Zwei Münchner Häuser im Fokus

Die Klinik-Brennpunkte in München

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Das Klinikum Harlaching: Einige Pfleger kritisieren, dass es hier oft zu wenig Personal auf den Stationen gibt. „Fehler sind dann nur eine natürliche Folge“

München - Ob Klinikum Harlaching oder Schwabinger Krankenhaus: In Münchens Kliniken knistert's derzeit. Ein Überblick.

Die Nerven liegen blank im Klinikum Harlaching. Eine Pflegerin beschimpft einen Patienten wüst, erniedrigt ihn. Ein demenzkranker Mann möchte auf die Toilette, das Personal lässt ihn nicht. Es sind verstörende Szenen, die der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und sein Team vor drei Monaten in einem TV-Bericht dokumentiert hatten (tz berichtete).

Das Klinikum wiegelte ab, sprach von Einzelfällen. Jetzt aber werden neue Vorwürfe laut. Patienten und Angehörige geben an, schlecht behandelt worden zu sein. Pfleger sagen, sie seien heillos überfordert, weil an allen Ecken und Enden gespart wird. Und sogar Ärzte schlagen Alarm. Sie sind sich einig: So kann und darf es nicht weitergehen. 

Harlachinger Krankenhaus

Kranke Mutter entlassen?

Gerlinde N. (68) ist fassungslos: „Meine demenzkranke 94-jährige Mutter wurde mit einer nicht abgeheilten Blasenentzündung aus dem Krankenhaus entlassen“, schimpft N. „Bei sieben Grad. Sie trug Nachthemd und Hausschuhe – ohne Socken, ohne Jacke!“ Die Klinik widerspricht dieser Darstellung.

Gerlinde Noelp (68) mit ihrer Mutter Sophie Offenbaecher (94) die im Krankenhaus Harlaching medizinisch schlecht behandelt wurde.

Was ist passiert? N.s Mutter, Sophie O. (heute 95), wird am 6. Dezember 2015 ins Krankenhaus Harlaching eingeliefert. Die 94-Jährige war daheim zusammengebrochen, in der Klinik wird ein Harnwegsinfekt und Nierenversagen festgestellt. N., ihr Bruder und die Schwägerin entscheiden: Mutter braucht Betreuung, sie muss in ein Altenheim. Am 14. Dezember, ein Montag acht Tage nach ihrer Einlieferung, soll O. umziehen. Ihre Familie fragt in der Klinik an, ob die 94-Jährige bis dahin im Krankenhaus bleiben könne. Die Antwort einer Ärztin: „Nein, wir sind keine Versorgungsanstalt.“ So erzählt es N. Am 11. Dezember wird ihre Mutter aus dem Krankenhaus entlassen.

Es gebe „beinahe täglich Gespräche mit Patienten und Angehörigen, die länger im Krankenhaus bleiben wollen“, erklärt die Klinik auf Nachfrage der tz. „Leider können wir nicht alle Patienten so lange stationär aufnehmen, wie es diese gerne möchten.“ N. versteht diese Praxis nicht. „Warum ­mutet man einer kranken 94-jährigen Frau zwei kraftraubende Transporte innerhalb weniger Tage zu?“

Das ist nicht alles, was N. empört. Sie wirft der Klinik vor, ihre Mutter zu früh entlassen zu haben. „Die Blasenentzündung war noch nicht abgeheilt“, sagt sie. „Meine Mutter war keineswegs mobil und auch nicht imstande, ohne Hilfe auf die Toilette zu gehen oder sich sonst zu versorgen.“ Die Klinik widerspricht: „Die Harnwegsinfektion der Patientin war auskuriert, und die Patientin ging bereits zwei Tage vor der Entlassung mit der Physiotherapeutin auf dem Flur spazieren.“

Dennoch: Sophie O. muss am 20. Dezember erneut ins Krankenhaus, diesmal nach Großhadern. Sechs Tage nach ihrer Entlassung aus Harlaching. Die Gründe: Nierenversagen, übermäßig hoher Blutzucker und wieder eine Blasenentzündung. Für ihre Tochter ist das der Beweis: Die Blasenentzündung war nicht abgeheilt. „Und der Transport im Nachthemd hat die Erkrankung verstärkt.“ In Harlaching sieht man das anders. Dass die Patientin Tage später erneut eingeliefert wurde, stehe „nicht im Zusammenhang mit dem Transport“.

Gerlinde N. ist fassungslos. „Die halten die Leute für dumm.“ Und: „Als sie meine Mutter aus Harlaching im Morgenmantel gebracht haben, hätt’s mich fast zerrissen.“ Antwort der Klinik: „Ist keine nutzbare Kleidung vorhanden, werden Patienten bei Entlassung in einem Patientenmantel bekleidet.“ Außerdem sei eine Decke verwendet worden. Der Haken an der Sache: Die Seniorin hatte eigene Kleidung – ihre Tochter hatte sie in die Klinik gebracht: „Der Morgenmantel meiner Mutter befand sich in einer mitgelieferten Plastiktüte. Das restliche Gewand gehörte einer anderen Patientin.“ N. musste die richtige Kleidung selbst abholen. Kommentar der Klinik: Die Bekleidung sei bei der Entlassung „nicht richtig zugeordnet“ worden. „Dafür entschuldigen wir uns.“

Eines ist N. aber wichtig: Ihr Zorn richtet sich nicht gegen alle Kliniken: „Die Behandlung in Großhadern war sehr gut.“

Pfleger schimpfen: „Wir sind überlastet“

Was ist los im Klinikum Harlaching? Pflegekräfte seien offensichtlich überfordert, Krankenzimmer schmutzig, Patienten werden beschimpft. Die Geschäftsführung wehrte sich gegen die RTL-Vorwürfe: „Das sind Einzelfälle“, so die Aussage. „Hier wird zugespitzt!“ Wirklich? Bei der tz haben sich gleich drei Pflegekräfte aus dieser Klinik gemeldet, die die Missstände bestätigen. „Wir sind total überlastet – und keiner hilft!“

Seit mehreren Jahren arbeiten die drei in Harlaching – alle auf der Station, die in dem RTL-Beitrag gezeigt wurde. „Auch die letzten Wochenenden waren wir wieder zu zweit für 25 Patienten zuständig“, erklärt das Personal im Februar. Ihre Namen sollen hier zum Schutz nicht genannt werden. „Das ist irre. So muss es zu Pflegefehlern kommen.“ Zur Erklärung: Kurz nach dem Film betonte die Klinik­leitung, dass diese Unterbesetzung nur selten der Fall sei. Wenn etwa jemand überraschend krank wird. „Das stimmt nicht. Und uns wird auch klar gesagt, dass es nicht mehr Personal geben wird. Aus finanziellen Gründen“, so die Angestellten.

In dem RTL-Beitrag wird unter anderem eine Pflegerin gezeigt, die einen Patienten wüst beschimpft. Nach der Ausstrahlung betonte die Geschäftsführung, dass man sich längst von dieser Person getrennt habe. Ein glatter Rauswurf? Naja – wie die tz erfuhr, kündigte die Pöbel-Pflegerin selbst, nachdem sie einen anderen Job gefunden hatte. Was die Klinik dazu sagt? Man habe der Dame vorher nahegelegt, sich etwas anderes zu suchen.

Die drei Pflegekräfte sind verzweifelt: „Wir sind erschöpft, viele von uns pfeifen aus dem letzten Loch.“ Rund 1600 Euro verdient sie übrigens netto im Monat (ohne Einberechnung von Nacht- oder Sonder-Schichten). Wie die Situation verbessert werden könnte? „Wir brauchen einen anderen Pflegeschlüssel. In England oder Schweden ist eine Pflegekraft für sechs Patienten zuständig – bei uns sind es zehn.“ Aber: Die Krankenhäuser wollen keinen besseren Pflegeschlüssel. Zu teuer! Das gilt für ganz Deutschland.

Die Geschäftsführung der städtischen Kliniken sieht es übrigens nicht negativ, dass sich Pflegekräfte an die tz gewandt haben: „Innerhalb unseres Einflussbereiches arbeiten wir gemeinsam mit den Pflegekräften an Lösungen, wie wir bestmögliche Rahmenbedingungen schaffen können – unter den gegebenen Voraussetzungen“, so Sprecher Raphael Diecke. Daher sei die Rückmeldung von Mitarbeitern nicht ein Abbild einer mangelnden Versorgung im Klinikum Harlaching, sondern Sprachrohr für die Pflege im Allgemeinen in Deutschland.

Schwabinger Krankenhaus

Demo gegen den Umbau

Mehr Patienten, weniger Plätze: Das kann nicht funktionieren, finden zumindest die rund 40 Bürger, die sich am Samstag zur stillen Mahnwache vor dem Schwabinger Klinikum versammelt haben. Mit im Gepäck hatten sie jede Menge Plakate, auf denen Sätze wie „Mehr Platz für Notfallpatienten“ oder „Profitdenken macht krank“ standen. Der Grund für die Demonstration: das neue Notfallzentrum, das im Münchner Norden gebaut werden soll.

Demonstration gegen den Klinik-Umbau: Gut 40 Münchner versammelten sich am Samstag mit ihren Plakaten vor dem Schwabinger Krankenhaus.

Denn so mancher Münchner befürchtet, dass mit dem Neu- und Umbau der Schwabinger Klinik (sie wird dadurch auch um einiges kleiner) die Notfallmedizin im Norden regelrecht zusammenbricht. Besonders ältere Menschen müssten dann per Sanka in andere Kliniken weit gefahren werden. Tatasache ist: Die neusten Pläne verraten, dass das Zentrum nicht wie ursprünglich einmal angekündigt größer und familienfreundlicher werden soll. „Stattdessen ist das genaue Gegenteil der Fall“, empört sich Ingrid Seyfarth-Metzger (68), Vorsitzende des Vereins Bürger für unser Münchner Stadtklinikum.

Schließlich sollen die geplanten Räumlichkeiten „aus finanziellen Gründen“ nur noch 95 Betten beherbergen. Zum Vergleich: Der bestehende Altbau bietet immerhin 283 Betten Platz. Somit könnte das neue Notfallzentrum nicht einmal die derzeitig stationierten Patienten angemessen versorgen. Und das, obwohl dem Klinikum schon jetzt zahlreiche Beschwerden über die langen Wartezeiten in den Notaufnahmen vorliegen. „Das können und wollen wir nicht einfach hinnehmen“, so Seyfarth-Metzger. Es gehe hier um die Menschen – nicht nur Profit. 

sb

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