Große tz-Serie

Ludwig I. und Lola Montez: Wie die Affäre begann

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Des Königs Geliebte: Lola Montez.

München - Im Oktober 1846, betrat die größte Skandalnudel Europas Münchner Boden: Lola Montez! Jene Dame, die als Geliebte König Ludwigs I. für Riesenaufregung sorgen sollte. Wir erzählen hier ihre Geschichte - mit neuen Erkenntnissen.

Es ist jetzt 170 Jahre her. ­Damals, im Oktober 1846, betrat die größte Skandalnudel Europas ­Münchner Boden: Lola Montez! Jene Dame, die als Geliebte König Ludwigs I. für Riesenaufregung sorgen sollte. Was genau alles ­damals passiert ist, wie groß der Skandal wirklich war: Darüber gibt es viele neue Erkenntnisse aus bisher geheimen Dokumenten. Die tz erzählt die wahre Geschichte in einer großen Serie. Heute: Als Lola nach München kam.

Text und Fotos: Heinz Gebhardt

Wir schreiben Montag, den 5. Oktober 1846. Eine 26-jährige, zierliche, schwarzhaarige und schwarz gekleidete Frau mit Reitpeitsche steht an der Rezeption des teuersten Hotels in München, des 1841 eröffneten Bayerischen Hofs. Sie wedelt mit einem Fächer und verlangt eine Suite: Sie sei „Senora Maria de los Dolores Porris y Montez“, spanische Tänzerin und demnächst am Hoftheater zu bewundern. Nichts davon ist wahr. Die Dame heißt eigentlich Elizabeth Gilbert und stammt aus Irland. Aber die größte Hochstaplerin, die das Königreich Bayern je betreten hat, spielte ihre Rolle so perfekt, dass niemand an ihren Angaben zweifelte. Lola meldet sich umgehend zur Audienz bei König Ludwig I. an. Aus Erzählungen weiß sie, dass er ein Schürzenjäger ist. Und der hat schon Wind von der sensationellen Schönheit bekommen …

Scheren-Strip

Am 8. Oktober öffnet sich das Audienzzimmer, Lola schwebt hinein, und Graf Lerchenfeld schließt die Tür. Leo von Klenze, Ludwigs Architekt, schrieb später, was drinnen geschah: „Als der König einigen Zweifel über die Realität der ersichtlichen Wölbungen ihres Busens andeutete, ergriff sie eine Schere von des Königs Schreibtisch und hatte sich damit das Kleid vor der Brust aufgeschnitten.“ „Alles echt“, sagte sie – und Lola war am Ziel. Von diesem Tag an besuchte sie der König täglich im Bayerischen Hof, an manchen Tagen auch zweimal. Lola war das Tagesgespräch in München. Am Tag darauf schrieb Louise von Kobell: „Am 9. Oktober 1846 ging ich die Brienner Straße entlang, da sah ich vor dem Bayersdorf-Palais eine schwarzgekleidete Dame, einen Schleier auf dem Kopf, einen Fächer in der Hand. Ich blieb jählings stehen und betrachtete verwundert die Augen, die dieses Gefunkel verbreiteten. Dann ging sie oder schwebte vielmehr an mir vorüber. Der Vater sagte fast verdrießlich: ,Das wird die spanische Tänzerin Lola Montez gewesen sein.‘“ Am 10. Oktober tanzte die Lola erstmals vor Ludwig im Nationaltheater: „Lola Montez stellte sich in spanischer Tracht in die Mitte der Bühne, da und dort schimmerte ein Diamant. Sie blitzte mit ihren wunderbaren blauen Augen und verbeugte sich wie eine Grazie vor dem Könige.“

Der Vesuv-Ausbruch

Was danach geschah, kann man erahnen, wenn man den Brief des Königs an seinen Freund Freiherrn von der Tann liest: „Ich kann mich mit dem Vesuv vergleichen, der für erloschen galt, bis er plötzlich ausbrach. Ich glaubte, ich könne nie mehr der Liebe Leidenschaft fühlen, hielt mein Herz für ausgebrannt. In des Himmels Höhen erhob es mich, meine Gedanken wurden reiner, ich wurde besser.“ Hofmaler Joseph Stieler, der alle Gspusis in Öl verewigen musste, hatte einen neuen Auftrag – und Ludwig wich Lola beim Modellsitzen nicht von der Seite. Die erste Version war dem König „nicht jugendlich genug“. „Ihr Pinsel wird alt“, sagte er zum Maler. Der antwortete, nicht auf den Mund gefallen: „Für einen alten Pinsel schön genug …“

„Dame mit Peitsche“

Ludwig und Lola zeigten sich zusammen bei allen öffentlichen Terminen. „Gerade hinter uns hatten wir die viel besprochene Sirene Maria Dolores Lola Montes. Als der König bei ihr stehen blieb und mit ihr sich unterhielt, waren alle Augen auf sie und ihn gerichtet“, schrieb der Sprachforscher Johann Schmeller in sein Tagebuch. Von Geheimnistuerei keine Spur – und die Münchner sollten Ludwigs neue ­Flamme schnell richtig kennenlernen. Bald wurde sie ihrem Ruf gerecht als „Dame mit der Peitsche“. Die Münchner Bevölkerung lernte sie von Anfang an als schlagkräftige Person kennen, die schnell Ohrfeigen austeilte und mit ihrer Peitsche auf die Leute einschlug. Anzeigen wegen Beleidigung oder Körperverletzung wurden auf Anordnung des Königs sofort eingestellt, Warnbriefe der königlichen Verwandtschaft warf er ungelesen in den Papierkorb.

Grantiger Bischof

Damit die Sache klar war, schenkte der König auch dem neuen stockkonservativen Erzbischof Karl August von Reisach reinen Wein über seine Lola ein, wie Schmeller in seinem Tagebuch am 16.2.1847 schrieb: „Dem neuen Erzbischof soll bei seiner Aufwartung König Ludwig gesagt haben, er möge sich ­bekümmern um den Loyola (Ignatius) und nicht um seine Lola!“ Einer anderen Quelle zufolge sagte er einfach: „Bleib du bei deiner Stola, ich bleib bei meiner Lola!“

Einkaufs-Bodyguards

Um sich gegen die offenen Anfeindungen aus der Bevölkerung zu wehren, wurde Lola bei ihren Shopping-Spaziergängen durch die Stadt von zwei königlich-bayerischen Bodyguards begleitet, von denen einer zehn Meter vor ihr und ein zweiter zehn Meter hinter ihr für Ruhe sorgte. Aber auch der Adel ging auf Distanz: Minister, Gesandte und die Verwandtschaft mieden die königlichen Hoftafeln und Feste, um nicht in die Nähe der Lola zu geraten. König Ludwig I. dagegen war im siebten Himmel. Voll Entzücken dichtete er auf seine Lola:

Ich glaub Dir, und wenn der Schein auch trüget,

Du bist getreu und du bist immer wahr,

die Stimme in dem Inneren mir nicht lüget,

sie sagt: Dein liebendes Gefühl ist wahr …

Zu zweit gegen alle

Ludwigs Gemahlin Königin Therese (zu deren Hochzeit das erste Oktoberfest stattgefunden hatte) sah im Verhältnis mit der Lola nur eine weitere Variante der zahlreichen amourösen Leidenschaften ihres Gatten. Sie glaubte, in ein paar Wochen wäre der Spuk wieder vorüber – dabei braute sich unter den Bürgern, den Ministern, Stadträten und Würdenträgern heftiger Widerstand gegen „Lolitta“ zusammen. Ludwig war gewohnt, Befehle zu erteilen und nicht befehligt zu werden – und so schenkte er Lola ein prächtiges Palais an der Barer Straße (Maxvorstadt), befahl dem Stadtrat, Lola sofort das Bürgerrecht zu verleihen, damit er sie so schnell wie möglich in den Adelsstand erheben konnte. War Lola bis hierher die Privatangelegenheit des Königs, so wurde sie jetzt zum Politikum …

Ludwig I. und seine Lola: Neue Details zum königlichen Skandal

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