Die Luftmasche zum Glück

Wollkönigin Petra Perle: „Häkeln ist Therapie“

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Schöner ­Häkeln mit ­Petra Perle.

München - Die Woll- und Häkelkönigin Petra Perle (53) weiß bunten Rat gegen den Novemberblues. Sie sagt: „Häkeln ist Therapie.“

Na? Finden Sie es da draußen auch so farblos und kalt? Haben Sie schon jetzt unstillbare Sehnsucht nach farbenfrischem Frühling?

Die tz-Kolumnistin hätte da einen Tipp: Müller­straße 50. Dort fängt der Farbenwahnsinn schon auf der Straße an! Ein bunt umhäkeltes Radl steht auf dem Trottoir, Traumfänger und Wimpel aller Couleur wiegen sich im Wind, und ein Puppenwagen voller bunter Wollknäuel vor dem Laden verrät: Wer immer diesen betritt, der kriegt es hier mit Farbbesessenheit und expressiver Leidenschaft zu tun.

Und wenn man sich dann zwischen Schirmen, Taschen, Mützen, Tieren, Pullovern, Lampen und Schals wiederfindet, wähnt man sich in einem undurchdringlichen Dschungel. Einer, aus dem es brüllt: „Strick dir dein Glück und deine Welt doch einfach selbst!“

Petra Perle: „Häkeln ist Therapie“

Petra Perle (53) hat das getan – sich immer und immer wieder neu erfunden. Sie lernte Goldschmiedin, sie war Aktionskünstlerin, Sängerin, Politaktivistin, Malerin, Wirtin und noch viel mehr. Und immer wieder hat sie sich für längere Zeit handarbeitend aufs Sofa zurückgezogen, um Neues aus sich selbst zu schöpfen und um die Erschöpfung des Vorangegangenen wegzuruhen. „Häkeln ist Therapie“, sagt sie. „Man ist ganz bei sich – es hilft bei Lebenskrisen, Verlust, Krankheit oder Burn-out. Handarbeiten macht glücklich!“

Das Hot ­Wollée in der ­Müllerstraße 50 wirbt quasi für sich selbst.

Seit zwei Jahren ist die Perle Herrscherin über einen Tempel des Glücks, ein Ladenparadies, in dessen Mittelpunkt ein Sofa steht. In diesem Hot Wollée gibt es neben Wolle, Beratung und Anleitungen auch Kurse oder ganz einfach menschliche Begegnungen, die sich immer weiterknüpfen – von den Luftmaschen, die am Anfang stehen, zu einem großen Werk. „Ich fühl mich wie Gertrude Stein in ihrem Salon“, meint die Perle. Und am Anfang steht immer die Luftmasche.

Die hat der Perle auch in ihrer schlimmsten Lebenskrise ­geholfen. 1999 war das, als ihre Eltern starben. Zwei Jahre war sie in ihrer Trauer festgefroren – auf dem Sofa. Bis sie sich wieder neu erfand: als Wirtin des Turm­stüberls im Valentin-Musäum. Zehn Jahre hielt sie dort Hof – beseelt von Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Dann kam die Perle auf die Wolle – mit dem traditionsreichen Handarbeitsladen in der Müllerstraße, den sie vor zwei Jahren übernommen hat.

Der rote Faden ihres Lebens ist der Wandel. Alle zehn Jahre. Allein Perles Witz und Ironie bleiben.

Mit bunter Kreide preist sie auf dem Schaufenster die frisch eingetroffene Yoga-Wolle an. Wer nachfragt, kriegt zu hören, dass jede Wolle eine Yoga-Wolle ist – Stricken und Häkeln Meditation und ihr Reich ein Therapiestüberl zum Glück.

Mit der Luftmasche fängt alles an. Gerade nimmt Karin (70) die ersten Schlingen auf. Sie will ein Stirnband mit einem besonders ausgefallen Muster häkeln und weiß nicht recht, wie es geht. Dafür ist die Perle da. Sie zündet Kerzen an. Sie bringt Tee. Sie erklärt die ersten Schritte. Und Karin ist glücklich. Petra Perles Wolleparadies hat sie bei einem Spaziergang entdeckt, inzwischen kommt sie regelmäßig hierher, schon wegen der Tipps und Tricks und weil halt die Perle auch ein Ereignis ist.

Zu Perles Werken gehört eine Krone, mit der sie für einen ­Moment tz-Kolumnistin ­Ulrike Schmidt krönt.

Unangepasst wie eh. Konservatives strickt sie partout nicht. Zum Beispiel Ringelpullover. Lieber setzt sie ihrem Freund, dem Allroundkünstler Albrecht von Weech, eine Krone auf, in die sie eineinhalb Tage ihres Lebens gehäkelt hat. „Der einzige Luxus unserer Zeit ist die Zeit.“

Ab 11 Uhr ist Petra Perle live im Laden. Es gibt keinen Urlaub und keine Vertretung – nur Perle. Auf alle Fälle die nächsten acht Jahre noch. Außer sonntags und montags, da bleibt Hot Wollé zu und die Perle schöpft neue Energie – in ihrem Schrebergarten und mit ihrem Mann, dem Filmkomponisten und Schlagzeuger Harald Kümpfel, mit dem sie zwei erwachsene Söhne hat. Für die drei Männer strickt sie eher selten – die haben ihren eigenen Style. „Mein Mann ist seit über 30 Jahren mein bester Ratgeber – er hat immer einen klaren Blick auf die Dinge.“ Ihr Harald, der Sohn von TV-Kritik-Legende Ponkie.

„Wenn i wo net häkeln kann, geh i sowieso net hi.“

Auf roten Teppichen oder Partys sucht man die Perle inzwischen vergeblich. „Wenn i wo net häkeln kann, geh i sowieso net hi.“ ­Und überhaupt – sie muss viel denken. Zwei Bücher hat sie schon geschrieben (Petra Perles Hot Wollée – GrannyMania: ­Häkeln im Quadrat und MützenMania: Meine Lieblingsmützen und Beanies – gehäkelt und gestrickt). Und drei neue Bücher hat Petra Perle derzeit im Kopf. Dazu viele neue Anleitungen, die sie erst träumt und dann selbst erst einmal ausprobieren muss – es darf keine Fehler geben. Auch das ist Kunst.

Und wie immer: Alles fängt mit einer Luftmasche an. „Kreativität setzt Energie frei und führt zu immer weiterer Kreativität“, erklärt die Perle ihr Glücksprinzip. Sie freut sich auf jeden neuen Tag und auf die Menschen, die ihr das Leben in den Laden spült – auch zehn Männer zählen zur Stammkundschaft.

Zu viel wird es ihr selten. „Ich hab hier sehr viel zum Lachen“, sagt die Perle. „Es gibt viele lustige Dialoge.“ Die Besten schreibt sie auf – ein Fundus, aus dem sie später schöpfen wird. Wenn sie sich wieder mal neu erfindet, und wenn sie die erste Luftmasche eines neuen Lebens häkelt.

Ulrike Schmidt

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