3000 neue Asylbewerber in 24 Stunden

Ausnahmezustand am Hauptbahnhof: So leiden die Flüchtlinge

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Bilder, wie wir sie eigentlich nur aus Krisengebieten kennen – doch diese Szenen spielen sich am Münchner Hauptbahnhof ab.

München - Die Augen sind müde, die Blicke leer. Erschöpfung und Leid, wo man auch hinsieht am Hauptbahnhof. Aber auch Hoffnung: ein Überblick über die Situation am Dienstag.

Kein Flüchtling musste die Nacht zum Mittwoch am Hauptbahnhof verbringen. Und die Lage ist unter Kontrolle. Und die Hilfe der Münchner ist beispiellos, viele engagieren sich ehrenamtlich, um die Gäste zu unterstützen. Hier erfahren Sie, wie auch Sie den Flüchtlingen helfen können. Am Dienstag spielten sich bewegende Szenen ab, die wir hier in einer Reportage abbilden.

Reportage vom Dienstag: So leiden die Flüchtlinge am Hauptbahnhof

Hier spielen sich Szenen ab, die viele Ältere an ihr eigenes Schicksal vor Jahrzehnten erinnern. Die Folgen des Krieges, des millionenfachen Leids sind nun mitten in München. Innerhalb von 24 Stunden kamen rund 3000 Flüchtlinge an – vorwiegend aus Ungarn. Dort hatte die Polizei am Montag überraschend die Bahnsteigkontrollen gestoppt.

Am Nordausgang versammeln sich Hunderte Flüchtlinge, werden mit dem Nötigsten versorgt und per 18 Bussen in alle Regierungsbezirke weitergefahren. München hat keine Plätze mehr. Bis zur Nacht, so lässt die Regierung von Oberbayern verlauten, konnte am Dienstag jeder in einem eigenen Bett schlafen. Die tz berichtet von Leid und Hoffnung, von Schicksalen und Helfern.

Meine Kinder sollen leben

Ihr Haus in Damaskus: eine Ruine. Ihre Apotheke: zerbombt! Ihr Vater: tot. Raketen hageln auf Hala Mohamads (29) Heimatstadt – irgendwann konnte sie das ihren beiden Kindern nicht mehr zumuten. „Sie sollen leben!“

Das, was Hala Mohamad in den vergangenen Monaten erlebt hat, kann niemand nachvollziehen – man kann nur die Fakten zusammentragen. Hala sparte lange für ihre Flucht. 2500 Euro pro Person – bei 70 Euro Einkommen. Ihr Mann musste in Syrien bleiben: „Probleme mit der Polizei.“ Sie senkt den Blick, fragt: „Sie kennen doch Baschar al-Assad, den syrischen Präsidenten?“

Froh, endlich in Deutschland zu sein: Hazim (12, von links), Julia (2), Linar (3) und Hala Mohamad (29) aus Damaskus.

Also fliehen nur sie und ihre Kinder Julia (2) und Linar (3) – in letzter Minute kommen noch ihr Bruder Anas (30) und dessen Sohn Hazim (12) mit. Von Syrien geht es in den Libanon, von dort im Jeep in die Türkei, weiter auf die Insel Samos. Hier wartet ein Schlauchboot. „Wie sollen wir das überleben?“, denkt sich Hala. Ihren Kindern sagt sie das nicht. Sie überleben tatsächlich, fliehen über das griechische Festland nach Mazedonien, harren dort drei volle Tage im strömenden Regen aus, ohne Unterschlupf, nur mit Plastiktüten über dem Kopf.

In Serbien scheuchen sie Männer in Uniform mitten in der Nacht auf, sprühen Pfefferspray, brüllen barsche Befehle. Jeder soll seine Taschen leeren. Hala hat 4500 Euro dabei – dann ist das Geld weg. Landsleute borgen Hala Geld. Weiter nach Ungarn, 5000 Syrer drängen sich am Budapester Bahnhof, nach fünf Tagen fährt ihre Familie weiter nach Österreich.

„Deutschland ist schön“, sagt Hala. Ihre Augen leuchten. Sie will schnell Deutsch lernen und wieder als Apothekerin arbeiten. Onkel Anas will weiter studieren. Jetzt fehlt nur noch Halas Ehemann: „Ich brauche ihn hier. Ohne ihn schaffe ich das alles nicht.“

Sie flieht mit der kompletten Familie

Die Iranerin Susan Javadi (20) möchte Lehrerin werden.

26 Menschen sind eine Menge – besonders, wenn man sie auf einer Flucht zusammenhalten will. Die Iranerin Susan Javadi (20) und ihre Familie haben es geschafft. Sie sind in Deutschland: Oma, Opa, Tanten, Onkel, Mama, Papa, Schwester, Bruder – vollzählig, unverletzt. Vier Wochen, sieben Länder. Ihre Eltern waren vor vielen Jahren aus Afghanistan in den Iran geflohen. Hier wurde Susan geboren, vor acht Jahren mussten sie weiter: „Wir hatten keine Pässe.“ Die Türkei wird zur neuen Heimat. Aber auch hier mussten sie jetzt weiter, sie wollen endlich zu Verwandten nach Hannover. Dazwischen liegen Tausende Kilometer und eine schlimme Bootsfahrt nach Griechenland. „Das Luftboot war vielleicht acht Meter lang“, erinnert sich Susan. 70 Menschen drängten sich auf dem Boot: „Alte und Babys, alle hatten Angst.“ Susan will nun neu anfangen: „Ich spreche Farsi, Englisch, Türkisch – Deutsch will ich lernen. Ich will Lehrerin werden!“

6000 Euro und ein langer Marsch

Das Leben in Bangladesch ist nicht gut, sagt Khorshid Allam (24): „Es gibt keine Arbeit. Für niemanden.“ Darum wollte er nach Deutschland. „Hier brummt die Wirtschaft!“

Khorshid Allam (24) aus Bangladesch.

Die meiste Zeit ist Allam für diesen Traum gelaufen. So lange, dass er schon nicht mehr weiß, wie viele Monate vergangen sind. Durch Pakistan, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Manchmal, wenn er Glück und Geld hatte, nahm er ein Taxi, den Bus oder die Bahn. Seine Familie ließ er zurück, sechs Brüder, vier Schwestern, Frau und zwei Kinder. „Ich würde sie so gerne nachholen“, sagt Allam. Seine Reise kostete 6000 Euro, jetzt hofft er auf Arbeit. Der erste Eindruck von Deutschland gibt ihm Hoffnung: „Sehr nette Polizisten, so tolle Helfer überall.“

Rosenheim:

In Rosenheim laufen die Hauptrouten der Flüchtlinge zusammen. Mehrmals täglich kommen hier Züge aus Ungarn und Italien mit Asylsuchenden an. Die Bundespolizei ist mit 550 Leuten im Einsatz. Sie kontrollieren auch Fahrzeuge. „Es gibt keinen Tag mit weniger als 200 Flüchtlingen, die wir registrieren müssen“, sagt Jeannine Geißler von der Bundespolizei. Vorgestern wurde ein Railjet aus Budapest außerplanmäßig in Rosenheim gestoppt, 400 Flüchtlinge wurden registriert. Weil die Beamten an der Belastungsgrenze sind, müssen derzeit Züge auch unkontrolliert nach München weiterfahren.

Salzburg:

Gut 1500 Flüchtlinge haben die Nacht auf Dienstag im Salzburger Hauptbahnhof verbracht. Sie wurden von Hilfsorganisationen versorgt. Dienstagmorgen seien alle nach München weitergereist, so Polizeisprecherin Valerie Hille­brand. Im Laufe des Montags hatten die ersten 100 Flüchtlinge, darunter viele Familien mit Kindern, die Mozartstadt erreicht.

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