„Vielleicht möchte einer, dass es untergeht“

Riesen-Papierschiffe auf der Isar: Das steckt dahinter

München - Am Samstag sollen fünf Meter große Papierschiffe auf der Isar schwimmen – was dahinter steckt, erklärt Künstler Frank Bölter im Interview mit dem Münchner Merkur.   

Papierschiffe sind sicher schon einmal die Isar entlanggeschwommen – aber wohl nie so große: 120 Firmlinge der Katholischen Jugendstelle Innenstadt wollen am kommenden Samstag, 30. Januar, fünf Meter große Exemplare falten und zu Wasser lassen – unter Anleitung des Kölner Künstlers Frank Bölter. Wir haben mit dem 45-Jährigen über sein Projekt gesprochen.

Haben Sie für die Papierschiffe im Großformat eine eigene Falttechnik entwickelt?

Nein. Das geht genauso wie bei den kleinen Papierschiffen. Nur sorgfältig sollte man sein. Die Präzision ist ein Garant dafür, dass das Boot möglichst stabil ist. Ich weiß nicht, wie genau die Firmlinge falten. Vielleicht möchte ja auch einer, dass das Schiff untergeht und macht ein Loch rein – das gehört alles dazu. Man kann das nicht kontrollieren und muss den Dingen ihren Lauf lassen.

Wie oft werden Sie zum Schifffalten bestellt?

Ich mache das seit 2005, meistens zwei Mal pro Jahr, an Orten auf der ganzen Welt. Ich war schon in Paris, London, Sri Lanka, Montreal. Papierschiffe kennt jeder. Und im großen Format erzeugen sie viel Interesse.

Ein überdimensionales Papierschiff – Sie sind Künstler, was steckt da dahinter?

Überdimensionale Papierschiffe sollen am Samstag auf der Isar fahren. Künstler Frank Bölter hat es schon im Meer ausprobiert.

Was mir wichtig ist an dem Projekt: Dass eine Gemeinschaft konstruiert wird, ein Gemeinschaftsgeist. In Sri Lanka beispielsweise war das so: Die Leute hatten sich vorher noch nie gesehen. Aber die haben sich für das Bootfalten so engagiert, dass sogar eine Reise auf dem Pazifik möglich war. Das geht nur, wenn die Gemeinschaft gut zusammenarbeitet. Das passiert durch dieses Papierschiffchen: Jeder hat als Kind schon mal eins gemacht. Vielleicht hat man inzwischen vergessen, wie das Falten geht, aber einer ist immer dabei, der’s noch weiß. Das setzt so viel Freude am gemeinschaftlichen Tun frei – das macht mir dann auch großen Spaß.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Morgens auf der Suche nach Milch für meinen Kaffee fand ich die Schere nicht und habe die Milchtüte aufgerissen – dabei ist mir aufgefallen, dass das ein interessanter Materialmix ist: Papier mit Aluminiumbeschichtung, ummantelt mit Kunststoff. Aus diesem Material ist so viel mehr möglich – aber wir schmeißen es einfach weg und produzieren Müll. Mit den Schiffen wollte ich auch darauf aufmerksam machen.

Aber die Boote bestehen nicht aus alten Milchtüten, oder?

Nein, ich hole mir Papierrollen aus einer Fabrik, in der Getränketüten hergestellt werden. Die Rollen muss ich vorher auf Maß schneiden. Den Rest macht man dann mit den Händen. Sonst braucht man nichts – keinen Kleber oder sowas.

Wie lange können die Boote auf dem Wasser überdauern?

Das ist jedes Mal anders. Ich kann da keine Prognose geben. Das hängt von vielen Faktoren ab: wie gut die Gemeinschaft zusammenarbeitet ist total wichtig für die Länge der Reise. Wind und Wetter haben ihren Einfluss. Oder wenn ein Steinchen im Untergrund ist, kommt schon mal ein Loch rein. Ich habe erlebt, dass ein Schiff nach fünf Minuten untergegangen ist – war aber auch schon tagelang damit unterwegs.

Tagelang unterwegs?

Ja, ich bin schon mal mit einem solchen Boot von Frankreich nach Deutschland gefahren. Vom Kloster Cîteaux, dem Gründerkloster des Zisterzensier-Ordens in Burgund, bis zu einem ehemaligen Tochterkloster in Norddeutschland.

Dürfen die Jugendlichen die Boote am Samstag auch selbst besteigen?

Klar, das gehört mit dazu. Meine Erfahrung ist jedoch, dass am Ende oft der Mut fehlt oder das Vertrauen in die eigene Arbeit. (Lacht) Aber es findet sich eigentlich immer jemand, der wagemutig genug ist.

Die Papierschiffe

sollen am Samstag, 30. Januar, voraussichtlich gegen 16 Uhr auf Höhe des Müllerschen Volksbads in die Isar gelassen werden.

Rubriklistenbild: © Alexander Battrell (fkn)

Janina Ventker

Janina Ventker

E-Mail:janina.ventker@merkur.de

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