Das Leiden der Lokführer

München - Rund 1000 Menschen werfen sich pro Jahr vor einen Zug, um wie Nationaltorwart Robert Enke (32) auf den Gleisen zu sterben. Die Lokführer müssen mit diesem Schock leben.

Drei Menschen überfahren sie statistisch gesehen im Laufe ihres Berufslebens. Drei Menschen hat auch der Münchner Gerhard Hofer (41, Name geändert) mit seiner Lok erfasst – am vierten ist er zerbrochen.

Der Mann wartet rechts neben den Gleisen. Gerhard Hofer sieht ihn zwischen den Büschen kauern, als er mit seinem Zug aus der Kurve kommt. Der Mann blickt in seine Richtung, krabbelt los, die Böschung hinauf, hockt sich zwischen die Schienen, verharrt, mit Blick auf Gerhard Hofers Lok. Hofer sieht die Szene immer wieder vor sich. Sie hat ihn verfolgt, ihn gelähmt, ihm beinahe den Lebenswillen genommen. Fünfzehn Jahre war Hofer Lokführer bei der Deutschen Bahn. War alles gefahren, Diesel-Lok, E-Lok und ICE. Hatte Stahlmassen mit 20 000 PS und einem Gewicht von 80 Tonnen gelenkt und war mit Tempo 250 durch den Landrückentunnel Richtung Fulda geheizt.

Alles zum tragischen Tod von Robert Enke

Elf Kilometer sind das, in etwa zwei Minuten. Hofer hatte alle Signale beachtet, seine Strecken auswendig gelernt, Verantwortung übernommen. Zehn Jahre saß er im Betriebsrat. „Frag den Gerhard“, hieß es unter Kollegen. Er kommt mit allem klar – der Einsamkeit im Führerstand und den anstrengenden Nachtschichten. Bis er 2004 auf seinen letzten Selbstmörder trifft. Den Vierten, der dann einer zu viel ist. Hofer springt auf, reißt am Bremshebel, gibt das Achtungssignal, gibt Bremssand. Sieht das Gesicht des Mannes. Runter da! Runter vom Gleis! Dann ein dumpfer Schlag, ein Knacken, als die Lok den Körper trifft.

„Warum ich?“

Warum ich? Warum jetzt? Einmal blickt er noch auf seinen Zug zurück Hofer zittert am ganzen Leib, als der ICE nach 300 Metern zum Stehen kommt. Er gibt den Notruf durch. Eigentlich müsste er jetzt raus, nachgucken, ob was an der Lok ist. Doch in seinem Körper ist nur Leere. Seine rechte Hand umkrampft den Bremshebel. Er guckt aus dem Fenster, zehn, zwanzig Minuten. Warum ich, warum jetzt? Der Staatsanwalt kommt, die Polizei ist da und ein Notfallmanager der Bahn – er bemerkt sie nicht. Die Stimme eines Sanitäters dringt zu ihm: „Sie müssen hier raus, Herr Hofer“, sagt der. Er steigt aus dem Führerhaus. Einmal blickt er noch zurück auf den weißen Unglückszug. Hofer ist 1988 noch in der Ausbildung, als er den ersten Menschen überfährt. Bei Mühltal, zwischen Garmisch und München, springt eine Frau im Lodenmantel vor seine E-Lok – einfach so.

Zum ersten Mal merkt Hofer, dass seine Kontrollinstrumente, dass Druckanzeigen, Gas- und Bremshebel ihn nicht schützen können. Sechs Tage bleibt er zu Hause, setzt sich dann wieder auf den Bock. Im November 1993 steht auf der gleichen Strecke ein Mann im Gleis. Hofer sieht nichts, es ist Nacht, er hört nur den Schlag, das Knacken der Knochen, und bremst. Zwei Wochen fährt er weg aus München, um Abstand zu bekommen. Danach ist er nach Ansicht der Bahnärzte wieder einsatzfähig. Hofer spürt zum ersten Mal die Leere, die Schwäche. Warum immer ich, fragt er sich, wenn andere Kollegen von ihren Fahrten erzählen, ihren Fahrten ohne Springer. Er, der sonst offen Probleme anspricht, hat plötzlich Angst zu reden, als Weichei dazustehen. Im Gespräch mit Bahnpsychologen und Ärzten fühlt er sich unter Druck gesetzt. Es geht um Leistung, Wiederherstellung, Hofer soll zurück ins Führerhaus. Im Kollegenkreis ist das Thema Suizid ein Tabu.

Posttraumatische Belastungsstörung

Einmal bricht es aus ihm heraus, er spricht einen anderen Lokführer an, der auch betroffen ist. Doch der dreht sich weg. Die Selbstmörder machen ihn zum Vollstrecker Im Februar 1998 legt sich bei Oberstdorf ein Mann vor Hofers Lok. Es ist sein dritter Selbstmörder, die Furcht vor jeder Fahrt wird für Hofer unerträglich. Zu Hause ist er schlecht gelaunt und leicht reizbar. In seiner Ehe kriselt es. Anfang 2004 geht er auf Kur. Er ist gerade eine Woche zurück und fährt seine zweite Schicht, als der Mann aus den Büschen krabbelt. Hofer wird für dienstunfähig erklärt. Seine Therapeutin Sabine Morgan erkennt eine posttraumatische Belastungsstörung. Der Lokführer kann sich nicht von dem Unfall lösen. Es bedarf nur eines Reizes, eines bestimmten Lauts, schon ist die Szene da. Er sieht die Schienen, hört das Schlagen und Knacken.

Hofer meidet den Hauptbahnhof, weil ihn die Geräusche der einfahrenden Züge quälen. Der Anblick weißer Züge versetzt ihn in Panik. „Der Bub simuliert doch nur“, sagt sein Schwiegervater. Auch Hofers Frau weiß nicht, wie sie mit den Aussetzern ihres Mannes umgehen soll. Keiner der Kollegen meldet sich. Nur ein befreundeter Betriebsrat, der Jochen, ruft gelegentlich an. Hofer kommt sich vor wie ein Aussätziger. Er fühlt sich als Opfer seiner Selbstmörder. Sie haben ihn zu ihrem Vollstrecker gemacht, ihn zum Töten gezwungen. In seiner Vorstellung gleicht seine Psyche einer Plastiktüte. Sie ist zum Bersten gefüllt mit dem Seelenmüll der Springer. „Die haben sich gedrückt, und mich mit dem Scheiß zurückgelassen“, sagt er zu Morgan.

„Der Zug frisst Sie“

Die Behandlung zieht sich hin. Vielleicht kann er nie wieder eine Lok steuern. Einmal, als er mit seinem Fahrrad über die Straßen seines Heimatortes rast, spürt er den Drang, sein Rad vor ein Auto zu lenken. Hofer muss absteigen, sein Fahrrad in den Straßengraben werfen. „Du bist so ein Arsch“, denkt er, „wenn du das tust, bist du nicht besser als deine Selbstmörder.“ Die Deutsche Bahn bezahlt die Therapie. Da Hofer verbeamtet ist, erhält er sein reguläres Gehalt. Ein Bahnarzt informiert sich alle drei Wochen über seine Fortschritte. Nach zehn Monaten bekommt er wieder Arbeit zugeteilt, nicht als Lokführer, sondern in der Verwaltung. Hofer sortiert jetzt Blätter und bearbeitet Fahrpläne. Später leert er Fahrkarten-Automaten. Hofer versteckt sich hinter dem Sitz des Lokführers

Auf den Außenterminen tastet sich Hofer langsam wieder an die Züge heran. Schwitzend steht er in der Halle des Hauptbahnhofs, auf dem Zwischengeschoss, neben der Anzeige. Er starrt auf die weißen ICE-Züge, die von Gleis 18 und 19 abfahren. Erst kann Hofer nur stehen und gucken. Später kommt er durch die Bahnhofshalle bis zum Informationsstand, dann bis zum Prellbock. Er schleicht, kann vor Starre kaum die Füße vom Boden heben. Nach einem Jahr steht er vor der geöffneten Tür eines ICE. Seine Therapeutin drinnen, er draußen. Sie halten sich an der Hand. Hofer kann seinen Fuß nicht auf die Einstiegstreppe setzen. „Lassen Sie es zu“, sagt Morgan. Doch Hofer weint wie ein kleines Kind, erstickt fast an dem Druck in seiner Brust. „Der Zug frisst Sie“, schreit er Morgan an. Die Therapeutin bricht ab.

An manchen Tagen spinnt die Seele noch

Es dauert ein weiteres Jahr, bis Hofer bereit scheint für eine neue Konfrontation. Sein Freund Jochen begleitet ihn auf der Fahrt, die entscheiden soll, ob Hofer wieder zurück kann auf die Schiene. Hofer kauert während der ganzen Strecke hinter dem Sitz des Lokführers. Später wird Jochen sagen, dass er noch nie einen Mann so hat weinen sehen. Hofer guckt nicht raus, er vergräbt sein Gesicht in den Händen, von München bis Augsburg. „Hofer, Sie müssen nicht mehr fahren“, sagt Morgan danach. Wenn Hofer heute Züge sehen will, dreht er den Kopf nach links. Dort, vor dem Fenster an der Nord-Ost-Seite der Werkstatthalle, führt die Augsburger Linie entlang. Der 41-Jährige ist jetzt die meiste Zeit ruhig. Er arbeitet am Computer, ein Schreibtischjob.

An manchen Tagen spinnt sie noch, seine Seele, dann fällt es ihm schwer, die Plastiktüte mit dem Seelenmüll zuzuhalten. Draußen rauscht der Regionalzug Richtung Augsburg vorbei. Zum Glück sitze ich da nicht vorne drin, denkt Hofer. Und auch: leider.

Antonia Berneike

Der Helmut-Stegmann-Preis

Die Autorin Antonia Berneike absolvierte die Deutsche Journalistenschule (DJS) in München und ist für dieses Porträt am 29. Juni mit dem Helmut-Stegmann-Preis ausgezeichnet worden. Der Preis ist nach dem früheren Chefredakteur der tz benannt. Helmut Stegmann wurde 1938 geboren, besuchte 1961 die 1. Lehrredaktion der DJS, arbeitete als Sportjournalist und übernahm 1973 die Leitung der tz. Er starb 1997. Seine Familie stiftete den mit 5000 Euro dotierten Preis, um „gründlich recherchierten Journalismus, der sich Objektivität und Fairness verpflichtet fühlt“ zu fördern. Die tz druckt eine leicht gekürzte Fassung des preisgekrönten Textes.

Kommentare

Joachim Lips
(5)(0)

Enke ist ein Fall, der wenigstens mal durch die Presse ging. Die anderen werden ja immer totgeschwiegen. Das Leiden der Lokführer ist aber das gleiche. Die Bahn stiehlt sich in vielen Fällen auch aus der Verantwortung. Fängt damit an, dass der Lokführer nicht betreut wird, wird regelrecht allein gelassen. Selbst die EUK, die Berufsgenossenschaft der Eisenbahn, stiehlt sich in vielen Fällen schon nach vier Wochen aus der Verantwortung, zahlt dann auf einmal die angefangenen teuren Behandlungen nicht mehr. Die Krankenkassen sind dann auch völlig überfordert. Die wissen ja selbst nicht, was sie alles bezahlen dürfen und was nicht. Dann kommt zum psychischen k.o. noch das finanzielle Aus. Wenn man sich dann nicht selber helfen kann, ist man geliefert. Und wenns dann etwas länger dauert, darf man im Job auch noch mal von vorne anfangen, weil der Führerschein abgelaufen ist. Danke liebe Selbstmörder!!!

Puffingbill
(15)(0)

Gut gemachter Artikel !
Bin selber mehrfach Betroffener und kenne den Kollegen von dem der Bericht stammt persönlich.
Endlich wird mal das Thema aufgegriffen. Den immer nur Sch... Bahn schreien ist einfach. Aber woher die Verspätungen kommen, und welchen Rattenschwanz sie mit sich ziehen wissen die Wenigsten.

Liebe tz, weiter so !

Bolikutz
(12)(0)

sehr sehr gut geschrieben !! Das sollten sich alle Robert Enke Fans durchlesen,die in Ihm immer noch einen Helden sehen .Ich glaube so mancher sieht das dann mi anderen Augen.

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