Geschäftsleute schlagen Alarm

tz-Report: Ein Tag am Arbeiterstrich am Bahnhof

+
Trostloser Anblick: Stundenlang warten die Männer in eisiger Kälte auf Arbeit.

München - Die Situation am "Arbeiterstrich" im südlichen Bahnhofsviertel wird immer schlimmer, warnen Geschäftsleute. Sie fühlen sich von Stadt, Polizei und Zoll alleine gelassen.

"Die Stadt lässt uns im Stich!“ Geschäftsleute an der Kreuzung Goethe-/Landwehrstraße gehen wegen des „Arbeiterstrichs“ im südlichen Bahnhofsviertel auf die Barrikaden.

Ihr Vorwurf: Dort habe sich ein florierender Markt für Schwarzarbeit entwickelt. Und Stadt, Polizei und Zoll würden einfach zuschauen! 

Die Situation an der Kreuzung wird immer schlimmer, sagen die Geschäftsleute.

Auch wenn es eine sinnvolle Institution sei: Das im Oktober von der Stadt eingerichtete Beratungscafé für Arbeitsmigranten an der Sonnenstraße habe die Verhältnisse nicht verbessert, so die Geschäftsleute, die unter anderem einer Kanzlei, einem Hotel oder einer Bank vorstehen. 

Seit Jahresanfang bezuschusst die Stadt auch einen von ihnen bestellten Sicherheitsdienst nicht mehr. Seit zwei Jahren gäbe es immer mehr Tagelöhner an der Kreuzung. Die vor allem aus der Gegend um Pasardschik, einer 78 000-Einwohner-Stadt in Zentral-Bulgarien, kommenden Männer einer türkischen Minderheit stehen vom frühen Morgen an bis in die Abendstunden vor den Büro- und Läden-Eingängen.

Gerade Passantinnen fühlten sich damit oft unwohl, beschreiben die Geschäftsleute. „Um das klar zu machen: Unser Vorwurf richtet sich nicht an die armen Menschen, die dort auf Arbeit warten“, sagt Hans Stegmann (75), der an der Ecke eine gewerbliche Immobilie betreibt. 

Die Geschäftsleute planten aktuell etwa, ein Männer-Café für die Wartenden einzurichten. „Doch es ist Aufgabe der Stadt, die Arbeitgeber, die diese Bulgaren und Rumänen für drei oder vier Euro die Stunde oftmals schwarz beschäftigen und ausbeuten, zu identifizieren und zu verfolgen.“

Grundsätzlich hätten die Männer das Recht, an der Kreuzung zu stehen, so die Stadt. Seit Januar 2014 haben Rumänen und Bulgaren freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Die Strukturen auf dem Arbeiterstrich seien „mafiös“, halten die Geschäftsleute dagegen.

„Manchmal erscheint es uns so, als wäre die Stadt ganz froh, dass das Problem hier im Viertel ist und nicht etwa am Odeonsplatz“, so Rechtsanwalt Serdal Altuntas (40).

Die Geschäftsleute fordern für den Kreuzungsbereich das Einrichten einer Art „Anbahnungszone“, in der stärker kontrolliert wird. Die tz hat sich einen Tag am Arbeiterstrich umgesehen. 

Der Tag am Arbeiterstrich

8.30 Uhr: Es hat minus vier Grad Celsius. Rund 30 Männer stehen an der Kreuzung Goethe-/Landwehrstraße. Einige tragen nur einen Kapuzenpullover mit Trainingshose, manche Wintermantel und Mütze.

9.45 Uhr: Gruppen von fünf oder sechs Wartenden wechseln immer wieder die Straßenseite, warten dann an einem anderen Eck. Manche verschwinden für kurze Zeit und kommen später wieder. Zu Hochzeiten hielten sich im Sommer mehrere hundert Wartende über den Tag verteilt im Kreuzungsbereich auf, erzählen die Geschäftsleute. 

Das Einsteigen passiert in umliegenden Straßen.

11 Uhr: Nachfrager der Arbeitsleistung der Männer sind - für uns sichtbar - bis jetzt noch nicht aufgetaucht. Die Wartenden werden meist in angrenzenden Straße von Autos oder Kleinbussen abgeholt, so die Geschäftsleute. „Das findet immer in anderen Straßen statt und durch das ständige Wechseln der Straßenseite durch die Gruppen verliert man auch den Überblick.“ Die Geschäftsleute berichten von Mittelsmännern, die - besser gekleidet als die „normalen“ Wartenden - immer wieder an der Kreuzung auftauchen. „Am Morgen kommen immer wieder Männer mit großen Tüten voll mit Frühstückssemmeln, die verteilt werden - da sind eindeutig Strukturen erkennbar.“

12.40 Uhr: Die Sonne ist mittlerweile rausgekommen, die Temperaturen liegen jetzt im Plusbereich. Auch mittags stehen mehrere Grüppchen von Männern an der Kreuzung. Einige tragen prall gefüllte Plastiktüten mit sich. 

14 Uhr: Ortswechsel: Wir schauen zum neuen Beratungscafé an der Sonnenstraße. Hier soll den Tagelöhnern geholfen werden, langfristig einen festen Job zu finden. Etwa 40 Bulgaren und Rumänen sitzen in zwei Räumen, trinken Tee und wärmen sich auf. Eine Unterhaltung ist schwierig: Kaum einer von ihnen versteht Deutsch. 

Marius informiert sich im Beratungscafé.

14.30 Uhr: Marius (41) hat sich einen Platz im Café an einem Computer geschnappt. Er kommt aus Rumänien. „Ich will meine Rechte und Pflichten in Deutschland kennenlernen, deswegen bin ich hier“, sagt er der tz. Sie habe schon den Eindruck, dass sich auch die Lage an der Kreuzung durch das Beratungscafé entspannt habe, sagt Sevghin Mayr vom Infozentrum Migration und Arbeit, das die Beratung dort durchführt. Das Angebot habe sich in Windeseile herumgesprochen. „Allerdings können wir nicht alle Leute zwingen, zu uns zu kommen.“ 

15.15 Uhr: Stefan (23) ist auch ein Gast im Beratungscafé. „Ich will nicht an der Goethe-/Landwehrstraße stehen“, sagt der Bulgare. „Schwarzarbeit ist nicht richtig! Ich habe in Ingolstadt einmal bei einer Gerüstbaufirma gearbeitet - am Abend haben sie mir kein Geld für meine Arbeit gegeben.“

16.30 Uhr: An der Kreuzung warten immer noch einige Männer darauf, ob sie doch noch abgeholt werden. Auch im Bereich Landwehr-/Schillerstraße haben sich Grüppchen gebildet. Insgesamt ist weniger los, es beginnt zu dämmern. Wie lange die Männer heute ausharren werden? Die Gäste im Beratungscafé schlafen manchmal tagsüber in einem Ruheraum, hat uns Sevghin Mayr erzählt. Wenn sie die Nacht über für Arbeit abgeholt wurden …

Das sagt der Zoll

Der Zoll könne nur tätig werden, wenn Leute beim Arbeiten angetroffen würden, sagt der Sprecher der Hauptzollamts München, Thomas Meister. Damit seien sie für die Herumstehenden an der Kreuzung erst einmal nicht zuständig.

Wegen des Verdachts auf Schwarzarbeit würden jedoch immer wieder Schwerpunkts-Einsätze im Viertel durchgeführt, bei denen die Tagelöhner an ihre Einsatzorte verfolgt würden. Der Kritik, es fänden zu selten Kontrollen statt, entgegnet Meister: „Es sind viele Aufgabenbereiche, die wir wahrnehmen müssen. Schwarzarbeit ist nicht nur ein Thema am Hauptbahnhof.“ 

Das sagt die Stadt

Ein federführendes Referat für die Situation an der Kreuzung gebe es nicht, heißt es von der Stadt auf tz-Nachfrage. KVR-Sprecherin Daniela Schlegel: „Es ist ein Thema, das die Stadt insgesamt erkannt hat, behandelt und im Blick behält.“ 

Das Ausweisen einer „Anbahnungszone“ sei unrealistisch, so Schlegel. Solche Zonen seien aus dem Bereich der Prostitution bekannt, aber die Situation sei nicht vergleichbar. „Stehen auf dem Bürgersteig ist nicht verboten.“ 

Schlegel verweist auf das Sozial- und vor allem auf das Arbeitsreferat. Die Stadt habe mit dem Beratungscafé an der Sonnenstraße etwas gegen die Zustände an der Kreuzung unternommen, so Arbeitsreferatssprecher Wolfgang Nickl. 

„Der Zielgruppe Beratung anzubieten, ist das, was wir hier leisten können.“ Seinen Kenntnissen nach gehe es an der Kreuzung seit der Einrichtung des Cafés auch etwas ruhiger zu. 

Das sagt die Polizei

„Es ist auf keinen Fall schlimmer geworden“, sagt Rudolf Stadler von der zuständigen Inspektion 14 zur Situation an der Goethe-/Landwehrstraße. Dass der Arbeiterstrich eines Tages vollkommen zum Erliegen kommt, hält er für unwahrscheinlich. „Über die Jahre hat sich diese Ecke leider etabliert.“ 

Grundsätzlich hätten die Männer das Recht, an der Kreuzung herumzustehen. „Als die Männer noch eine Arbeitserlaubnis gebraucht haben, haben wir noch viel stärker kontrolliert.“ Die Polizei dürfe erst aktiv werden, wenn die Tagelöhner Passanten belästigten oder Eingänge zu Geschäften blockierten, so Stadler.

Ramona Weise

Ramona Weise

E-Mail:ramona.weise@tz.de

Google+

auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion