Kriminalität nimmt immer mehr zu: Der tz-Report

Drogen-Zentrum Hauptbahnhof

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Der Hauptbahnhof.

München - Der Hauptbahnhof wird zum Brennpunkt: Drogen, Kriminalität, Prostitution, Arbeiterstrich – die Probleme nehmen drastisch zu. Der große tz-Report: 

Trotz massiver Kontrollen sind auch viele Bettler unterwegs. Und obwohl die Polizei starke Präsenz zeigt, schlagen die Geschäftsleute Alarm – sie brauchen Hilfe! Die Politik beginnt zu reagieren: Stadtrat Richard Quaas (CSU) hat jetzt einen Antrag gestellt, der die Situation entschärfen soll. Der große tz-Report:

André Remy kennt die Szene am Hauptbahnhof sehr gut. „Seit etwa zwei Jahren beobachten wir hier eine zusätzliche Gruppe, die vor allem aus Nordafrikanern und Menschen aus dem Irak und Syrien besteht. Sie handeln gezielt mit Cannabis“, sagt der Leiter des Rauschgiftdezernates des Polizeipräsidiums. Gerhard Berkofsky, stellvertretender Leiter des für die Bekämpfung der Straßenkriminalität zuständigen Kommissariats 83, erklärt, wie das funktioniert: „Diese Leute treten konspirativ an mögliche Kaufinteressenten heran und bedienen diese oftmals abgesetzt in ruhigen Seitenstraßen, Passagen, Parks oder Hinterhöfen. Sie sind der Meinung, dass man damit das schnelle Geld machen kann.“ Denn in ihren Heimatländern sei man den Konsum von Cannabis gewöhnt. „Es fehlt in diesem Fall das Unrechtsbewusstsein.“

Eine großes Problem für die Polizei ist, dass die Afrikaner nicht mit ihr zusammenarbeiten. Berkofsky: „Sie haben überhaupt kein Vertrauensverhältnis zu staatlichen Institutionen.“ Allerdings betont Berkofsky, dass die Dealer nur einen kleinen Anteil der Bevölkerungsgruppe stellen, aus der sie stammen.

Und: „Es gibt keine offene Drogenszene am Hauptbahnhof. Es gibt auch kaum Begleitkriminalität, die dazu führt, dass man am Hauptbahnhof Angst haben muss.“ Das sei der hohen Polizeipräsenz zu verdanken. Remy: „Wir sind sowohl mit uniformierten Kräften sichtbar vor Ort als auch mit ­Zivilfahn­dern.“ Immer wieder sei zu beobachten, dass Kaufinteressenten teilweise stundenlang kreisen müssen, um einen verkaufswilligen Händler anzutreffen.

Dennoch fordert CSU-Stadtrat Richard Quaas nun in einem Antrag Abhilfe: „Das ist der Eingang in unsere Stadt: Besucher sollten nicht aus dem Hauptbahnhof kommen und gleich in der Drogenszene sein. Das ist für München imageschädlich.“ Der 63-Jährige will von Polizei und Verwaltung nun konkrete Informationen, aber auch wissen, was die Stadt für Möglichkeiten hat. Denn natürlich nehmen auch Geschäftsleute und Bürger eine Veränderung war – nicht nur an Quaas seien zahlreiche Beschwerden herangetragen worden. „Bei uns haben sich mehrere Bürger bei der Bezirksversammlung im November beschwert“, sagt Florian Florack (27). Er ist CSU-Sprecher im Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. „ Wenn ich mich als Laie da hinstelle, sehe ich, wie Geldscheine übergeben werden. Da stimmt doch was nicht.“ Das Viertel drohe seiner Ansicht nach zu kippen. „Und das wollen wir nicht. Wir wollen nicht, dass das Bahnhofsviertel so wird wie in anderen Großstädten.“

Was die Einzelhändler und Hoteliers rund um den Hauptbahnhof für Erfahrungen gemacht haben, lesen Sie hier auf dieser Seite.

Süchtige liegen im Eingang

Seit einiger Zeit hat die Drogenproblematik im Viertel wieder zugenommen. Drogensüchtige liegen im Eingang unserer Gewerbeimmobilie, wir finden Spritzen. Die Drogenszene erscheint mir ähnlich organisiert wie ein Teil der Bettler. Die Situation war vor einigen Jahren schon mal schlimmer, die Polizei hat zwei-, dreimal im größeren Stil eine Razzia durchgeführt – dann wurde es besser. Wir haben die Räume im Keller jetzt mit Codes ausgestattet, damit Fremde nicht hineingelangen. Wir befürchten, dass sich die Drogenszene stärker etablieren könnte. Deshalb werde ich auch noch mal mit der Polizei das Gespräch suchen. 

Hans Stegmann, Inhaber einer Gewerbeimmobilie im Bahnhofsviertel

Kunden irritiert

Die Drogenproblematik ist schon lange ein Thema. Mit den Bauarbeiten in der Bayerstraße ist es schlimmer geworden. Die Dealer stehen vor unserer Apotheke herum und belästigen unsere Kunden. Es gab schon Streitereien in unserer Apotheke, wo die Dealer unsere Einrichtung als Versteck für ihre Marihuana-Kugeln missbraucht haben. Manche unserer Kunden waren schon sehr irritiert und trauten sich nicht mehr, zu uns zu kommen. Allerdings muss man feststellen, dass die Polizei mittlerweile stärker agiert und nun das Problem wieder abgenommen hat. Offenbar hat sich die Szene verlagert.

Karl-Heinz Kugler (56), Betreiber der Internationalen Hauptbahnhof Apotheke

Spritzen im Parkhaus

Wir haben das Gefühl, dass die Drogenszene wieder stärker wird. Das merken wir etwa, wenn wir Spritzen in unserem Parkhaus beim Hotel Cristal finden. Dann schicken wir extra Reinigungspersonal ins Parkhaus, damit die Gäste nicht gestört werden. Wir kennen unser Viertel und lieben es, aber so manchen Gast verschreckt das schon. Deswegen fordern wir, dass Stadt und Polizei uns helfen, den Anfängen zu wehren. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist gut, aber die haben auch nur begrenzte Kapazitäten. 

Kathrin Wickenhäuser-Egger (37) vom Hotel Cristal, Hotel Dolomit und der Münchner Stubn

Schädigend

Wir sprechen das Thema schon lange an. Rein statistisch gesehen, ist München von dieser Szene am wenigsten stark belastet im Vergleich mit anderen Großstädten. Aber das kann kein Grund sein, dass wir nicht aufmerksam hinschauen, wie sich die Szene entwickelt. Es ist auf keinen Fall alles im grünen Bereich. Ein ­Problem ist etwa, dass für die Drogenszene im Hauptbahnhof die Bundespolizei, sonst die Münchner Polizei zuständig ist. Es gibt also unterschiedliche Zuständigkeiten, was ausgenutzt werden kann. Mir ist wichtig, dass wir auch auf die menschliche Tragödie der Drogensucht blicken. Für einige Unternehmer kann das aber schon geschäftsschädigend sein, wenn sich eine solche Szene hier entwickelt. 

Prof. Fritz Wickenhäuser (71),  Vorsitzender Stadtteilverein Südliches Bahnhofsviertel

Es wird schlimmer

Es wird mehr Drogenhandel betrieben, das merken wir definitiv. Zwei Männer stehen nebeneinander und geben sich die Hand. Der eine nimmt das Geld, der andere die Drogen. Wir haben jetzt einen Bewegungsmelder vor dem Innenhof unseres Helvetia-Hotels in der Schillerstraße. Auch die Prostitution nimmt zu, Männer werden auf der Straße unauffällig angesprochen. Das KVR muss unbedingt am Ball bleiben. Ich bin seit 30 Jahren Hotel-Betreiber und merke auf jeden Fall, dass sich etwas ins Negative verändert. Schon jetzt bleiben Gäste weg. Das Problem darf nicht schlimmer werden. 

Horst Jäger (74), betreibt das Helvetia-Hotel in der Schillerstraße

Schmutzig und dunkel

Ich bin seit 40 Jahren in der Goethestraße. München war einmal eine goldene Stadt. Sauber, ordentlich, so wie nirgends sonst in Deutschland. In den vergangenen Jahren ist es aber sehr schmutzig und dunkel geworden. Wir haben Bettler hier, den Arbeiterstrich, Prostituierte und Drogendealer. Immer mehr komische Typen hängen rum. Man sieht kaum noch Deutsche. Neulich hatte ich eine junge Frau aus Österreich zu Gast. Sie reiste nach einem Tag wieder ab, weil sie Angst hatte. Das ist sehr schade, wir müssen für das Bahnhofsviertel kämpfen. Wir brauchen dringend Hilfe.

Mahir Zeytinoglu (67), Besitzer des Hotel Goethe in der Goethestraße

Mehr Prostituierte

„Wir beobachten bei uns in der Goethestraße eine Zunahme der Straßenprostitution, was sicherlich auch mit der Drogenproblematik zusammenhängt. Das Thema Drogen ist, glaube ich, in der Schillerstraße präsenter als bei uns. Generell müssen wir bedenken, dass hier einfach das Bahnhofsviertel ist: Da sind Themen wie Drogen immer präsenter als in anderen Vierteln.

Michael Grill (48), Geschäftsführer der Theatergemeinde in der Goethestraße

 

 

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