tz-Serie zum LKA-Jubiläum

Der Stoff, aus dem der Wahnsinn kommt

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Kriminalrätin ­Sigrid Kienle (39) kennt die verhängnisvollen Folgen der angeblich harmlosen Kräutermischungen, die bereits viele Tote forderten.

München - Das Landeskriminalamt Bayern feiert seinen 70. Geburtstag. Die tz beleuchtet die erschütterndsten Fälle. Heute geht es um das Thema Drogen.

Mit einem großen Tag der offenen Tür für alle ­Bürger feiert das Münchner Landeskriminalamt an seinem Hauptsitz in der Maillingerstraße 15 in Neuhausen am 11. Juni (10 bis 20 Uhr) sein 70-jähriges Bestehen. Faszinierende Einblicke garantiert: Es gibt Führungen und Vorträge zu den Themen Kriminaltechnik, Waffen, Sprengstoff, Urkundenfälschung, Mikrospuren, Chemie, DNA-Analytik, Phantombildzeichnung, Fingerabdrücke und vieles mehr. Zudem stehen im Hof Attraktionen wie Hubschraubersimulator, Tatortbus oder Lamborghini-Streifenwagen. Der tz gewährten die Spezialisten des LKA Einblicke in ihre Arbeit. Lesen Sie heute alles über die großen ­Gefahren der Drogen aus den ­bunten Tütchen:

So harmlos sieht er also aus, der potenzielle Tod aus dem bunten Tütchen mit dem aufgedruckten Sonnenaufgang. Nach Heuwiese duftende Blättchen rieseln heraus. In den Tabak gemischt und geraucht, verspricht der Hersteller „unwiderstehliches Wohlbefinden und absolute Entspannung“. Genauso gut könnte es allerdings auch sein, dass dies der letzte Sonnenaufgang des Rauchers war. Denn das ist der Stoff, aus dem die Albträume sind: Die Drogen mit dem harmlos klingenden Namen Legal Highs – Kräutermischungen und Badesalz-Kristalle – machen Ärzten, Sucht­beratungen und Polizisten größte Sorgen und haben längst auch Bayern überschwemmt. Im Münchner Landeskriminalamt beschäftigt sich Kriminalrätin Sigrid Kienle (39), Leiterin des Sachgebiets 611, mit den sogenannten Synthetischen Drogen und speziell mit den sogenannten NPS: den Neuen Psychoaktiven Substanzen.

Deren vieltausendfach variierende Zusammensetzungen ändern sich ständig, was die rasche Zuordnung zu den gesetzlich verbotenen Betäubungsmitteln so schwierig und zeitraubend macht. Ein Umstand, der von den meist in China ansässigen Chemo-Fabrikanten kalt lächelnd ausgenutzt wird. Sigrid Kienle: „Wir haben es hier nicht mit Hinterhof-Giftküchen zu tun. Hier sind gewinnorientierte Pharma- und Chemiekonzerne am Werk, die je nach Auftragslage neben Düngemitteln und Medikamenten eben auch in großen Mengen Kräutermischungen herstellen.“ 160 000 solcher Fabriken soll es dort derzeit geben.

„Die Erwartung ist hoch, der Absturz dann ganz nahe.“

Die getrockneten Blättchen dienen nur als Träger für die gefährliche Brühe aus synthetischen Cannabinoiden, in der die Blätter eingeweicht oder mit der sie besprüht werden. Ein Milliardengeschäft mit einem wirklich bösartigen Marketingkonzept: „Die bunten Tüten mit den lustigen Namen werden als günstiges, harmloses Naturprodukt und Drogenersatzstoff angepriesen und zielen voll auf die junge Kundschaft.“ Leider mit Erfolg.

Die Wirkung reicht von bestenfalls wirkungslos über stundenlange Horrortrips und Halluzinationen bis hin zu Herz-Kreislauf-Zusammenbrüchen mit teils lebenslangen Folgeschäden und Tod. In vielen Fällen werden statt der vielgepriesenen Entspannung wahrlich beängstigende Zustände beschrieben: „Die Erwartung ist hoch, der Absturz nahe. Viele Leute spielen völlig verrückt“, berichtet Sigrid Kienle, die die bayerischen Fälle sammelt: „Manche wälzen sich weinend und schreiend im Rinnstein. Andere reißen sich die Haare aus, rennen absichtlich gegen Laternenpfähle, springen aus dem Fenster oder greifen Helfer, Passanten und Polizisten an. Und andere brechen mit zum Teil lebensgefährlichen Herz-Kreislauf-Problemen zusammen.

Das der Drogentoten: Zwischen 20 und 40 Jahre

Das endet dann auf der Intensivstation und in der geschlossenen Psychiatrie.“ Und zuweilen auch auf dem Friedhof: „Die Zahl der Toten in Bayern hat sich im Jahr 2014 von zehn auf 21 im Jahr 2015 mehr als verdoppelt. Alle hatten den Stoff aus den Tütchen und Badesalz-Dosen konsumiert. Die Jüngsten sind etwa 20 Jahre alt, die Ältesten etwa 40. Wir finden das alarmierend.“

Denn die NPS sind im Gegensatz zu den altbekannten Killern wie Heroin, Kokain, Ecstasy und Crystal Meth noch relativ neu. Badesalz und Horror-Kräuter tauchten erst im Jahr 2007 auf dem deutschen Markt auf. Im Jahr 2012 gab es die ersten Todesfälle. Und die Zahl der NPS-Konsumenten scheint sprunghaft zu steigen.

In der Beliebtheit folgen Kräuter und Badesalz bereits auf Cannabis, Haschisch und Marihuana. Was viele völlig unterschätzen oder nicht wissen: Der Dreck aus dem Tütchen wirkt bis zu 100-mal stärker als Cannabis. Er betäubt Schmerzen, Angst und Sorgen.

Die Drogenfälle in den Psychiatrien steigen an

In diesen harmlos wirkenden Tütchen lauern Wahnsinn, Albträume, Sucht und Tod

Entsprechend steigt die Zahl der Psychiatrie-Patienten: „Die Suchtstationen in den bayerischen Bezirkskrankenhäusern vermelden, dass bereits jeder fünfte, mancherorts sogar jeder dritte Patient NPS-Konsument ist.“ Im Internet wird das Thema heiß diskutiert. User berichten von Verfolgungswahn, stundenlangen Horrortrips und tagelang andauernder Benommenheit. Was häufiger Konsum langfristig im Körper anrichtet, weiß niemand. Aber es kam bereits zu unberechenbaren Wechselwirkungen mit Medikamenten. Und: „Es besteht absolute Suchtgefahr.“ In manchen Fällen schreitet der Verfall schneller voran als bei der Horrordroge Crack. An Hersteller und Verkäufer heranzukommen, ist schwierig: „Die Legal Highs werden auf frei zugänglichen Internet-Portalen angepriesen wie Brausepulver.“

Drei Gramm für weniger als 30 Euro. Mit verheißungsvollen Namen wie Sweed, Jamaika Gold Supreme, Spice Arctic Synergie, Oh my God, Wild Dagga, Bonzai Summer oder Amazonas Vanilla im lustig-bunten Tütchen. Diskret verpackt. Einfach bezahlbar per Paypal oder Nachnahme. Überreicht vom freundlichen Postboten. Die Server der Anbieter stehen am anderen Ende der Welt – schwer erreichbar für den Zugriff des LKA. Sigrid Kienle: „Der Ameisenhandel auf der Straße findet für diese Produkte nicht mehr statt. Wer diese Drogen haben will, muss sich nicht mehr nachts mit hochgeschlagenen Mantelkragen in dieses gefährliche Milieu begeben. Der NPS-Konsument muss noch nicht mal mehr sein Sofa verlassen.“

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