Schlagbauer von allen Ämtern zurückgetreten

Koks, Ehe-Aus, Rotlicht: Der tiefe Fall des Wiesn-Stadtrats

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Politiker und Funktionär: Georg Schlagbauer gilt als großes Nachwuchstalent mit modernen Ideen.

München - Paukenschlag im Stadtrat: Handwerkskammer-Chef und CSU-Hoffnungsträger Georg Schlagbauer versinkt im Drogen- und Rotlichtsumpf! Die Hintergründe:

Donnerstag erklärte der 44-Jährige seinen Rücktritt – offiziell heißt es „aus dringenden gesundheitlichen und familiären Gründen“. So ließ es Schlagbauer über seinen Anwalt mitteilen. Zum Schutz seines Privatlebens und seiner Familie wolle er keine weiteren Angaben machen. Doch die Ursachen gehen viel tiefer: private Probleme, Sex, Drogen – eine menschliche Tragödie. Das Drama Schlagbauer – die tz erklärt die Hintergründe!

Der Rücktritt

Die Nachricht schlug Donnerstag aus heiterem Himmel ein: Georg Schlagbauer tritt von all seinen Ämtern zurück! Nur ein ganz kleiner Kreis war darüber informiert. Sowohl bei der Handwerkskammer als auch in großen Teilen der CSU wurde man von Schlagbauers Rückzug völlig überrascht „Wir sind fassungslos“, so ein Stadtrat zur tz. Doch die Partei, die zuerst von Drogen-Vorwürfen erfuhr und dann auch noch von Rotlicht-Verbindungen, rückte rasch von Schlagbauer ab.

Der Politiker

Metzgermeister und Handwerksfunktionär Georg Schlagbauer in seinem Geschäft.

Georg Schlagbauer hatte sich zu einer Kapazität in der Münchner Politik gemausert, er galt als große Nachwuchshoffnung der CSU. Aus Parteikreisen heißt es, „die Art, wie er sich nach oben gearbeitet hat, ist phänomenal“. Georg Schlagbauer galt auch als designierter Kandidat für den neu geschaffenen Wahlkreis München-Mitte 109 für die Landtagswahl. Schlagbauer war nicht nur Wiesn-Stadtrat, sondern auch seit 2014 Präsident der Handwerkskammer, wo er als ein Mann geschätzt wurde, der in die Zukunft schaut. Er war auch Landesinnungsmeister und stellvertretender Bundesinnungsmeister des Fleischerverbandes. Zu viel der Ämter? Aus Rathaus-Kreisen war zu vernehmen, dass absehbar war, dass Schlagbauer sich offenbar mit all den Ämtern und Funktionen zu viel zugemutet hat. So mancher neidete Schlagbauer auch darum, dass ihm die Türen von Ministerpräsident Horst Seehofer, Verbraucherpräsidentin Ilse Aigner oder Innenminister Joachim Herrmann (alle CSU) immer offenstanden.

Die menschliche Krise

Von seiner Ehefrau Manuela hat sich Schlagbauer vor Monaten getrennt.

Georg Schlagbauer wurde am 30. April 1972 in München geboren. Er ist verheiratet, lebt aber seit etwa einem Jahr nicht mehr bei seiner Frau. Motiv für die Trennung: Offenbar war Schlagbauer zu selten zu Hause, weil ein Termin den anderen jagte. „Die Trennung von seiner Frau hat ihn zusätzlich sehr mitgenommen“, sagt ein Stadtrat. Schlagbauer soll ausgezogen sein und mittlerweile mit einer neuen Lebensgefährtin zusammengezogen sein. Der 44-Jährige hat auch noch einen Beruf, Chef eines Metzgereifachgeschäftes in der Isarvorstadt mit einer Filiale am Viktualienmarkt. „Er kämpft jeden Morgen ab 5 Uhr, ist im Dauerstress“, sagt ein Insider. In der Handwerkskammer genießt Schlagbauer einen guten Ruf. „Er war ein super Chef, umgänglich. Die Arbeit hat enorm Spaß gemacht.“ Gleichzeitig war das Verhältnis zu seinem Vater, dem das Mutterhaus der Familie an der Müllerstraße gehörte, nicht besonders gut. Zumal der das politische Engagement seines Juniors mit Argwohn betrachtete und die Metzgerei nicht seinem Sohn überschrieb.

Die Drogen

Familiäre Probleme, die Belastung durch Job und Ämter. Georg Schlagbauer konnte das Pensum ohne Kokain wohl nicht mehr stemmen. Den Konsum hat er offenbar bereits bei der Polizei zugegeben. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen ihn wegen des Erwerbs von Betäubungsmitteln. OB Dieter Reiter (SPD) soll aufgrund des Vorfalls am Mittwoch vom Polizeipräsidenten persönlich aus einer Sitzung des Personalausschusses herausgeholt worden sein. „Worum es da ging, konnte man nur mutmaßen, aber jetzt fügt sich das Bild zusammen“, sagt ein Stadtrat. Ferner wird ermittelt, wann von wem und wie oft Schlagbauer Drogen bezogen und wo er sie konsumiert hat. Schlagbauer stellte Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei allerdings keine Drogen.

Denn konsumiert hat Georg Schlagbauer – nach eigenem Bekunden – die Drogen im Rotlichtmilieu. Im Club Extasia in Trudering soll er das Kokain erhalten haben. Mittwochnacht gegen 22 Uhr rückte die Polizei auch dort an. Die Beamten durchsuchten das Edel-Bordell. Gefunden haben sie eine ganz geringe Menge Kokain bei einer Frau. Aus Polizeikreisen heißt es, dass es durchaus üblich ist, Dealer bei Bedarf ins Haus kommen zu lassen.

Die Besuche im Bordell

Im Nachtclub „Extasia“ in Trudering soll Schlagbauer ein- und ausgegangen sein.

Offenbar ging es bei den Nachtclubbesuchen nicht nur um Drogen: Die Club-Betreiber sollen Schlagbauer gegenüber Forderungen über 14.000 Euro erhoben haben. Schlagbauer hielt die Summe demnach für überzogen – sodass es Streit gab. Schlagbauer gab bei der Polizei an, er habe sich nicht mehr länger „erpressen“ lassen wollen von dem Clubbetreiber. Die tz war gestern vor Ort und befragte eine der Prostituierten zu Schlagbauer: „Der war regelmäßig hier.“ Die Frau kommt aus Rumänien, spricht gebrochen Deutsch. Mit Schlagbauer selbst habe sie nie etwas zu tun gehabt, gesehen habe sie ihn aber öfter: „Probleme, Probleme, Nix gezahlt!“

Schlagbauer selbst war Donnerstag nicht zu sprechen. Er ließ seinen Anwalt Michael Philippi ausrichten: „Privates hat zu keinem Zeitpunkt Auswirkungen auf sein Amtsführung gehabt.“ Das wäre dann auch das nächste Drama.

So reagieren Wirte und Parteikollegen

Kokain! Der Rücktritt von Handwerkskammer-Präsident und Wiesn-Stadtrat Georg Schlagbauer hat für ein Beben gesorgt – nicht nur in der Partei. Auch die Wiesn-Wirte sind geschockt. Die tz hat einige Reaktionen zusammengefasst:

Matthias Reinbold, Wirt Schützenzelt und Zum Franziskaner: „Am Sonntag hätten wir eine Veranstaltung mit Georg Schlagbauer gehabt. Die wurde am Donnerstag vom Reservierungs-Büro abgesagt. Ich war total überrascht vom Rücktritt.“

Toni Roiderer, Sprecher der Wiesn-Wirte: „Ich bin erschüttert. Für mich war Georg Schlagbauer ein Vorzeigepolitiker, Ehrenmann und Handwerker, dem die Zukunft gehört. Er hat im Stadtrat seinen Job gut gemacht. Für ihn und die Familie ist die Situation jetzt schlimm.“

Ricky Steinberg, Hofbräu-Wirt: „Ich bin schockiert, ich hätte so etwas nie gedacht.“

Ludwig Spaenle, Bezirksvorsitzender der CSU: „Der Rücktritt von Georg Schlagbauer ist notwendig und unausweichlich. Es stehen schwerwiegende Vorhaltungen im Raum, die umfassend aufzuklären sind.“

Bürgermeister Josef Schmid: „Georg Schlagbauers Rücktritt von allen öffentlichen Ämtern ist der Sachlage angemessen und folgerichtig. Ich wünsche ihm, dass er nun die Zeit und Ruhe findet, seine persönlichen Probleme in den Griff zu bekommen.“

CSU-Vize-Fraktionsvorsitzender Manuel Pretzl: „Wir wünschen ihm, dass er diese für ihn und seine Familie existenzielle Krise meistern kann.“

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer: „Das ist wieder eine äußerst betrübliche Nachricht. Die Sache ist sehr ernst und sehr ärgerlich.“

Sex-Affären: Die CSU kommt nicht zur Ruhe

Der nächste Schock für die CSU: Denn nur 48 Stunden vor Georg Schlagbauer war Landtagsabgeordneter Michael Brückner zurückgetreten. Grund: Sex mit einer Jugendlichen. Der Kontakt zu dem Mädchen sei über Inserate des Mädchens zustande gekommen, heißt es in einer schriftlichen Erklärung des Abgeordneten. Er habe das Mädchen bezahlt, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Ermittelt wird gegen den 51-Jährigen aus Nürnberg freilich trotzdem: wegen sexuellen Missbrauchs. „Er hat einen gewaltigen Fehler gemacht, und für den muss er auch die vollen Konsequenzen tragen“, sagte Ministerpräsident Horst Seehofer.

Johannes Welte, Sascha Karowski, Dorita Plange, Jasmin Menrad, Ramona Weise

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