Große Umfrage von Merkur.de und tz.de

Mietspiegel: So reagieren Reiter und der Mieterverein

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München - Münchens Mieten sind hoch. Wie hoch genau, haben wir in einer Umfrage ermittelt. Das sind die Reaktionen vom Mietverein, OB Reiter und dem Verband der Haus- und Grundstücksbesitzer.

Es ist das heißeste Thema der Stadt – und ausgerechnet dabei ist die Kluft zwischen den offiziellen Zahlen und der Realität oft riesig. Wie viel Miete zahlen die Münchner? Klar: Es gibt den Mietspiegel der Stadt – aber der erfasst nicht alle Werte. In einer großangelegten Umfrage haben die tz und der Münchner Merkur jetzt deshalb zusammen mit Ihnen, liebe Leser, den wahren Mietspiegel ermittelt. Ergebnis: Die Werte aus dem Rathaus liegen deutlich unter dem, was die Münchner wirklich zahlen!

Unsere Umfrage zeigt: Die wahre Durchschnittsmiete beträgt 13,58 Euro pro Quadratmeter kalt! Betrachtet man alle Daten für die ganze Stadt, dann zahlt ein Münchner im Schnitt 912,42 Euro monatlich, die Nebenkosten betragen 195,70 Euro. Die Wohnungen sind im Mittel 68,97 qm groß, insgesamt leben durchschnittlich 1,97 Personen in einem Appartement.

Mit 13,58 Euro müssen die Münchner also deutlich mehr für ihre Wohnung ausgeben als der städtische Mietspiegel mit 10,37 Euro suggeriert. Wir zeigen auf diesen Seiten anhand eines Beispiels, wie sich die Miete in 70 Jahren verändern kann. Außerdem kommen Mieterverein, Oberbürgermeister und der Haus- und Grundbesitzerverein zu Wort.

Das sagt der Mieterverein: "Es braucht günstigen Neubau"

Für den Mieterverein München zeigt die Umfrage von tz und Münchner Merkur vor allem, „dass viele Münchner bereit sind, sehr hohe Mieten zu zahlen, auch wenn sie deutlich über dem Mietspiegel liegen“, sagt Vereins-Chefin Beatrix Zurek. Ein statistisches Gesamtbild gebe die Umfrage aber nicht ab.

Beatrix Zurek.

Der städtische Mietspiegel sei immer noch ein sinnvolles und wichtiges Instrument. „Er kann bei einem bestehenden Mietvertrag vor einer Mieterhöhung schützen.“ Allerdings drängt auch der Mieterverein darauf, dass dieses freiwillige städtische Instrument reformiert wird. „Zurzeit fließen die Neuvermietungen der vergangenen vier Jahre ein, wir fordern seit Langem, dass auch die länger bestehenden Mietverträge eingerechnet werden müssen“, sagt Zurek.

Nur so würde ein statistisch saubereres Bild von dem entstehen, was die Münchner zahlen. Nicht nur die, die neue Mietverträge haben, sondern auch eben jene, die seit vielen Jahren ein stabiles Mietverhältnis haben und deutlich weniger zahlen, als der Markt heute diktiert.

Bei Neuvermietungen soll der Mietspiegel ein Anhaltspunkt für die Mietpreisbremse sein: „Das funktioniert leider nicht.“ Unter anderem, weil dieses Instrument nicht für Neubauten gilt oder nach umfassenden Modernisierungen greift.

Daher und auch wegen der Umfrage sei es wichtig, dass bei Neubauten bezahlbarer Wohnraum entsteht – das ist zu selten der Fall, vor allem auf nicht-städtischen Flächen. Wenn eine Neubauwohnung im Durchschnitt 17 Euro/qm Miete kostet, ist ja selbst die Mittelschicht außen vor. „Deswegen muss es Kommunen mit solchem Wohnraummangel wie München möglich gemacht werden, auch der Privatwirtschaft mehr Auflagen zu machen, etwa Mietobergrenzen.“

Das sagt OB Reiter: "Wir müssen alles versuchen"

Dass Wohnen in München insgesamt teuer ist, weiß Oberbürgermeister Dieter Reiter (58, SPD) freilich. „Insoweit überrascht das Ergebnis der Umfrage von tz und Münchner Merkur nicht. Natürlich auch deshalb, weil sich erfahrungsgemäß tendenziell eher Münchner, die sich zu Recht über hohe Mieten beklagen, an solchen Umfragen beteiligen.“ Daher müsse man schon eine differenzierte Betrachtung anstellen.

OB Dieter Reiter.

Auch in München gebe es Wohnungen, die unter dem Durchschnittswert des Mietspiegels liegen – wenn auch zu wenige. „Ich denke da an die mehr als 60 000 städtischen Wohnungen, Wohnungen von Genossenschaften oder solche mit langjährigen unveränderten Mietverträgen.“ Dass in München so hohe Mietpreise aufgerufen werden, liegt laut OB an der „extrem hohen Nachfrage“. „Deshalb sind wir dabei, das Angebot an Wohnungen deutlich zu erhöhen, deutlich mehr Wohnungen zu bauen und dabei beispielsweise den Bau von Genossenschaftswohnungen verstärkt zu fördern.“

Die gemeinsame Umfrage von tz und Münchner Merkur zeige auch deutlich auf, dass Mieten von Genossenschaftswohnungen in der Regel weit unter dem Wert privat vermieteter Wohnungen lägen. „Neben den städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind also auch Genossenschaften ein Garant für langfristig bezahlbare Wohnungen.“ Nur wenn es wieder mehr bezahlbare Wohnungen gebe, bestehe die Chance, die Mietpreisspirale abzuschwächen.

„Wir werden das Thema bezahlbare Mieten in München sicher nicht von heute auf morgen lösen können, aber wir müssen alles versuchen, um es zumindest zu entschärfen.“

Das sagt Haus & Grund: "Die Zahlen stimmen nicht"

Dass der Mietspiegel nicht die wahren Mietzahlungen in München abbildet, kritisert der Verband der Haus- und Grundstücksbesitzer München seit Langem. „Das Ergebnis der Leser­umfrage deckt sich ziemlich exakt mit den von unserem Haus ermittelten Mieten“, sagt Verbands-Chef Rudolf Stürzer. Laut einer Umfrage unter 8000 Mitgliedern habe die Nettokaltmiete Ende 2015 rund 13,20 Euro betragen.

Rudolf Stürzer.

„Die Stadt wird jetzt argumentieren, der Münchner Mietspiegel sei schließlich wissenschaftlich erstellt.“ Dabei verschweige sie aber gern, dass nach der Rechtsprechung die wissenschaftliche Erstellung nichts über die Richtigkeit des Mietspiegels aussage. Dies könne nur durch die Prüfung insbesondere der eingeflossenen Daten geklärt werden. Auf Herausgabe dieser Daten klagt der Verein! Stürzer: Es geht um die Frage, ob 3000 Daten des Mietspiegels für die 550 000 Münchner Mietwohnungen repräsentativ sind und warum von den 25 000 tatsächlich erhobenen Daten nur 3000 in den Mietspiegel einfließen durften.“

Im Gegensatz zu anderen Großstädten mit qualifizierten Mietspiegeln, in denen die eingeflossenen Daten mit den Verbänden diskutiert würden, wehre sich die Stadt gegen jegliche Einsichtnahme.

„Dass der Münchner Mietspiegel nicht stimmt, weiß jeder, der den Wohnungsmarkt kennt. Dies wird durch Ihre Leserumfrage jetzt erneut bestätigt.“ Der Mietspiegel soll ein niedriges Mietniveau vortäuschen, um damit Mieterhöhungen und seit Inkrafttreten der Mietpreisbremse auch Neuvermietungen zu deckeln. „Aus rechtlicher Sicht ist dies ein Missbrauch des Mietspiegels.“ Ein solcher soll die Mieten so abbilden, wie sie sind. Unabhängig davon, ob dies Mietern oder Vermietern gefällt.

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