Rundgang durchs neue Gebäude

Anatomische Anstalt: Die Forscher aus dem Reich der Leichen

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„Vom Fötus bis zum Erwachsenen“: Reinhard Putz, Herr der Anatomischen Schausammlung, vor einer Vitrine mit Skeletten.

München - Die Anatomische Anstalt der LMU ist modernisiert worden. Nun können Münchens Medizinstudenten dort wieder präparieren und mikroskopieren. Ein Rundgang, der einen bisweilen schaudern lässt.

Ein Prunkstück: Auch die Fassade des über 100 Jahre alten Gebäudes ist restauriert worden.

Wer die Anatomische Anstalt an der Pettenkoferstraße betritt, könnte meinen, ein Königs-Palais zu besuchen, in dem Jung-Aristokraten aufs Leben vorbereitet werden. So ganz trügt das Gefühl nicht. 900 bis 1000 Medizinstudenten bildet die Ludwig-Maximilians-Universität hier pro Jahrgang aus. Und das Jugendstil-Gebäude von 1907 stammt aus einer Zeit, als Bayern noch Königreich war. Prinzregent Luitpold ließ es einst prunkvoll bauen.

Innen sieht es zum Teil anders aus. Hörsaal, Präparierraum und die Ausstellungshalle für Organ_ und Körperteil-Präoaraten wurden zwar originalgetreu restauriert, beherbergen jedoch modernste Technik. „Das Gebäude ist einzigartig, eines der ersten Eisenbeton-Bauwerke Deutschlands“, sagt Jens Waschke (41), Professor und Lehrstuhlinhaber. „Nordseite, Südseite, die beiden Flügel – es wurde speziell für die Bedürfnisse des Medizinstudiums gebaut.“

Nach der fünf Jahre dauernden und 37 Millionen Euro teuren Restaurierung gilt das umso mehr: Moderne Lüftungsanlage, originalgetreue Restauration der Jugendstilfassade, die neuesten Computer, Beamer und Mikroskope – wer die Abiturnotenhürde von mindestens 1,1 schafft, den erwartet in München eines der weltweit modernsten Forschungsgebäude der Medizinwissenschaft.

Unter einer Glaskuppel: Der Hörsaal der Anatomischen Anstalt.

Manche Räume sind freilich nichts für den sensiblen Magen. Insbesondere der Präparierraum. Dutzende mobile Seziertische stehen hier und allein der Gedanke an den Unterricht kann den Appetit schnell verderben. Schon in der zweiten Semesterwoche rollt man den Studenten hier Verstorbene herein, die in teils dünne Scheibchen geschnitten werden. Selbstverständlich, betont Waschke, handle es sich ausschließlich um Leichname, die zu Lebzeiten eingewilligt haben, ihren Körper der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Viele Studenten – es sind übrigens zu 70 Prozent Studentinnen – stehen in diesem Raum zum ersten Mal vor einer Leiche. Aber seine Erstsemester, versichert Waschke, hätten selten Kreislaufprobleme. „Höchstens passiert es mal, dass es einem schummrig wird. Das liegt aber meistens daran, dass die Neulinge vergessen, zwischendurch zu essen.“

Kein Wunder, dass die Anatomie seit jeher Kino- und Krimi-Autoren inspiriert. Im Medizin-Thriller „Anatomie“ von 2000 fällt der markige Satz, in diesem Raum sei noch kein Schmerz gelindert, noch kein Patient geheilt worden. Dafür würden hier (medizinische) Grundlagen geschaffen. Professor Waschke sieht das ähnlich. Die Arbeit mit dem Skalpell, mit Haut, Fett und Gewebe echter Menschen sei unerlässlich für angehende Mediziner: „Sie müssen lernen, die Distanz zu den Leichnamen zu überwinden“, sagt er. „Und unsere Aufgabe ist es, ihnen beizubringen, dass auch der tote Körper eine Würde hat, auch wenn er ganz anders aussieht. Er ist ja viel fahler und gräulicher.“

Gelernt wird freilich nicht nur an echten Körpern. Mittlerweile sind die allermeisten Innenansichten des Menschen digitalisiert und per Touchscreen abrufbar. Das sei freilich keine Alternative für die „echte“ Anatomie, sagen die Experten.

„Distanz zu den Leichnamen überwinden“: Professor Jens Waschke im Präparierraum.

Und auch kein Ersatz für Reinhard Putz’ Anatomische Schausammlung. Waschkes mittlerweile pensionierter Vorgänger, 75, zeigt stolz, was er da in großen Glasvitrinen zusammengetragen hat: eine Skelett-Sammlung „vom Fötus zum Erwachsenen“ etwa, eine Raucherlunge, in die der Teer Löcher gefressen hat, Kehlkopfmodelle aus Kunststoff und ein ebenfalls künstliches Herz, das sich auseinandernehmen lässt. Zur Hälfte seien die Ausstellungsstücke echte Präparate und zur Hälfte nachmodelliert, sagt Putz. „Trotz der hohen Digitalisierung kommen die Studenten immer noch gerne in die Schausammlung – denn hier ist alles dreidimensional.“

Eindringlicher bekommt man es nur im Präparierraum an der Nordseite des s-förmigen Gebäudes. „So hat man immer indirektes Licht und der Raum bleibt kühl“, sagt Waschke. Durch die neue Lüftung sei es nun möglich, „auch im Sommersemester an Körpern zu forschen“. Fäulnisgerüche suche man hier vergebens. „Es riecht eher nach Alkohol.“ Im Schnitt, sagt der Professor, schmeißen 50 Medizin-Novizen das Studium nach ihrem ersten Mal im Präparierraum hin. „Aber die meisten, die zum ersten Mal vor einer Leiche stehen, sagen, das sei ja alles gar nicht so schlimm, wie sie es erwartet hatten.“

Hüseyin Ince

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