Vorzeige-Neubau für junge Flüchtlinge

Moosach: Anwohner klagen gegen Asyl-Unterkunft

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Inoffiziell, sagt Andreas Bodmeier von der Münchener Hausbau, wollen die Anwohner keine Flüchtlinge hier haben.  

München - In München entstehen weiterhin Unterkünfte für Geflüchtete. An der Scharnhorststraße in Moosach hat jetzt ein Vorzeigeprojekt für junge Asylbewerber eröffnet. Doch Anwohner wehren sich – und haben die Stadt verklagt.

Die Scharnhorststraße in Moosach, südwestlich vom Olympia-Einkaufszentrum, ist eine gewöhnliche Wohnstraße. Mehrfamilienhäuser, parkende Autos, Nachbarinnen, die sich über den Gartenzaun unterhalten. Seit kurzem fügt sich ein nagelneuer Bau in das Ensemble aus Siebzigerjahre-Beton ein: Nummer 16 ist ein Wohnhaus für junge Flüchtlinge, am Freitag wurde es eröffnet. Und das missfällt einigen Anwohnern dermaßen, dass sie die Stadt verklagt haben.

Von einem „Vorzeigeprojekt“ spricht Knut Schweighöfer, der das schmale Haus entworfen hat. Der Architekt und Geschäftsführer der Münchener Hausbau GmbH betont, wie sehr er mit der Stadt an einem Strang gezogen habe, um ein sinnvolles Konzept zu erarbeiten. Wohnen sollen hier Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren für die Dauer einer Berufsausbildung: Nach der Zeit in der Jugendhilfe sollen sie nun lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Architektur wirkt einladend: sechs Geschosse, 33 Appartements à 15 Quadratmeter mit Küchenzeile, große Fenster, ein Gemeinschaftsraum. Zwei Sozialarbeiter sind vor Ort, der Pförtner wacht bis Mitternacht.

Klage mit kleiner Mehrheit

Neu und hell präsentiert sich das Wohnhaus für junge Flüchtlinge an der Scharnhorststraße 16. Doch Anwohner aus Haus 18 (oben, ganz rechts) haben gegen die Stadt geklagt: offiziell, weil die Fluchttreppe im Hinterhof (oben) nicht vorschriftskonform gebaut sei.  

Ursprünglich wollte Schweighöfer hier zehn Eigentumswohnungen bauen. Dann aber, sagt er, habe er mit der damaligen Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) verabredet, das Haus für heranwachsende Flüchtlinge umzuplanen. Nun hat er es für 15 Jahre an die Stadt vermietet – freilich nicht nur wohltätig: „Ortsübliche“ 16,50 Euro pro Quadratmeter zahle die Stadt pro Monat.

Doch nun grätscht den Häuslebauern die Eigentümergemeinschaft aus dem Nachbarhaus Nummer 18 dazwischen. Mit einer kleinen Mehrheit klagt sie gegen die Baugenehmigung: Die Art der Nutzung im reinen Wohngebiet sei unzulässig. Gestern war mündliche Verhandlung vorm Verwaltungsgericht, heute soll die Entscheidung verkündet werden. Die Richterin habe bereits klargemacht, dass die Nutzung zulässig sei, sagt Andreas Bodmeier, der den Vertrieb der Münchener Hausbau leitet: weil sie als gewöhnliche Wohnnutzung gelte. Schweighöfer zufolge könnte die Klage jedoch bedrohlich werden, weil sie sich auch darauf stützt, dass die Fluchttreppe im Hinterhof nicht vorschriftskonform gebaut sei. „Aber da können wir nachbessern“, sagt er. Zusätzlich läuft ein Zivilprozess gegen die Zufahrt zur Tiefgarage des Flüchtlingshauses, die durch die Garage von Haus 18 verläuft. Per einstweiliger Verfügung wurde der Durchbruch gestoppt. Sozial- und Baureferat konnten gestern noch nichts zu dem Fall sagen.

Von wegen friedliebendes München: Anwälte munkeln, hier werde fast keine Flüchtlingsunterkunft gebaut, bei der es im Vorfeld nicht zu Klagen komme. Exemplarisch steht die Scharnhorststraße: Warum wehren sich Anwohner gegen eine Fluchttreppe, um die ganze Baugenehmigung auszuhebeln? Bodmeier findet es „schade, dass formelle Gründe vorgeschoben werden, weil man keine Flüchtlinge hier haben will“.

Angst vor Kriminalität, Streit zwischen verschiedenen Nationalitäten - und Rechtsradikalen

Ist das so? Erwin Drechsler (Name geändert) wohnt seit Jahrzehnten in Haus 18. Er ist Mitkläger. Warum? Drechsler, ein freundlicher, offenherziger Mann über 70, spricht erst von den rechtlichen Bedenken wegen der Fluchttreppe und den Tiefgaragen. Dann sagt er, immer noch lächelnd: „Wir haben Angst, dass die Asylanten in unser Haus kommen.“ Die Türen zwischen Garage und Haus sind aus Feuerschutzgründen nicht abschließbar. „Vor allem die Frauen haben Angst. Dass ihnen im Haus jemand auflauert. Es ist ja schon einiges passiert.“

Politisch will sich Drechsler nicht festlegen, nur emotional: Er habe „ein bisschen ungutes Gefühl. Ich habe nichts gegen Asylanten, aber man hört ja schon einiges.“ Er fürchtet Kriminalität, Streit zwischen Menschen verschiedener Nationalität. Zugleich sorgt er sich aber auch, dass in seiner Straße Rechtsradikale auftauchen könnten. Besser fände er, wenn Familien einziehen würden, „von mir aus auch Asylanten. Aber junge Männer? In einer Wohngegend?“ Wo man sie lieber unterbringen sollte, dazu fällt ihm nichts ein.

Immerhin vertraut er darauf, dass die Jungs gut betreut sind. Und dass man den ein oder anderen sogar kennenlernt. „Es kann alles gut werden“, sagt er. Auch Bodmeier ist zuversichtlich: Schließlich hätten sich andere Bewohner aus Haus 18 für die Flüchtlinge ausgesprochen – und Klage gegen die Klage eingereicht.

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