"Lasst unser Viertel nicht kaputtgehen"

Steigende Kriminalität am Bahnhof – Bürger schlagen Alarm

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Politiker Andreas Lorenz (CSU, rechts im Bild) mit Mitgliedern des Vereins „Südliches Bahnhofsviertel“

München - Nein, zu den schönsten Vierteln unserer Stadt zählte die Gegend rund um den Hauptbahnhof noch nie. Aber wenn sich Andreas Lorenz (CSU) nun in dem Stadtteil umschaut, wird ihm regelrecht Angst und Bange:

„Die illegale Prostitution nimmt zu, das Geschäft mit Drogen sowieso – und schmutziger ist es auch geworden“, schimpft der Landtagsabgeordnete. Er ist nicht der Einzige, der das so sieht. Mit Lorenz hat sich nun der Verein „Südliches Bahnhofsviertel“ zusammengeschlossen. Er forderte am Sonntag, dass die Polizei endlich mehr gegen die wachsende Kriminalität in ihren Straßen tut. „Lasst unser Viertel nicht kaputtgehen“, so der Tenor.

Dass die Gegend rund um den Hauptbahnhof ein Brennpunkt der Stadt ist, weiß auch die Polizei. Erst vor kurzem erklärte der Chef des Rauschgiftdezernats in der tz, dass besonders der Handel mit Drogen dort zugenommen hätte – auch wegen Banden aus Nordafrika. Die Statistikzahlen zeigen, dass die Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt längst das gefährlichste Pflaster in München ist. Alleine im Jahr 2014 wurden hier 19 410 Straftaten verübt. Zum Vergleich: Schwabing-Freimann liegt auf dem zweiten Platz – mit 10 088 Delikten, also fast der Hälfte. Letzter ist übrigens Allach-Untermenzing. Dort gab es im Jahr nur 831 Fälle.

Von genau solchen Zahlen träumt Andreas Lorenz: „Die Straftaten haben besonders in den letzten zwei Jahren im Bahnhofsviertel nochmal stark zugenommen“, warnt er. „Das ist auch der Polizei bekannt, es tut sich aber zu wenig. So kann es nicht weitergehen“ Die Zahl der Bettler, Prostituierten und auch der Drogengruppen in den Straßen sei nicht mehr hinnehmbar. Lorenz: „Man muss endlich mehr Kameras hier installieren, um diese Kriminalität zu unterbinden.“ Bisher gibt es nur eine – mit Blick auf den Haupteingang.

Fakt ist: Die Polizei hat die Gegend im Auge, zeigt schon verstärkt Präsenz an den wichtigen Punkten wie Schiller- und auch Goethestraße. Aber es ist kein Geheimnis: Es mangelt an Personal. Was also tun? Lorenz’ Antwort ist simpel: „Dann soll die Polizei halt weniger Verkehrskontrollen durchführen und verstärkt hier gegen das illegale Treiben vorgehen.“ Und auch das KVR sei gefordert: „Das Kreisverwaltungsreferat muss auch ein Alkoholverbot für die Gegend aussprechen.“ So würde man die Gruppen an Trinkenden loswerden. An einem solchen Verbot arbeitet das KVR übrigens gerade. „Das muss aber schneller gehen“, fordert Lorenz. Auch das Bettlerverbot in der Innenstadt sei für den Bahnhof ein Desaster. „Die sitzen jetzt halt alle hier. Und wir reden jetzt nur von den organisierten Banden“, so der Landtagsabgeordnete.

Auch die Geschäftsleute vom Südlichen Bahnhofsviertel schlagen jetzt Alarm, haben genug. Die tz sprach mit drei von ihnen und schildert ihre Probleme: 

Nicht schön

So kann’s nicht weitergehen. Mittlerweile werden Gäste von Prosituierten angesprochen. Da heißt es dann „Geh ma“ – als Code sozusagen. Auch mir selber ist das schon passiert. Wir haben in unserem Viertel 18 000 Hotelbetten. Touristen aus aller Welt kommen am Hauptbahnhof an. Wir sind die Visitenkarte dieser Stadt und dann wird die Lage hier immer schlimmer. Das Problem geht übrigens weniger von Flüchtlingen aus, sondern mehr von Osteuropäern.

Prof. Fritz Wickenhäuser von der Münchner Stubn

Straßen besetzt

Das Bahnhofsviertel zeichnet sich dadurch aus, dass es bunt ist, etwas Besonderes. Das verändert sich gerade. Mittlerweile sind Kreuzungen an der Goethestraße regelrecht besetzt, da gehen Bettler auf Autofahrer los, die an der roten Ampel warten. Das ist oft beängstigend.

Michael Grill (li.), Chef der Theatergemeinde

Keine Kunden

Ich besitze einen Handyladen in der Goethestraße. Uns bleiben mittlerweile die Kunden weg. Vor kurzem ist bei mir auch eingebrochen worden. Zudem werden Passanten und Touristen oft dumm angemacht. Wir brauchen hier dringend mehr Polizei. Jeder hier klagt über die Situation.

Geschäftsmann Bülent Soyöz (Re.)

Kommentar von tz-Redakteur Johannes Welte: Das Elend der Welt am Hauptbahnhof

Johannes Welte

An und für sich ist es nichts Neues, dass sich rund um einen Hauptbahnhof in einer Millionenstadt das Elend der Welt widerspiegelt. Drogenhändler, Prostituierte, Männer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs und Bettler zeigen, dass nicht alle Menschen auf der Welt so ein halbwegs abgesichertes Leben führen, wie wir Einheimische es gewohnt sind. Auf dem Balkan haben sich die Lebensbedingungen in vielen Ländern seit dem Ende des Kommunismus verschlechtert; Minderheiten wie Roma haben dort keine Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In Afrika verkaufen Regierungen die Felder ihrer Bauern unter dem Pflug weg an globale Konzerne, Fischereirechte werden an europäische Fangflotten verhökert. Niemand muss sich wundern, wenn ein Afrikaner versucht, schnelles Geld zu machen, um seine Verwandten mit Barem zu unterstützen, die Geld gesammelt haben, um ihm die Reise nach Deutschland zu ermöglichen. 

Für uns sind die Auswirkungen dieses Elends sehr unangenehm und manchmal sogar gefährlich. Doch wer will, dass er nicht mehr Zeuge der Armut am Hauptbahnhof wird, muss sich darüber Gedanken machen, wie man dieses Elend stoppen kann. Solange auf deutschen Baustellen bulgarische Bauarbeiter zu Hungerlöhnen beschäftigt werden oder Saisonbeschäftigte in der Gastronomie fast keine Arbeitnehmerrechte haben und Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Menschen andere Wege suchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

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