Der Hüne unterm Hirschgarten

Geheimes München: Europas größtes Regenrückhaltebecken

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Die Regenrückhaltebecken liegen bis zu 16 Metern unter der Erde.

München - Die tz stellt in dieser Serie die Flecken Münchens vor, die normalerweise der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Wir blicken hinter die Kulissen. Heute: Der Hüne unterm Hirschgarten.

München ist die Hauptstadt des Regens! In keiner anderen deutschen Metropole fällt so viel Jahresniederschlag wie bei uns an der Isar: rund 1000 Millimeter. Klar, dass das Wasser auch irgendwo hin muss. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass München auch noch einen anderen Rekord hält - bei den Regenrückhaltebecken.

Davon gibt es 14 in der Stadt mit einem Volumen von insgesamt 700.000 Kubikmetern. Das größte von ihnen: der Hüne unter dem Hirschgarten. Der allein kann 90.000 Kubikmeter Wasser aufnehmen. Es ist das größte Becken in Europa! "Vermutlich auch auf der Welt, aber genau wissen wir es nicht", sagt der Sprecher der Stadtentwässerung Marc Sancho Roth. Er hat für die tz die Tür aufgesperrt - und uns den Regenriesen erklärt.

Kondome und Damenbinden in 16 Metern Tiefe

Kondome, Ohrenstäbchen, Damenbinden. Die finden die Mitarbeiter hier in 16 Metern Tiefe immer mal wieder. Denn das Regenrückhaltebecken ist nicht nur für den Niederschlag, sondern nimmt auch Abwasser auf. Die Fachleute sprechen dann von Mischwasser.

Und auch Frösche verirren sich ab und an in die nachtdunkle Tiefe, 16 Meter unter der Erde. "Aber unsere Mitarbeiter sind sehr tierlieb und nehmen sie dann auch wieder mit nach oben", sagt Roth.

Das Hirschgarten-Becken ist etwas ganz Besonderes - nicht nur wegen der Maße von 210 mal 37 Metern. Denn: Es erstreckt sich zudem über vier Teilbecken auf zwei Stockwerken! Platzsparend! Bauzeit war zwischen 1992 bis 1995, Kostenvolumen: rund 92 Millionen Mark!

Mischwasser über Trennbauwerk in Teilbecken

Und so funktioniert das Ungetüm: Regnet es, die Kanäle werden voll, wird Mischwasser durch den Zulaufkanal über ein Trennbauwerk in das erste Teilbecken geleitet. Ist das voll, läuft das Wasser über eine Schwelle in das zweite Becken - und so weiter.

Das Kuriose am Hirschgarten-Giganten: Die Becken drei und vier liegen unter den Becken eins und zwei. Ist das Zweier-Becken voll, stürzt das Wasser in die Tiefe. Das geschieht durch so genannte Wirbelschächte, die man sich vielleicht als Spiralen vorstellt. Damit das Nass den Beton nicht kaputt macht, ist dieser Übergang wie eine Rutsche gebaut. Die Fachleute sprechen von einem Energievernichter.

Pumpen befördern Wasser nach Regen zurück

Sieben Pumpen befördern das Wasser zurück in den Kanal.

Sind alle Becken voll, ist immer noch ein bisschen Platz: Rund30 Zentimeter sind es noch bis zu den Decken. Und wenn der Regen wieder aufgehört hat, dann fließt das Wasser zurück in die Kanalisation - dafür sorgen sieben Pumpen, die das Wasser aus dem vierten Becken wieder ins dritte und von dort ins zweite nach oben befördern. Ist das Nass dort, dann fließt es quasi von alleine zurück, nachdem jemand die Schieber in den Zwischenwänden geöffnet hat. Denn die Becken sind mit einem Gefälle konstruiert. "Das Befüllen der Becken dauert eineinhalb Stunden", sagt Roth. "Das Leeren 24!" Gepumpt wird nachts, da ist der Strom günstiger.

Das Hirschgarten-Becken schwimmt übrigens im Grundwasser. "Wie der Rumpf eines Schiffes", sagt Roth. Oben auf dem Becken müssen daher immer mindestens 80 Zentimeter Erdreich liegen. Baggern verboten!

Als flute man ein Fußballfeld 70 Meter hoch

Früher hat man die Kanäle in einen Fluss entwässert, wenn sie übergelaufen sind. War kein Gewässer da, ist der Kanal eben übergetreten. Genau das will man mit den Regenrückhaltebecken verhindern. Dennoch: Das klingt ziemlich überdimensioniert! 14 Becken, 700.000 Kubikmeter - das ist in etwa so, als flute man ein Fußballfeld 70 Meter hoch! "Das ist einzigartig in Deutschland, was wir hier haben."

Und: Es wird zunehmend gebraucht! Schuld ist der Klimawandel. Mit der Zunahme von intensiven Regenereignissen ist zu rechnen. Und daher ist nicht auszuschließen, dass der Hüne unterm Hirschgarten nicht das größte Becken bleiben wird. Wohl aber eines der schönsten!

Geheimes München - die tz-Serie

Teil 1: Was sich unter dem Stachus verbirgt

Teil 2: Das größte Glockenspiel Deutschlands

Teil 3: Der Bunker an der Blumenstraße

Teil 4: Uralte Kostbarkeiten unter der Uni

Teil 5: Das Pumpenwerk unterm Hofgarten

Teil 6: Vier Verstecke unter der Stadt

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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