Manchmal ist weniger eben doch mehr

So sieht's in Münchens erstem verpackungsfreien Supermarkt aus

München - Müll vermeiden lautet das Credo von Hannah Sartin: In der Maxvorstadt hat die 31-Jährige Münchens ersten verpackungsfreien Supermarkt eröffnet. Ein Besuch im Laden.

Muss das Müsli, das schon in einer Plastiktüte steckt, wirklich noch von einem Pappkarton geschützt werden? Müssen Teebeutel einzeln verpackt sein? Und warum brauchen Paprika eine Plastikfolie? Fragen, die sich viele stellen – und auf die Hannah Sartin eine deutliche Antwort hat. Nein, das alles muss nicht sein, es geht auch ohne – so hat die 31-jährige Münchnerin auch ihren Laden genannt, den sie am Samstag in der Maxvorstadt eröffnet hat: „OHNE – der verpackungsfreie Supermarkt“. Doch wie funktioniert das Einkaufen dort in der Praxis?

Das Geschäft an der Schelllingstraße 42 kommt ganz puristisch daher, ohne Schnickschnack: weiße Wände, Einbauten aus hellem Holz, Glühbirnen statt Lampen. Von der Verkaufstheke aus begrüßen Hannah Sartin und ihre Geschäftspartnerin Christine Traub jeden, der den Laden betritt, persönlich. Und helfen den Kunden, sich zurechtzufinden. Hannah sagt: „Es ist in unserem Sinne, wenn die Kunden ihre eigenen Behältnisse mitbringen.“ Dann zeigt sie auf einen Tisch: Darauf stehen Pfandbehälter, Baumwollsäckchen und „Notfalltütchen“ aus Papier – für alle, die spontan vorbeikommen.

Die Kunden sollen im besten Fall ihre eigenen Behältnisse mitbringen

Lebensmittelspender gibt es im Laden für Müsli, Kaffee, Linsen und Co.

Julia Pfau betritt den Laden. Sie ist vorbereitet, hat eine Tupperdose dabei. Die 29-Jährige hatte der Eröffnung des Ladens entgegengefiebert. Sie wohnt in der Maxvorstadt und hatte schon vor Wochen mitbekommen, dass bei ihr ums Eck bald der erste verpackungsfreie Supermarkt Münchens eröffnet. Julia holt ihre Dose hervor, stellt sie auf die Waage am Eingang und notiert das Gewicht – so wird später an der Kasse auch wirklich nur der Inhalt berechnet. Dann geht sie zu den großen Lebensmittelspendern: Nudeln, Reis, Kaffee, Müsli und Co. zum Zapfen. Julia ernährt sich vegan und will am Abend ein Dal kochen, ein indisches Gericht mit Hülsenfrüchten. „Hier kann ich mir so viele Linsen abfüllen, wie ich wirklich brauche, und nichts bleibt übrig“, sagt sie begeistert. „Mich stört es total, dass sonst alles 1000 Mal in Plastik verpackt ist.“ Außer den Linsen braucht Julia heute nichts, für einen kompletten Einkauf wäre es ihr in dem Bio-Laden auch zu teuer, gesteht sie. An der Kasse stellt Inhaberin Christine die Tupperdose auf eine Waage: exakt 500 Gramm Linsen hat Julia abgefüllt. „Wow, du hast es ja drauf“, staunt Christine. Julia lacht. „Ich bin ein paar Mal zurück zur Waage gegangen und habe immer noch ein paar Körner dazugetan“, erzählt sie. 2,50 Euro zahlt Julia für ihre Linsen und verlässt beschwingt das Geschäft.

Haarseife statt Shampoo, Menstruationstassen statt Tampons

Christine Traub erklärt Autorin Janina Ventker die Menstruationstasse.

Die Linsen abzufüllen war einfach, doch was, wenn ein Kunde Zahnpasta oder Shampoo braucht? Oder eine Kundin nach Tampons fragt? Dafür gibt es im Laden unkonventionelle – und vielleicht auch etwas gewöhnungsbedürftige – Alternativen. Statt Shampoo etwa Haarseife (ab 5,20 Euro). „Die schäumt ganz wunderbar, ich benutze die auch immer“, erzählt Hannah Sartin. Statt Zahnpasta gibt es Zahnputztabletten (100 Gramm für 13,95 Euro), die schäumen, sobald sie in den Mund gelangen. Tampons findet man natürlich nicht, die würden Müll produzieren, stattdessen: Menstruationstassen – kleine auswaschbare Silikonbehältnisse. „Das ist eine tolle Sache, die kann man bis zu zehn Jahre lang benutzen“, schwärmt Christine Traub. Nun ja, über Menstruationstassen muss sich Benedikt Rossiwal keine Gedanken machen. Der 30-Jährige steht rechts vom Eingang. Er hat Baby Philomena, drei Monate alt, in einem Tuch vor den Bauch gewickelt. Seine Freundin Tina Schmidt, 30, begutachtet das – natürlich unverpackte – Gemüse in den Holzkörben neben dem Eingang. Vieles davon kommt von der Firma Etepetete. Die selbsternannten „Gemüseretter“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, krumme Gurken und Karotten zu vermarkten, die nicht der Norm entsprechen und sonst vernichtet würden. Tina scheint nichts gegen krummes Gemüse zu haben und packt eine Pastinake in ihren Korb.

48.734 Euro kamen beim Crowdfunding zusammen

Tina und Benedikt sind aus Giesing in den neuen Laden gekommen.

Das Paar ist extra aus Giesing in die Maxvorstadt gekommen, um den neuen Supermarkt auszutesten. „Wir kennen das aus Dresden und finden es super, dass es sowas jetzt auch hier gibt“, sagt Benedikt. Dass er dazu beigetragen hat, dass der Laden eröffnen kann, verschweigt er zunächst ganz bescheiden. Tina und Benedikt haben nämlich beim Crowdfunding (wir berichteten) mitgemacht. Inhaberin Hannah Sartin hatte über das Internet Geld für die Startfinanzierung ihres Supermarkts gesammelt – am Ende kamen 48 734 Euro zusammen. 30 Euro hatten die jungen Eltern Tina und Benedikt gegeben. Dafür haben sie einen Gutschein bekommen, den sie gegen Süßkartoffeln, getrocknete Bananen – und die krumme Pastinake – einlösen.

OHNE – der verpackungsfreie Supermarkt an der Schellingstr. 42 hat montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr sowie samstags bis 17 Uhr geöffnet.

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare