Klimawandel

Warum München der Hitzekollaps droht

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Fieberschübe: Die Grafik des Deutschen Wetterdienste zeigt, an wie vielen Tagen im Jahr die Temperaturen in München über 30 Grad stiegen. 2003 und 2015 gab es erstmals mehr als 30 Hitzetage.

München - München stehen heiße Zeiten bevor: Der Klimawandel wird den Stadtbewohnern mehr Hitze bescheren, als ihnen lieb ist. Die Verwaltung steht vor einem Dilemma: Viele Maßnahmen, die der Aufheizung entgegenwirken, vertragen sich nicht mit ehrgeizigen Wohnungsbau-Zielen.

Die Temperaturen steigen von Jahr zu Jahr, und in München ist der Effekt besonders groß: „Durch die dichte Bebauung und den hohen Versiegelungsgrad ergibt sich ein, Wärmeinseleffekt‘ mit durchschnittlich 2 bis 3 Grad Temperaturdifferenz zum Umland“, heißt es in einer Stadtratsvorlage des Referats für Gesundheit und Umwelt (RGU), die heute im Plenum behandelt wird.

„Selbst wenn die ehrgeizigeren Klimaziele von Paris eingehalten werden, wird sich das Klima dennoch verändern“, sagte Umweltreferentin Stephanie Jacobs (parteilos) in der jüngsten Ausschusssitzung. „Dies zeigen schon jetzt die Veränderungen von Temperatur und Niederschlägen. 2015 hatten wir das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in München – mit 33 Hitzetagen.“ An sogenannten Hitzetagen liegt das Temperaturmaximum mindestens bei 30 Grad.

Es könnte 72 Tage über 25 Grad haben

Die Stadt heizt sich auf: Die Grafiken zeigen die Zahl der Sommertage mit mehr als 25 Grad im bisherigen Mittel (links) und in Prognosen des Deutschen Wetterdienstes.

Besonders groß, so Jacobs, sei dieser Unterschied nachts, wenn die Luft in den Häuserschluchten kaum mehr abkühlt: Bis zu zehn Grad wärmer als im Umland kann es dann in der Innenstadt bleiben. Ein echtes Problem für die Münchner, denn, so das RGU: „In Nächten mit Temperaturen über 20 Gad ist die Regenerationsfähigkeit eingeschränkt.“ Mediziner erwarten als Folge eine Zunahme von Herz-Kreislauferkrankungen und Atemwegsbeschwerden. „Besonders betroffen sind ältere Menschen und Kinder“, so das RGU.

Ungesund heiße Nächte wird es im Zuge des Klimawandels immer häufiger geben, wie Rechenmodelle des Deutschen Wetterdienstes nahelegen. Eine Kenngröße ist die Zahl der Sommertage mit Temperaturen über 25 Grad. In Wald- und Wasserflächen außerhalb der Stadt lag dieser Wert im Zeitraum 1971 bis 2000 unter 20. In dicht bebauten Stadtbezirken und insbesondere der Innenstadt gab es dagegen mehr als 40 Sommertage pro Jahr – Tendenz steigend. In den kommenden Jahrzehnten, so das RGU, müsse man sich im Stadtzentrum „im günstigsten Fall auf zusätzliche 16 Sommertage (insgesamt 59), im ungünstigen Fall auf zusätzliche 29 Sommertage (insgesamt 72)“ einstellen. Tage mit mehr als 30 Grad, in früheren Zeiten eher selten, gibt es immer häufiger: 2015 brachte mit 33 Hitzetagen, gemessen am Botanischen Garten, einen neuen Allzeit-Rekord.

Die Stadt heizt sich auf: Die Grafiken zeigen die Zahl der Sommertage mit mehr als 25 Grad im bisherigen Mittel (links) und in Prognosen des Deutschen Wetterdienstes.

Linderung bringt ein Phänomen, das Meteorologen als „alpines Pumpen“ bezeichnen: Bei windschwachen Wetterlagen strömt tagsüber warme Luft Richtung Alpen. Nachts dreht sich die Richtung um, ein kühler Wind aus Süd/Südost bringt Erfrischung. „Das ,alpine Pumpen‘ hat einen deutlichen Einfluss auf das Stadtklima von München und trägt sowohl nachts als auch tagsüber zu einer Abkühlung bei“, schreibt das RGU. Der frische Wind weht jedoch nur dort, wo ihm Schneisen ohne hohe Bebauung offen gelassen werden.

Auch Grün- und Wasserflächen sind wichtig: Messfahrten des DWD in einer windstillen Nacht ergaben, dass die Luft an der Isar um drei Grad, im Englischen Garten immerhin noch um ein Grad kühler war als am Messpunkt München-Stadt. Auf der Nymphenburger Straße lag die Temperatur bis zu drei Grad über dem Referenzwert – eine deutlich spürbare Spanne von sechs Grad. „Die dicht bebauten Bereiche im Stadtzentrum sind wesentlich wärmer als locker bebaute bzw. gut durchlüftete Bereiche“, konstatiert der Bericht.

„Wir stellen unsere Politik auf zwei Säulen: Klimaschutz und Klimaanpassung“, sagt Jacobs. „Zum einen muss durch aktiven Klimaschutz der Klimawandel eingebremst werden. Zum anderen befassen wir uns mit den unabwendbaren Folgen des bereits laufenden Wandels für München und erarbeiten Maßnahmen, um die Stadt an diese Veränderungen anzupassen. Damit sich unsere Stadt nicht zu sehr aufheizt, wollen wir mit unserem Maßnahmenkatalog vor allem bestehende Grünräume erhalten, weitere schaffen und wenn möglich Flächen entsiegeln. Die Renaturierung von Bächen und Flüssen und Wasser als städtebauliches Gestaltungselement bringen an heißen Tagen ebenfalls Abkühlung.“

Die Wasserversorgung der Stadt ist in Gefahr

Seit 2013 erarbeitet die Verwaltung im Auftrag des Stadtrats Maßnahmenkonzepte. Handlungsbedarf besteht in vielerlei Hinsicht, und Zielkonflikte sind absehbar: So erfordert die langfristige Siedlungsentwicklung laut RGU „zusätzliche Flächen für den Wohnungsbau“, gleichzeitig werde aber „auch die Erhaltung und Entwicklung von Freiraumqualitäten im Stadtgebiet zu einer immer größeren Herausforderung und gleichzeitigen Notwendigkeit“. Im Klartext: Irgendwann wird die Stadt sich entscheiden müssen, was wichtiger ist: Wohnungsbau oder Grünflächen gegen den Hitzekollaps.

Die Stadt heizt sich auf: Die Grafiken zeigen die Zahl der Sommertage mit mehr als 25 Grad im bisherigen Mittel (links) und in Prognosen des Deutschen Wetterdienstes.

Konkret schlägt das RGU den „Ankauf von weiteren Grundstücken“ vor, weil zusammenhängende Grünflächen „eine wichtige Funktion für den groß- und kleinräumigen Luftaustausch“ in der Stadt hätten. Das Mikroklima müsse bei Planungsprozessen stärker beachtet werden, klimawirksame Begrünung, insbesondere Hof- und Dachbegrünung, sei zu fördern. Die Grünflächen selbst müssen, unter anderem durch die Auswahl geeigneter Pflanzen, für die bevorstehenden extremeren Temperaturen und Niederschläge fit gemacht werden. Selbst die Konstruktion, Isolierung und Klimatisierung von Gebäuden sollte nach Ansicht des RGU im Licht des Klimawandels optimiert werden.

Den Bürgern sollen Trinkbrunnen an frequentierten Plätzen helfen, gut durch die heißen Sommer zu kommen. Dazu soll es ein Pilotprojekt geben. Außerdem plant das RGU Info-Kampagnen zum richtigen Verhalten bei Hitze. Die Experten halten es sogar für denkbar, dass Münchens Wasserversorgung in einer Hitzeperiode zusammenbrechen könnte. Sie schlagen vor, Notfallbrunnen zu ertüchtigen. Die sind eigentlich für den Verteidigungsfall angelegt, sollten nun aber „im Fall klimabedingter Extremereignisse zur Versorgung der Bevölkerung verwendet werden“ können.

Um bestehende Arbeitsgruppen fortzuführen und weitere Untersuchungen zu ermöglichen, gab der Umweltausschuss bis 2019 insgesamt 455 000 Euro frei.

Info: Fernkälte lässt Hitze im Untergrund verschwinden

Ein weithin unbekanntes Rohrleitungsnetz in Münchens Untergrund könnte im Zuge des Klimawandels an Bedeutung gewinnen: Die Fernkälte der Stadtwerke München (SWM), die ähnlich wie Fernwärme funktioniert. 

Vereinfacht gesagt, zapfen die SWM die unterirdisch geführten Stadtbäche an, um mit deren Wasser dort zu kühlen, wo zu viel Wärme anfällt, etwa in Büros und Rechenzentren. Das ist umweltfreundlicher als elektrisch betriebene Klimaanlagen. 

Auch Grundwasser wird als Kältequelle genutzt, vor allem dort, wo es ohnehin schon in sogenannten Dükern unter den U-Bahnröhren hindurchgeleitet wird und ohne Aufwand gefördert werden kann. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum von BMW (FIZ) im Münchner Norden wird auf diese Weise umweltfreundlich klimatisiert. „Unser Focus beim Ausbau des Fernkältenetzesliegt auf Gewerbe und Handel“,sagt SWM-Sprecher Michael Solic. Der Grund: Dort herrscht größerer und konstanterer Bedarf als in Wohnhäusern. Doch auch einzelne Wohnungen werden in München bereits mit Kälte aus dem Untergrund klimatisiert: „Die ganze Hofstatt einschließlich der darin enthaltenen Wohnungen ist an unser Fernkältenetz angeschlossen“, berichtet Solic. In diesem Fall wird die überschüssige Wärme in den Westermühlbach abgeleitet. Zwar dürfen Stadtbäche und Grundwasser nicht unbegrenzt aufgeheizt werden, doch Solic versichert: „Das Potenzial ist noch lange nicht erschöpft.“

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