Mängel bei Münchner Heimen

Pflegeexperte Fussek: So erkennen Sie eine gute Einrichtung

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Pflegeexperte Claus Fussek.

München - Recherchen haben - wieder einmal - erhebliche Mängel bei Münchner Pflegeheimen aufgedeckt. Der Pflegeexperte Claus Fussek erklärt im Interview, warum in Sachen Pflege längst eine "etablierte Ohnmacht" in Politik und Gesellschaft herrscht.

Pflegeheime in München und Umgebung sind extrem teuer, haben aber trotzdem jede Menge Mängel. Das Recherchezentrum correctiv.org hat für die tz Daten zu allen Pflegeheimen der Region ausgewertet, um den Vergleich von Qualität und Preisen der Heime zu erleichtern.

Denn die offiziellen Pflegenoten des Pflege-TÜV des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) täuschen: Altenheime in Bayern werden da meist „sehr gut“ bewertet – die deutsche Durchschnittsnote ist 1,2!

Das sagt aber kaum etwas über die tatsächliche Heimqualität aus. So ergibt die Auswertung von correctiv. org, dass ganze 77,4 Prozent der Heime in Bayern in mindestens einem medizinisch relevanten Punkt schlecht bewertet wurden.

Und auch die Münchner Heime schneiden nicht wirklich gut ab - die tz hat eine Mängelliste für 69 Heime erstellt. Die detaillierten Auswertungen  finden Sie hier.

Wir haben den Münchner Pflegeexperten Claus Fussek (63) zu den Recherchen von correctiv.org befragt:

Herr Fussek, können die aufgedeckten Mängel Sie noch schockieren?

Claus Fussek: Mich haben die Ergebnisse der Recherche nicht sonderlich überrascht, sagen wir es so. Ähnliche Mängel bei Pflegeheimen sind auch in den MDK-Berichten zu lesen, nur sind sie da anders gewichtet. 

Inwieweit können die Ergebnisse eine Hilfe für Münchner bei der Heim-Suche sein?

Fussek: An der Liste können Angehörige eher als über die MDK-Note erkennen, ob ein Heim gut ist. Sie kann eine ganz vage Orientierung liefern. Meiner Meinung nach ist es aber generell nicht möglich, ein Pflegeheim als Ganzes zu bewerten. 

Warum? 

Fussek: Jedes Heim ist von Station zu Station und Schicht zu Schicht verschieden. Deswegen sollte bei der Suche nach einem Heim vor allem Mund-zu-Mund-Propaganda eine Rolle spielen. Außerdem muss das Haus in der Nähe der Angehörigen sein – und die auch regelmäßig nach dem zu Pflegenden schauen. Machen Sie einen Vor-Ort-Termin aus und achten Sie genau auf die Stimmung. Ist Leben im Haus oder herrscht eine sterile Krankenhaus-Atmosphäre? 

Was ist noch wichtig? 

Fussek: Fragen Sie die Heimleitung etwa, ob es Beschwerden gibt. Wenn die Leitung Nein sagt, dann können Sie gleich wieder gehen. Es ist wichtig, dass mit Kritik offen umgegangen wird. Das ist ein Indiz für ein gutes Heim. 

Muss sich auch an der Einstellung von uns allen etwas ändern?

Fussek: Das große Problem beim Thema Pflege ist eine längst etablierte Ohnmacht in Gesellschaft und Politik. Bei den aktuellen Recherchen kam heraus, dass mehr als 30 Prozent aller Heime die Bewohner nicht vorschriftsmäßig mit Nahrung und Flüssigkeit versorgen. Stellen wir uns mal den Aufschrei vor, wenn in 30 Prozent aller Zoos die Tiere mangelernährt wären. Dann wäre die Empörung zu Recht groß! An der Flutkatastrophe sehen wir gerade, wie groß die Solidarität in der Gesellschaft ist. Die Pflegekräfte müssen sich endlich mit den Angehörigen solidarisieren – und gemeinsam die Probleme aufzeigen. Denn im Grunde wissen doch alle Bescheid, wie die Situation in den guten und den schlechten Heimen ist. 

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