuntersuchungen sind äußerst erfreulich ausgefallen. Mehr noch: Die Spezialisten um Professor Rüdiger von Eisenhart-Rothe konnten eine drohende Amputation von Josefs Bein vermeiden. „Er hat gute Chancen, wieder ganz normal laufen zu können“, sagt der Chef-Orthopäde im tz-Gespräch. Wie der spektakuläre Eingriff abgelaufen ist, wie die Eltern die Stunden der Ungewissheit erlebten und wie die Familie ­ihren Alltag meistert – darum geht es heute im zweiten Teil unseres großen Reports über Jojo, den kleinen Riesen.

Die Stunden der Ungewissheit

Tatjana Graf schießen immer wieder Bilder durch den Kopf, wenn sie an die Leidensgeschichte ihres Nesthäkchens in den vergangenen Monaten denkt. Aber diese eine Szene hat sich besonders in ihr Gedächtnis eingebrannt: Josef wird in den OP-Bereich gefahren, die Eltern schauen ihrem Liebling durch eine Glastür hinterher. Sein kleiner Körper steckt in einem viel zu großen OP-Hemd, eins für Erwachsene, auf dem Kopf trägt er die OP-Haube, eine Art überdimensionale Badekappe. „Wir haben noch gesehen, wie er aus seinem Bett auf eine Transportliege geklettert ist“, erzählt die Mama. Dann verschwand Jojo aus ihrem Blickfeld, plötzlich war er weg – und der grausame Moment gekommen, in dem sich die Eltern für zwölf Stunden von ihrem Sohn trennen mussten.

„Wir haben den Ärzten von Anfang an vertraut. Das hat es etwas leichter für uns gemacht“, erzählen die Grafs. Man spürt, wie dankbar sie sind für all die Hilfsbereitschaft, die ihnen in den vergangenen Monaten widerfahren ist. Von den Schwestern und Krankengymnasten in der Schwabinger Kinderklinik. Oder von den Medizinern, ganz besonders im Klinikum rechts der Isar. „So ein extremes Engagement haben wir noch nie erlebt“, sagt Papa Michael Graf und erzählt ein Beispiel: „Die Narkoseärztin, die tagsüber bei Jojos OP dabei war, ist anschließend freiwillig noch die ganze Nacht bei ihm geblieben.“

Sicher kein alltägliches Verhalten – genauso wenig wie der gesamte Eingriff. Von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr abends kämpfte ein ganzes Team von Spezialisten um Jojos Bein, allein die reine OP-Zeit ohne Vorbereitungen und Eingipsen betrug acht Stunden. Und als ob die Operation nicht schon heikel genug gewesen wäre – plötzlich kamen auch noch dramatische Begleitumstände dazu …

Mit von der Partie war auch ein Mitarbeiter der belgischen Spezialfirma Materialise, die maßgeschneiderte Schnittschablonen für den Eingriff angefertigt hatte. Und just am OP-Tag explodierte auf dem Flughafen seiner Heimstadt Brüssel die Bomben der Islamisten. „Glücklicherweise hat sich später herausgestellt, dass der belgische Kollege schon am Vorabend von Josefs Operation nach München geflogen war“, erinnert sich die Orthopädin Dr. Carolin Knebel vom OP-Team. „Aber er hat sich natürlich den ganzen Tag über Sorgen um seine Lieben in der Heimat gemacht.“

Schlümpfe als Glücksbringer

Genauso wie Jojos Eltern um ihren kleinen Sonnenschein. „Wir haben versucht, das ein bisserl auszublenden und uns bewusst dafür entschieden, nicht vor dem Operationssaal zu warten.“ Um die Zeit irgendwie zu überbrücken, gingen die Eltern in die Stadt. Spazieren, reden, eine Kleinigkeit frühstücken.

In einem Spielzeuggeschäft kauften sie Schlümpfe für Jojo. „Schlümpfe kommen doch auch aus Belgien“, weiß Tatjana Graf. „Wir haben gehofft, dass sie Glück bringen.“ Auch seine Geschwister Emil (7), Lucie (9) und Katja (10) haben fest die Daumen gedrückt. Sie warteten bei den Großeltern auf gute Nachrichten aus dem Klinikum rechts der Isar.

Am Ende hatte Jojo das erhoffte Glück – und wahrscheinlich haben es seine Ärzte mit ihrem Können erzwungen. Es gelang ihnen, das Bein praktisch komplett neu zusammenzusetzen und – was entscheidend ist – den verpflanzten Knochen an die wichtige Blutversorgung anzuschließen. „Jetzt schaut es wieder richtig gut aus für Josefs Bein“, analysiert der Leiter des OP-Teams, Professor von Eisenhart-Rothe. Und wenn auch die Chemotherapie weiter so gut anschlägt, dann wird der fünfjährige Bub in absehbarer Zeit wieder ein ganz normales Leben führen können.

Noch fünf Mal muss er die Infusionen über sich ergehen lassen – im Abstand von drei Wochen. Jeweils vier Tage lang wird er in der Schwabinger Kinderklinik am Tropf hängen. „Zwei Tage bekommt Jojo Medikamente, die die Krebszellen abtöten sollen, und zwei weitere Tage lang Substanzen, die die aggressiven Medikamente wieder aus dem Körper spülen“, erklärt Michael Graf.

Mindestens ein Familienmitglied ist rund um die Uhr bei dem tapferen Patienten. Manchmal übernachtet der Papa in der Klinik und wird früh morgens von der Omi abgelöst, bevor er ins Büro fährt. Oder umgekehrt, denn auch Tatjana ist berufstätig, sie unterrichtet als Lehrerin am Gymnasium. Derweil kümmern sich die Großeltern um die anderen drei Kinder. „Ohne sie wären wir aufgeschmissen“, sagen die Grafs. „Und dazu kommt, dass wir seitens unserer Chefetagen und von unseren Arbeitskollegen tolle Unterstützung bekommen. Sonst könnten wir den Alltag gar nicht schaffen.“

Der ist übrigens trotz aller Herausforderungen alles andere als grau. Dafür haben neulich erst wieder die Nachbarn in Höhenkirchen gesorgt. Sie legten zusammen, um für Jojo eine Überraschung zu organisieren. „Plötzlich standen zwei Klinikclowns vor der Tür – mit einer netten Karte, auf der alle unterschrieben haben“ , erzählt Mama Tatjana. „Die Clowns haben Jojo mit ihren Späßen sauber zum Lachen gebracht.“ Seine Eltern wissen: „Ein schöneres Geschenk gibt’s nicht.“

So lief der spektakuläre Eingriff

Das Ewing-Sarkom ist ein sehr seltener, besonders bösartiger Knochentumor. Jedes Jahr erkranken daran in Deutschland etwa 40 Kinder unter 15 Jahren. In der Regel müssen sie eine mehrmonatige Chemotherapie über sich ergehen lassen, um den ­Tumor zu verkleinern und die Bildung von Tochtergeschwülsten zu verhindern, sogenannten Metastasen. Anschließend wird der Krebsherd entfernt und die Lücke im Knochen in der Regel mit einer Tumorprothese aus Metall geschlossen.

Spitzenmedizin im Team: Die Spezialisten des Klinikums rechts der Isar um die Professoren Rüdiger von Eisenhart-Rothe (vorne li.) und Eberhard Kochs operierten Josef acht Stunden lang.

Doch anders als bei den allermeisten älteren Kindern schied diese Möglichkeit in Josefs Fall aus. „Sein Oberschenkelknochen ist noch so klein, dass sich darin kein Prothesenschaft verankern lässt“, erklärt der Leiter seines OP-Teams, Professor Rüdiger von Eisenhart-Rothe. Aber der Krebsherd musste raus – und deshalb drohte Josef eine Amputation. Oder zumindest eine sogenannte Umkehrplastik, bei der der Fuß praktisch zum Knie umfunktioniert wird – mit dem Ziel, nur den Unterschenkel und den Fuß durch eine Prothese ersetzen zu müssen.

Beide Varianten wollten die Ärzte Josef ersparen. Komplizierend kam jedoch hinzu, dass der Tumor bis auf wenige Millimeter an die sogenannte Wachstumsfuge heranreichte. Daher tüftelte das Ärzteteam eine spektakuläre Alternativ-Strategie aus: Sie sah vor, das fehlende Knochenstück durch eine Kombinaton aus Fremdknochen und Teilen von Josefs Wadenbein zu ersetzen. Diese Konstruktion sollte stabil genug sein, um das Bein des fünfjährigen Buben zu retten – und gleichzeitig durch den Erhalt der Wachstumsfuge sogar ein weitgehend normales Längenwachstum des Beines ermöglichen.

Also bemühten sich die Spezialisten des Klinikums rechts der Isar um den Knochen eines Organspenders. Da aufgrund der kleinen Größe ein passender Oberschenkelknochen nicht erhältlich war, stellte das Deutsche Institut für Zell- und Gewebeersatz den Oberarmknochen eines Erwachsenen für Josef zur Verfügung. Daraus entnahmen die Experten ein etwa zehn Zentimeter langes Teilstück. Dieses wurde Josef praktisch als eine Art Platzhalter bzw. Leitschiene eingepflanzt.

Ein weiteres Problem tritt auf

Der medizinische Hintergrund: Der Fremdknochen gewährleistet so lange eine ausreichende Stabilität, bis das ebenfalls verpflanzte (vitale) Wadenbein eingewachsen ist und fortan die Gewichtsbelastung selbst übernehmen kann. Der Fremdknochen wird dann im Laufe der Zeit durch körpereigenes Knochengewebe ersetzt.

Damit das verpflanzte Wadenbeinstück in den verbliebenen Oberschenkelknochen einwachsen kann, mussten plastische Chirurgen die Kombination an die Blutversorgung anschließen. Nur so kann sich praktisch aus dem alten Knochen heraus ein neuer bilden.

Das alles klingt schon kompliziert genug, aber die Experten mussten noch ein weiteres kniffliges Problem lösen: Der Tumor reichte bis auf Haaresbreite an die sogenannte Wachstumsfuge von Jojos Oberschenkel heran. Diese sollte auf keinen Fall beschädigt werden, um das weitere Knochenwachstum des damals Vierjährigen an dieser Stelle nicht zu gefährden. „Die Wachstumsfuge trägt zu 70 Prozent zum Wachstum des Oberschenkels bei“, erläutert der Orthopäde Dr. Ulrich Lenze, der die Details für Josefs Operation im Vorfeld akribisch geplant hat.

Um den Tumor so exakt wie möglich entfernen zu können, ließen die Münchner Mediziner für die OP bei der belgischen Spezialfirma Materialise maßgeschneiderte Schnittschablonen anfertigen. Auch beim Zurechtsägen des Fremdknochen setzten die Münchner Mediziner derartige Hightech-Hilfsmittel aus Belgien ein. Und schließlich nutzten sie eine speziell hergestellte Platte, um die einzigartige Knochenkombination an Josefs Oberschenkel zu befestigen. „All diese Vorbereitungen haben sich ausgezahlt, und während der OP haben alle Arbeitsschritte prima geklappt“, berichtet von Eisenhart-Rothe.

Nach dem erfolgreichen Eingriff muss sich zweierlei zeigen: Ist der Knochen stabil? Und: Wächst er mit Josef mit? „Wie gut das funktioniert, können wir zwar erst in circa zwei Jahren genauer beurteilen, wenn wir die Platte am Knochen entfernen“, so der Cheforthopäde. „Aber mit Blick auf den OP-Verlauf haben wir allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen.“

Dabei können auch schöne Erinnerungen helfen. Auf Fotos in den Familienalben der Grafs sind sie gegenwärtig. Ein besonders schönes Bild zeigt Jojo, der gerade stolz einen Maikäfer in seinen Händen präsentiert. Und Maikäfer sollen ja Glück bringen.

Andreas Beez

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