Der Wächter der wertvollen Wälzer

Geheimes München: Uralte Kostbarkeiten unter der Uni

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Die Regale werden nach Gebrauch exakt wieder an die gleichen Stellen zurückgedreht. Damit jedes Buch genauso viel Luft und Zirkulation abbekommt wie zuvor.

München - Die tz stellt in dieser Serie die Flecken Münchens vor, die normalerweise der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Wir blicken hinter die Kulissen. Heute: Der Keller der Universität.

Geheime Bücher kennen Lese-Fans etwa aus Der Name der Rose. Umberto Eco hat den Roman verfasst. Der Beginn eines bis heute anhaltenden Mittelalterroman-Booms. Auch in München gibt es versteckte, geheime Bücher. Zutritt zu denen hat nur einer: Sven Kuttner. Er hat auf seiner Visitenkarte nicht nur den Titel „Stellvertretender Direktor der Universitätsbibliothek der LMU“ stehen. Sondern er ist auch Abteilungsleiter für den Bereich „Altes Buch“. Heute hat er für die tz die schwere Stahltür aufgesperrt – zu alten Büchern, ebenso wertvollen wie (ge)wichtigen Wälzern.

Die Tür gibt den Blick frei auf einen ehemaligen Luftschutzbunker. Das Licht geht automatisch an, auch Temperatur und Atemluft sind streng geregelt. Jeden Tag sorgen Maschinen für konstant 55 Prozent Luftfeuchtigkeit und angenehme 16, 17 Grad. Tief unten im Keller der Ludwig-Maximilians-Universität befindet sich das so genannte Handschriften und Rara-Magazin. Es sind wohl die wertvollsten Bücher der Stadt!

Ludwig-Maximilians-Universität in München

Der Bunker wurde in den 90er-Jahren saniert und dann der Uni zur Verfügung gestellt. Das Magazin zog 2008 ein. Es umfasst 3500 Handschriften, davon über 650 aus dem Mittelalter. Es gibt 3600 Inkunabeln, das sind Bücher, die zwischen der Fertigstellung der Gutenberg-Bibel im Jahr 1454 und dem 31. Dezember 1500 mit beweglichen Lettern gedruckt wurden. Ferner beherbergt die geheime Bücherei 14 000 Bände Rara, also seltene Bücher. Und darunter viele, von denen die Universität in München weltweit die einzigen Exemplare hat – etwa Werke von Johannes Eck, der in Ingolstadt wirkte, wo die LMU 1472 gegründet wurde. Oder Bücher mit besonderen Lithografien, Holz- oder Kupferschnitten. Geordnet sind die Bände auf 140 Quadratmetern nach Größe, in Oktav, Quart und Folio.

„In erster Linie ist es ein Raum mit spezieller Sicherheitsstufe“, erläutert Sven Kuttner. Und dann gibt es in dem Sicherheitsraum noch mal mehr Sicherheit. Zahlenschlösser, Tresore! Weil die Bücher ideell unbezahlbar sind. In Zahlen: „Wir haben hier Werke, die für vier, fünf, sechs Millionen Euro versichert sind!“

Das wertvollste ist wohl das Evangeliar Karls des Großen. Das hatte die Ludwig-Maximilians-Universität vor zwei Jahren zur großen Karl-Ausstellung nach Aachen geschickt. Das Buch ist um 800 entstanden – also rund um das Jahr, in dem Karl in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde (siehe Kreis unten, „Das Wertvollste“).

Oder es gibt die faszinierende Lex Baiuvariorum. Eine wohl im achten Jahrhundert entstandene Sammlung des Volksrechtes der Bajuwaren. „Bis heute ist umstritten, wo und wer es geschrieben hat“, sagt Kuttner. Fest steht: „Wir haben es hier in der ältesten erhaltenen Fassung.“ Wir gehen weiter zum Hausbuch des Michael de Leone (um 1350) mit seiner Überlieferung mittelhochdeutscher Literatur und dem ältesten deutschsprachigen Kochbuch.

Die Herkunft der Bücher ist unterschiedlich. Die spätere LMU ist im Spätmittelalter in Ingolstadt gegründet worden, die Bibliothek ist 1473 nachweisbar. Den Ur-Bestand belegt ein Katalog des frühen 16. Jahrhunderts.

Noch in Ingolstadt wurde die Bücher-Sammlung immer wieder erweitert, beispielsweise durch die Bibliothek des aufgelösten Jesuitenordens. Um 1800 zog die Uni nach Landshut, 1826 dann nach München. Die Bücherei war im Nordflügel untergebracht.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, 1944, schlugen hier die Fliegerbomben ein. „Da waren die wertvollsten Bestände bereits woanders untergebracht“, sagt Kuttner. Dennoch: Die Bibliothek verlor etwa ein Drittel ihres Bestandes. „Am meisten schmerzt der Verlust der Leibniz-Briefe“. Der Universal-Gelehrte hatte umfangreiche Korrespondenz geführt. Die ist unwiederbringlich verloren.

Das Evangeliar Karls des Großen ist für knapp sechs Millionen Euro versichert.

Haben Sie unter all den Schätzen ein Lieblingsbuch, Herr Kuttner? „Ja: ein Werk von Lorenz von Stöhr. Es geht um geometrische Formen.“ Entstanden ist die frühneuzeitliche Handschrift in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Faszinierend daran sei, dass der Autor zwar schon lange tot ist, aber dennoch eine Verbindung in die Moderne bringt. Bücher leben.

Das Wertvollste: Das Evangeliar Karls des Großen ist für knapp sechs Millionen Euro versichert. Es entstand um 800 n. Chr. und ist und eines der wenigen in Deutschland erhaltenen Werke der Karlsschule.

Das Schönste: Dieses Buch ist eine der schönsten deutschen Handschriften des 13. Jahrhunderts. Mit einer „bewohnten Initiale“, also eines große ersten Buchstabens, das hier David gegen Goliath zeigt. Geschrieben wurde der Kodex wohl um 1230 im Zisterzienserkloster Eb­rach bei Würzburg.

Das kleinste Buch der Welt ist ein Vaterunser, das erstmals im Jahr 2000 gedruckt worden ist und 3,5 x 3,5 Millimeter misst. Das schwerste und größte Buch der LMU ist ein Atlas aus Italien aus dem 18. Jahrhundert. Er wiegt 45 Kilogramm und ist 1,10 Meter hoch.

Geheimes München - die tz-Serie

Teil 1: Was sich unter dem Stachus verbirgt

Teil 2: Das größte Glockenspiel Deutschlands

Teil 3: Der Bunker an der Blumenstraße

Teil 5: Das Pumpenwerk unterm Hofgarten

Teil 6: Vier Verstecke unter der Stadt

Teil 7: Europas größtes Rückhaltebecken

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