„Startrampe für ein eigenes Leben“

Jetzt ist es amtlich: "Bellevue di Monaco" startet

+
Startschuss: Matthias Weinzierl (l.) und Till Hofmann von Bellevue di Monaco.

München - Seit Donnerstag ist es amtlich: Mit der Vertragsunterzeichnung gehören die Häuser Müllerstraße 2,4 und 6 für 40 Jahre "Bellevue di Monaco". Was die Sozialgenossenschaft jetzt plant und wie es weitergeht.

Der inoffizielle Startschuss für das Projekt Bellevue di Monaco fiel sinnbildlich gesehen gut 1500 Kilometer südostlich von München: im Flüchtlingslager von Idomeni nahe der mazedonisch-griechischen Grenze. „Packmos“ taufte die gemeinnützige Sozialgenossenschaft ihren Hilfsgütertransport mit vier Lastwagen nach Griechenland (wir berichteten). Und organisiert wurde er in der Müllerstraße 2. Dort, wo künftig die Heimstätte von Bellevue sein wird.

Am Donnerstag wurde der Vertrag unterzeichnet

Es soll keine einmalige Aktion bleiben, sondern die Flüchtlingshilfe ist prinzipiell das Leitbild von Bellevue. Und zwar nicht nur stationär in den drei Häusern an der Müllerstraße 2, 4 und 6, wo nach der Renovierung 40 Flüchtlinge wohnen sollen, sondern permanent. Vorstandsmitglied Matthias Weinzierl betonte, man wolle auch künftig Signale setzen wie die Hilfsaktion für Idomeni, auch als „Elendscamp“ bekannt.

Nach dem „inoffiziellen Startschuss“ wurde am Donnerstag der offizielle Start besiegelt: Bellevue unterzeichnete mit der Stadt den Erbpachtvertrag für die drei Häuser an der Müllerstraße 2, 4 und 6. Für 40 Jahre werden die Gebäude an die Sozialgenossenschaft vergeben. OB Dieter Reiter (SPD) hatte Bellevue mal als „Leuchtturmprojekt“ bezeichnet. Bereits am Mittwoch erläuterten die Vorstandsmitglieder und der Aufsichtsrat ihren „Genossen“ das Konzept – erstmals in den neuen Räumen an der Müllerstraße 2.

Schon über 360 Genossenschaftsmitglieder

Auf 360 ist die Zahl der Unterstützer bereits angewachsen. Gut 100 waren am Mittwoch gekommen. Bellevue hat im eher alternativen Glockenbachviertel eine solide Basis. Die meisten Mitglieder haben einen oder mehrere Anteilsscheine in Höhe von 500 Euro gezeichnet. Obendrauf kommt Geld von Stiftungen und Einzelspendern. Der Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Seiser und Vorstandsmitglied Till Hofmann beteuerten jedenfalls unisono: „Die Finanzierung des Projekts ist gesichert.“

Beim Umbau sollen Geflüchtete beteiligt werden

Hofmann hatte das Kostenvolumen für den Umbau der der drei Häuser zuletzt auf etwa 2,6 Millionen Euro beziffert. 1,7 Millionen Euro steuert die Stadt bei, die die Gebäude eigentlich abreißen und neu errichten wollte, ehe Bellevue mit der Renovierungs-Idee und dem Flüchtlingsprojekt ins Spiel kam. Matthias Marschner vom beauftragten Architekturbüro Hirner und Riehl sagte am Mittwoch zur Sanierung, die Qualität des Ensembles könne „mit Augenmaß und relativ wenig Aufwand zur Geltung gebracht werden“. Man wolle möglichst wenig in den Bestand eingreifen. Und das Wichtigste: „Beim Umbau sollen Geflüchtete beteiligt werden.“ Ergo: „Die Renovierungsmaßnahme ist bereits der Teil der Integrationsmaßnahme.“ Dieser Aspekt ist auch Bestandteil der Ausschreibung von Bellevue gewesen. Hofmann bezeichnete die Partizipation als Teil des Konzepts. „Wir wollen kein luxussaniertes Vorzeigeobjekt, sondern einen idyllischen Fleck retten.“

Was in den Häusern genau geplant ist

Die Sanierung beginnt mit dem Gebäude an der Müllerstraße 2. Hier entsteht die Anlaufstelle von Bellevue di Monaco mit Büros sowie Räumen für Workshops und kulturelle Veranstaltungen. Das Haus an der Müllerstraße 4 dient vorwiegend Familien als Unterkunft. An dem markanten Eckhaus mit seiner grünen Fassade an der Müllerstraße 6 werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Im Erdgeschoss, wo sich derzeit noch das Fahrradgeschäft der „Pedalhelden“ befindet, entsteht ein Willkommens-Café. Bellevue-Vorstandsmitglied Matthias Weinzierl bekräftigte: „Wir können auf die Fläche des derzeitigen Ladens nicht verzichten.“ Die Pedalhelden müssen also ausziehen. Wann, ist noch unklar. Die ersten Flüchtlinge könnten in gut einem Jahr einziehen. Ob es bei der Renovierung des Hauses an der Müllerstraße 6 so schnell geht, ist aber eher unwahrscheinlich.

Fluktuation ist wichtig

Um die Belegung der Häuser kümmern sich erfahrene freie Träger wie der Verein für Sozialarbeit (VFS) oder die heilpädagogische-psychotherapeutsche Kinder- und Jugendhilfe (HPKJ). Der Bellevue-Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Seiser ist gleichzeitig Geschäftsführender Vorstand des VFS. Er betonte, der Verein habe viel Erfahrung mit derartigen sozialen Projekten. Dauerhaft sollen die jungen Flüchtlinge allerdings nicht an der Müllerstraße wohnen. Fluktuation sei wichtig für das Projekt, sagte Weinzierl – und Seiser ergänzte: „Bellevue ist die Startrampe für ein eigenes Leben.“

Klaus Vick

auch interessant

Meistgelesen

Legendäre Münchner Biermarke kehrt zurück
Legendäre Münchner Biermarke kehrt zurück
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Der große Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood
Der große Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood
Mal ernsthaft. Wie soll ein 27-Jähriger in München fürs Alter vorsorgen?
Mal ernsthaft. Wie soll ein 27-Jähriger in München fürs Alter vorsorgen?

Kommentare