Früher blank, heute bedeckt

tz-Test: Wie nackert sind die Münchner im Englischen Garten?

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Blick in den Englischen Garten 2016.

München - Der Englische Garten war schon immer ein geeigneter Platz, um die Seele baumeln zu lassen. Doch wie freizügig sind die Münchner heutzutage noch?

Das waren noch Zeiten - die älteren Semester erinnern sich -, als die Nackten und die Angezogenen aufeinanderprallten. Im Englischen Garten bevorzugt - und heute? Konstatieren wir: Die Nackerten sterben langsam aus! Wir sahen und hörten uns im Englischen Garten um. Wie's heute ist und früher war:

2016: So sieht's heute aus

Da stehen sie nun im Englischen Garten und schauen in die Röhre. Die Kamera ist bereit, doch auf den Gesichtern zeichnet sich sichtlich die Enttäuschung ab. Kevin (34) und Jocelyn (27) aus Melbourne aus Australien machen bei uns grad Urlaub. Ihr Tour-Guide hat ihnen einen Extra-Tipp für den Englischen Garten gegeben: die Nackerten! "Bei uns gibt es so was nicht mitten im Park", sagen sie. Doch bis jetzt haben sie keinen einzigen Nackerten vor die Linse bekommen. Na prost!

"Hüllenlos liegen da nur noch ein paar Ältere", weiß Peter Posch (45), Polizist im Englischen Garten. Immer wieder fragen ihn Touristen, wo sie liegen. In Reiseführern sind sie noch deutlich präsenter als im richtigen Leben. Hier und da erspäht man noch ein braun gebranntes Urgestein, doch keine jungen Gesichter. Die Nackerten sterben aus!

In den 70ern und 80ern sah das ganz anders aus. Beim Flanieren im Englischen Garten, am Steckerlfisch-Stand, sogar in der Tram war nicht jedes Hinterteil bedeckt. Das Adamskostüm war Sensation und Zankapfel. In Politik, Medien, Kirche und ganz einfach unter de Leit.

Heute ist nicht mehr viel übrig geblieben - weder von dem leidenschaftlichen Für und Wider noch von der berühmten Münchner Freizügigkeit. Dabei kann man in der Stadt noch immer an sechs Bereichen der FKK-Lust frönen: An der Brudermühlbrücke, Maria Einsiedel, der Isarinsel Oberföhring, der Schönfeldwiese und an Teilen des Flaucherstegs ist Nacktbaden erlaubt.

Am berühmtesten ist wohl die Schwabinger Bucht des Englischen Gartens. Doch auch hier muss man schon ganz genau hinschauen, um ein Nacktexemplar zu entdecken. Der Letzte der Nackerten, den wir erblickten, ist Alexander Snehotta (47). Sterben die Nackerten bald aus? "Na", sagt er, "ein paar Verrückte wird’s immer geben."

Und wo bleibt der Nachwuchs? Haben es die sozialen Medien geschafft, dass sich keiner mehr raustraut? Ist die ganze Gesellschaft prüde geworden? Oder ist heuer einfach der verflixte Sommer schuld, der lange die Lust verregnet hat?

Kevin und Jocelyn sind noch ein bisserl da und probieren's noch einmal. Vielleicht klappt's ja besser am Flaucher.

Der letzte seiner Art? Ich bin so frei!

Er hat sein Revier ganz in der Nähe des Wassers. Er genießt die Sonne, liegt ganz ruhig da. Doch wie lange noch? Gilt er bald als ausgestorben, wie Mammut oder Dinosaurier vor ihm? Er ist einer der letzten Münchner Nackerten! Sein Name: Alexander Snehotta (47).

Früher tummelten sie sich in Herden, vor allem im Englischen Garten war ihr natürlicher Lebensraum. Snehotta liegt seit über 30 Jahren am Schwabinger Bach. Nicht durchgehend, aber wenn er Zeit hat, versteht sich, und das Wetter mitspielt. "Ich bin schon mit meinem Opa hergekommen", erzählt er. Damals waren die Wiesen voll von Nackerten. An diesem Vormittag genießen bei bestem Wetter vielleicht eine Handvoll Münchner die Sonne so, wie Gott sie schuf. Was ist mit dem Rest passiert?

Den Mammuts wurde durch die Eiszeit der Stecker gezogen. Ist der Klimawandel also schuld am Aussterben einer weiteren Spezies? Snehottas Theorie: Schuld sind - natürlich! - die Preißn! "Die kennen das halt nicht, es gibt halt kaum mehr Münchner", sagt der Künstler. Er weiß, dass grad die US-Touristen fasziniert sind. Stören tut's ihn nicht. "Des passt scho, wenn jemand schaut." Ungemütlich kann's für Spanner werden. "Gerade wenn Frauen begafft werden, gehen wir da hin."

Snehotta ist sich sicher: "Es wird immer Verrückte geben. Diogenes legte sich in die Tonne und ich an den Bach", lacht er.

1981: So ging's früher zu

Unser Fotograf Heinz Gebhardt erinnert sich, wie es in den 70ern und frühen 80ern so zuging. Die nackte Wahrheit:

"Nach den ersten Gerüchten über Nackerte im Englischen Garten tauchten 1974 die ersten unscharfen Fotos auf. Die tz schickte mich los: 'Schau mal, ob die tatsächlich alle nackert herumliegen.' Sie lagen nicht nur herum wie Gott sie schuf, sondern radelten oder tranken eine Mass am Chinaturm. Nicht viele, aber sie fielen auf.

Von einem Sommer zum anderen ließen immer mehr die Badehose runter und sonnten sich ohne Bikini auf der Schönfeldwiese. Ende der 70er war oben und unten ohne zum Standard-Outfit beim Monopteros geworden.

Da die Stadt gegen die paradiesischen Zustände erst mal nix unternahm, sah der Münchner Katholikenrat 1979 Handlungsbedarf und wetterte auf einer Bürgerdiskussion mit 2000 Befürwortern und Gegnern der Nacktkultur gegen das Treiben - am Ende müsse man womöglich noch "Reservate für die Anständigen erkämpfen". Bürgermeister Winfried Zehetmeier: "Heute steht leider schon vielfach der verschämte Bekleidete dem unverschämten Nackten gegenüber."

Der Vorsitzende des Katholikenrates, Erwin Brießmann, verglich die Nacktbader in einem Gleichnis: Einer, der Trompete blase, müsse ja ebenso Rücksicht nehmen auf die, die das nicht gerne hören. Mit dem Ausziehen sei das nicht anders. Worauf sich ein Nacktbader entrüstete: 'Mann, Nacktsein macht doch keinen Krach!' Dann wurde viel von den ästhetischen Empfindungen der bekleideten Minderheit gesprochen, wobei ein überzeugter Badehosenträger meinte: Was ihm zu schaffen mache, seien 'diese schlendernden Penisse'.

Auch CSU-Innenminister Gerold Tandler entrüstete sich: 'So heiß kann's doch net sein, dass sie die Badehose auch noch ausziehen müssen.' Spiegel-Autor Peter Brügge widmete der 'ganzheitlichen Besonnung' in München gleich mehrere Seiten und fragte einen Sonnenfreund nach seinen Gründen für sein Nacktwandeln: 'Braun wennsd bist, hast überall Kredit. Das weiß ich aus einer Onassis-Biografie!'

Sogar die New York Times berichtete 1979: 'Kein Sichtschutz trennt sie, Abertausende an der Zahl, von der immer noch bekleideten Mehrheit der Bevölkerung. Sie sonnen sich, spielen Federball oder Fußball - und niemand regt sich auf!' Sogar in der Straßenbahn wurden Nackerte gesichtet und fotografiert! Die Routen für die Stadtrundfahrten mussten geändert werden, denn nach dem Glockenspiel (!) ging's sofort zu den Nackerten unter dem Monopteros, und den prüden Japanern fielen die Augen aus dem Kopf.

Die Stadtverwaltung, zuständig für städtische Grünanlagen, und die Schlösserverwaltung, zuständig für die Schönfeldwiese im Englischen Garten, waren ratlos, wie man juristisch handeln soll. Eine nackte Gesetzeslücke sozusagen. Erst 1982 wurde gesetzlich geregelt, wie man sich in München beim 'Wasser-, Luft- und Sonnenbaden' einwandfrei benimmt."

Umfrage im Englischen Garten

"Wir bleiben zwar lieber angezogen, doch jeder soll das so machen, wie er will. Entspannt sein, ist unser Motto. Es stimmt, dass gerade die jungen Leute nicht mehr so freizügig sind. Die Gesellschaft ist einfach prüde geworden. Viele schämen sich vermutlich. Dass die Nackedeis sogar in Reiseführern stehen, finden wir aber affig. Für uns wäre das kein Grund, extra hierher zu gehen."

Felix Hohenbleicher (45) mit seiner Familie, München

"Wir sind hier im Urlaub und wussten gar nicht, dass man hier nackt sonnen darf. Aber uns würde es nicht stören. Wer's nicht sehen will, kann ja weggucken. Gut möglich, dass die jungen Leute sich nicht mehr trauen, sich zu freizügig zu präsentieren. Wohl auch wegen Instagram & Co., wo offensichtlich nur noch Models unterwegs sind."

Vanessa Kriehn und Anna Siebel (27), Köln

"Wir würden uns niemals öffentlich nackig präsentieren. Irgendwo braucht man doch Privatsphäre. Dass die Nackten sogar als Tourismus-Attraktion präsentiert werden, geht gar nicht. Der Trend weg vom Nacktsein geht vielleicht auch zurück, weil es heutzutage nichts Besonderes mehr ist. Da ist vielleicht der Reiz im Gegensatz zu früher weg."

Alina (21), Leila (20), Felipe (28), Michaela (27) und Angela (24), Studenten aus München

Florian Fussek, Sabrina Höbel

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