Das verpfuschte Leben von Marco K. (26)

Drogen und Depressionen: Er ist der Scheren-Mann

München - Die tz hat sich nach dem Angriff des Messer-Mannes am Kapuzinerplatz auf Spurensuche begeben. Das verpfuschte Leben des Scheren-Manns. Es geht um Drogen und Depressionen.

Der Amoklauf vom Kapuzinerplatz: Marco K. (26, Name geändert) ging am Donnerstag mit einer Schere auf einen Polizisten los, nur Schüsse konnten ihn stoppen (siehe Kasten rechts). Über das Motiv des Italieners gab es am Freitag wilde Spekulationen. War K. etwa ein Salafist? Fest steht: Er konvertierte zum Islam. Terror-Hinweise gibt es aber nicht, erklärte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. Die tz hat sich auf Spurensuche begeben. Das verpfuschte Leben des Scheren-Manns:

Seine Kindheit verbrachte K. in Jugendheimen. Als der Sarde nach Deutschland kam, wurde er im Tabalugahaus in Tutzing betreut, wie seine Cousine der tz erzählt. Die Mutter ist schwer krank. Zum Vater gibt es keinen Kontakt. Marco K. war früh auf sich alleine gestellt.

Polizisten stoppten Scheren-Mann Marco K. (26) mit zehn Schüssen.

Halt gab ihm der Sport. Von 2001 bis 2005 war er beim TSV Tutzing als Tischtennisspieler aktiv. Sein Trainer: „Marco hatte Ballgefühl, er war ein großes Talent.“ Doch im Teenageralter driftete er ab. „Er wurde unzuverlässig, kam nur noch selten zum Training.“ Lieber traf er sich mit Freunden am Tutzinger Bahnhof. Hier kam er auch erstmals mit Drogen in Kontakt. „Er hat sich nur gemeldet, wenn er Geld brauchte“, berichtet die Cousine.

Bis zuletzt wohnte Marco K. im Westend – in einer Außenstelle des Isar-Amper-Klinikums. Der Mann litt unter Depressionen. Ein Nachbar: „Wir hatten Angst vor ihm. Vielleicht hat er seine Medikamente nicht genommen.“ Doch der Italiener hatte auch andere Seiten. Als ruhig, respektvoll und freundlich beschreibt ihn eine Anwohnerin. „Und gläubig. Er hat viel von seiner Religion geredet.“ K. konvertierte 2015 zum Islam. „Von Hasspredigern wollte er aber nichts wissen“, erinnert sich die Frau.

Isarvorstadt: Polizei schießt auf Scheren-Mann

Psychische Probleme, Drogen, verkorkste Kindheit, Perspektivlosigkeit – ein explosives Gemisch, das am Donnerstag explodierte. Marco K. soll bis vor zwei Monaten bei einem Obsthändler gearbeitet haben. Als er seinen Job verlor, verschlechterte sich auch seine Verfassung. Zwei Tage vor dem Scheren-Drama soll es zu einem Streit zwischen K. und seiner Betreuerin gekommen sein. Die Anwohnerin: „Er tut mir einfach leid.“

Insgesamt zehn Schüsse gab die Polizei ab. Auf einen Warnschuss reagierte Marco K. nicht. Zwei gezielte Schüsse konnte ihn nicht stoppen. Als er mit der Schere auf einen Beamten losging, krachte es weitere sieben Mal. Mindestens drei, höchstens fünf Projektile trafen den Angreifer im Bauchbereich und an den Beinen. Marco K. sackte zusammen, wurde in ein Krankenhaus gebracht notoperiert. Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch: „Er ist außer Lebensgefahr, aber noch nicht vernehmungsfähig.“ Die Staatsanwaltschaft München I hat ein Verfahren wegen versuchter schwerer Körperverletzung, gemeinschädlicher Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte eingeleitet.

J. Heininger, D. Plange, F. Fussek, J. Welte 

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